Serie Philosophie (Teil 3) | Kognition
Dem Bewusstsein auf der Spur
Wie wir unsere eigenen geistigen Vorgänge und Zustände erleben, ist nach wie vor ein Rätsel. Für manche Computerwissenschaftler entsteht Bewusstsein von selbst auf einer hinreichend hohen Komplexitätsstufe der Informationsverarbeitung. Hirnforscher suchen dagegen nach den neuronalen Grundlagen. Gemeinsam mit Philosophen entwickeln sie Modelle für die mentale Verknüpfung einzelner Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken zu einer bewussten Vorstellung.
Diese Szene enthält zahlreiche Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken mit Merkmalen, die charakteristisch für das Bewusstsein sind. So haben sie jeweils eine bestimmte Qualität, durch die sie sich voneinander unterscheiden: Den Kaffeeduft empfinden Sie anders als die Taubheit im Arm. Die Wahrnehmungen sind jeweils auf unterschiedliche Gegenstände in Ihrer Umgebung gerichtet, haben also einen "repräsentationalen Gehalt". Dabei ist all Ihren Vorstellungen eines gemeinsam: Nur Sie selbst wissen, wie es ist, sie zu haben oder sich darin zu befinden. Dieses Gefühl der Meinigkeit macht Ihre Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken auf einzigartige Weise subjektiv, ja privat.
Außerdem werden Ihnen die Einzelheiten nicht isoliert voneinander bewusst, sondern als


Der Autor ist Juniorprofessor für Philosophie
des Bewusstseins und der Kognition an der
Ruhr-Universität Bochum. Er leitet dort eine vom
Land Nordrhein-Westfalen geförderte Nachwuchsforschergruppe
zum Thema »Intentionalität,
Selbstbewusstsein und soziale Interaktion«.
Sein Philosophiestudium in Köln und London
schloss er 2005 mit einer Promotion zu Bewusstseinstheorien
ab. Zwischenzeitlich war er am philosophischen
Seminar und am Centrum für Integrative Neurowissenschaften
(CIN) an der Universität Tübingen tätig.
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1. Den Pionier der Bewusstseinforschung ignoriert
05.04.2011, Manfred WeisZugegeben, er führte keine apparategestützten Untersuchungen durch, aber seine Selbstbeobachtungen im Zusammenhang mit dem Versuch, das Wesen des eigenen Ich auszumachen, haben durchaus Pioniercharakter.
Gautomas Erkenntnis, dass alles, was wir für unser Ich halten, letztlich nur Attribute des Ich sind, sowie die Folgerung, dass es lediglich möglich sei, zu erkennen was nicht das Ich ist, wären sicher interessante Diskussionspunkte gewesen.
Mir scheint fast, dass Asien in Bezug auf Wissenschaft, Philosophie und Religion als fremdartig und exotisch und von daher keiner weiteren Beschäftigung würdig empfunden wird.
2. Ehrenwerte Leistung von Tobias Schlicht
18.04.2011, Norbert Hinterberger, HamburgSchlicht hat sich bei seiner Arbeit über das Bewusstsein an neuesten Forschungsergebnissen orientiert und einen sehr informativen Überblick über die einzelwissenschaftliche Behandlung dieses natürlich nach wie vor spannenden Themas gegeben. Die Spannung erhält sich für uns dabei wohl direkt proportional zur Menge der nebelhaften Lehnstuhl-Spekulationen (nicht nur) der älteren Philosophie - und auch der vieler Einzelwissenschaftler natürlich.
Schlicht versucht uns nicht mit seinem Engagement zu erschlagen. Er hält experimentelle Fakten und Interpretationen sauber auseinander. Auf S. 65 macht er darauf aufmerksam, dass man etwa die Gleichsetzung von neuronalen mit bewussten Vorgängen ebenso wie dann natürlich auch die Alternative (getrennte Phänomene „die nur miteinander zusammenhängen“) als eine Frage der Interpretation zu betrachten hat. Diese Frage ist sicherlich nicht so leicht zu beantworten wie die der Gleichsetzung von Geist und Hirnvorgängen etwa. Hier erscheint man inzwischen wohl nicht mehr als übereifrig, wenn man behauptet, dass der Identismus (in irgendeiner Variante) die plausibelste These zu sein scheint.
Die Theorien zum Bewusstsein machen da schon größere Schwierigkeiten: Funktionalismus, Repräsentationalismus oder Biologismus? Ersterer läuft auf eine Computeranalogie hinaus, die biologische Details unseres Gehirns außer Acht lassen darf. Der Repräsentationalismus ist auf „das Vorliegen begrifflicher Fähigkeiten“ (S. 68) angewiesen, schließt also viele Lebewesen aus. Beide Ansätze (und also erst recht ihre Kombination) erscheinen auf Grund dieser restriktiven Voraussetzungen wenig attraktiv. Die biologische Theorie scheint die natürliche Erweiterung des Identismus in der Geist-Hirn-Frage zu sein. Sie ist emergentistisch, und das muss sie auch sein, wenn sie nicht in das Computermodell abstürzen will oder in den anthropozentrischen Repräsentationalismus. Allerdings gibt es auch hier eine Variante, die „das bewusste Erlebnis nicht mit dem zugehörigen Gehirnprozess gleich“ setzt.
Schlicht hat auch hier einen Einwand, den ich allerdings nicht nachvollziehe, weil man diese letzte Variante ja nicht vertreten muss: Beim Biologismus bleibe „unverständlich“, warum bestimmte Gehirnprozesse „subjektiv erlebt“ würden, „andere hingegen unbewusst“ blieben. Er hält das für eine „Erklärungslücke“. Beim identistischen Biologismus kann man das aber einfach mit der Range bzw. mit der jeweiligen Stärke neuronalen Feuerns erklären. Er sagt dann: „Manche Forscher ziehen daraus den radikalen Schluss, dass Bewusstsein nicht auf irgendeinen physischen Vorgang reduziert werden könne, sondern wie Masse und Energie als eine elementare Eigenschaft des Universums anzusehen sei.“ Das scheint mir nun noch absurder, als der Versuch, diese Denkfigur auf die Information anzuwenden, was auch schon versucht wurde. Das ist in beiden Fällen einfach nur ein Rückfall in den erkenntnistheoretischen Idealismus. Schlicht distanziert sich zwar nicht explizit von dieser These. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass er mit ihr sympathisiert, angesichts seines Gutheißens der im Wesentlichen biologistisch emergentistischen Vorstellungen von Damasio, Edelman und Koch – gegenüber der in diesem Fall nichtplausiblen atomistischen Hypothese.
Ich hätte mir an dieser Stelle etwas mehr Klarheit gewünscht. Insgesamt kann man aber wohl sagen, derartige philosophische Arbeiten lassen sich mit Gewinn lesen.
3. Bewusstsein ist mehrdeutig
26.04.2011, Dr. Thomas Schmidt, PullachIn dem Artikel wird Bewusstsein als „Erscheinen einer Welt“ in Sinn von Wahrnehmung und individuellen Verstellungen bezeichnet, wobei es vor allem auch um die Erforschung des „neuronalen Korrelates“ dieses Wahrnehmungs-Bewusstseins geht.
Der Begriff „Bewusstsein“ ist jedoch mehrdeutig. In dem Buch „Das Ich und sein Bewusstsein“ von J. Eccles und K. Popperwird der Begriff „Bewusstsein“ für vier verschiedene „Geisteszustände“ verwendet, wobei Nr. 2 und 3 etwa der Definition im Artikel von Tobias Schlicht entsprechen:
1. Geistige Präsenz, Wachsein
2. Sinnliche Wahrnehmung
3. Ergebnisse unseres Denkens (Erkenntnisse/ Vorstellungen)
4. Emotionen, Erinnerungen, Träume
In seinem Buch „Der Geist fiel nicht vom Himmel“ sieht Hoimar von Ditfurth das Bewusstsein hingegen als typisches Merkmal der Spezies Mensch an. Nach diesem Verständnis dürfte Bewusstsein bei Tieren und Pflanzen nicht vorhanden sein. Wendet man dieses Kriterium auf die oben angeführten vier Definitionen an, so wird es von keinem dieser Definitionen erfüllt.
ad 1. Wach sein, geistig präsent sein, ist nicht auf uns Menschen begrenzt. Auch Tiere schlafen oder können betäubt sein.
ad 2. Auch Tiere und Pflanzen nehmen sinnlich wahr.
ad 3. Auch Ansätze zum Denken treten bereits im Tierreich auf, wie es in Teil 4 Ihrer Serie beschrieben wird.
ad 4. Erinnerungen, Gefühle (Freude, Angst) und Träume sind auch bei Tieren vorhanden.
Die Frage ist, wie sich eine Systemeigenschaft „Bewusstsein“ der Spezies Mensch definieren ließe. Darauf gibt Hoimar von Ditfurth in seinem erwähnten Buch bei der Beschreibung des Großhirns und dessen Fähigkeit zu denken einen Hinweis:
„Durch die Ablösung der bloßen Intention zum Handeln vom konkreten motorischen Vollzug ließ sie [die Evolution] einen „innerer Raum“, einen Vorstellungsraum, entstehen. In diesem konnte eine Handlung in der bloßen Vorstellung auf ihre Konsequenzen überprüft werden, bevor diese real hingenommen werden müssen.“ (S. 301, 2. Abschnitt)
Diese Ablösung der bloßen Intension zum Handeln vom konkreten motorischen Vollzug ermöglicht es, dass wir uns gewisser Wahrnehmungen undSituationen bewusst werden, nachdenken können und gegebenenfalls überlegt handeln. Diese Entkopplung von Wahrnehmen und Handeln könnte man als evolutives Bewusstsein bezeichnen.
Auf der Nichtbewusstseins-Ebene, die für alle anderen Lebewesen charakteristisch ist, sind Wahrnehmen und Handeln fast immer eine geschlossene Ablaufeinheit, die artspezifisch genetisch fixiert ist und ein Nachdenken nicht zulässt.
Die Definition eines evolutiven Bewusstseins wäre so ein „radikaler Schluss, dass Bewusstsein nicht auf irgendeinen physikalischen Vorgang reduziert werden könne“, wie in dem Artikel auf Seite 68 (Kasten) erwähnt wird. Diese Sichtweise setzt, wie erwähnt, voraus, dass man „Bewusstsein“ als artspezifisches Strukturmerkmal des menschlichen Großhirns ansieht und nicht als individuelle Wahrnehmungen im Sinne von „Erscheinen einer Welt“, denen mit Sicherheit ein neuronales Korrelat zugrunde liegt.
4. Bewusstsein und Zeit
24.05.2011, Dr. Klaus-Werner Böddeker