
Marcel Weber ist Professor für Philosophie an
der Universität Konstanz. Dort hat er nach dem
Studium der Molekularbiologie und der Philosophie
1996 in Philosophie promoviert. Danach
forschte und lehrte er an mehreren Universitäten
in den USA, Deutschland und der Schweiz
sowie am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
in Berlin. Seine wissenschaftlichen
Schwerpunkte sind die Philosophie der Biologie sowie die allgemeine
Wissenschaftsphilosophie.
1. Was ist die Ursache für den Tod des Mauerflüchtling?
26.05.2011, Jörg Wartmann, VolkenshagenDie "Mauer" ist insbesondere aus Sicht des Flüchtlings als invariabler potenzieller Differenzfaktor anzusehen. Die Handlung des Flüchtlings ist dagegen genauso kausal spezifisch wie die des Todesschützen. Da wir aber mehrheitlich das rigide Grenzregime als Todesursache ansehen, kommen womöglich moralische Bewertungen der Kausalfaktoren in die Diskussion.
2. Kausalketten
01.06.2011, Klaus Teutenberg, LindlarWäre doch was für OH: "Angeklagter, was haben sie zu ihrer Verteidigung zu sagen?" "Mein Vater, äh, mein Großvater, äh, mein Urgroß...."
3. Warum Philosophie keiner mehr braucht und will
15.06.2011, Wilhelm Kröger-Dittrich, SchönbergDas emsige Aufhäufeln eines Wortkadavers rund um eine simpel herzhafte Kerntatsache der Beobachtungsnatur – die aber für sich weder zu weiterer Entdeckung oder Objektbeschreibung verhilft. Wie der Autor selbst an einer Stelle sagt: „Die meisten Systembiologen haben wohl noch nie etwas von ihr gehört.“ Systembiologen sind hier diejenigen, die Kenntnis von den Tatsachen zu verschaffen suchen, welche die „EST“ („EntwicklungsSystemTheorie“) „interpretiert“.
Nun gibt es durchaus Zusammenhänge, die, weil sie wahr sind, gelten, obwohl sich kein Forscher ihrer im Augenblick und Vollzug seines Tuns bewusst sein muss. Ein gutes ist das historische Beispiel: Kaum ein Agent des „Weltgeistes zu Pferde“ im Geschichtsvollzug muss sich bewusst sein, welchen historischen Geburtsweh-Vorgaben er gehorsam ist. Er verhilft unbewusst dem Geist der Geschichte zu ihrem Körper, das ist alles. Das ist allerdings selten, und das ist schwer.
„EST“ hingegen beizutreiben, ist leicht. Dies wechselt die Kleider wie ein Sportler (es tun sollte) täglich; man kann sagen, um jeden frisch entdeckten und hinzugefügten Tatsachenzusammenhang scharen sich gleich die emsig bemühten Schneider, die dem neugeborenen Meister theoretisch ein Gewand anmessen möchten, denn sie finden unfein, dass er nackt sei; sie meinen, dass die Könige um der Kärner willen, denen sie zu tun zu geben haben, geboren wären.
Diese Schneider sind keine Philosophen, und sie bringen das Geschäft anders in Verruf.
Denn Philosophen gibt es; und auch sie finden, dass des Menschendaseins Blöße ein Kleid gezieme; jedoch genügt ihnen eher ein Arbeitskittel, allen gleich, welcher dem Menschen Bewegung erlaubt und ihn nicht hindert bei seinem notwendigen Tun; denn ein Dasein ohne schwitzgemäßes Handeln, fürchten sie, sei ohne Ziel. Diese Gewänder sind nicht brokat und wortreich, sie sind durchdacht; sie ordnen nicht das Zeremoniell dem Leben voran, sondern sitzen enger, praktisch, dürftig, sogar grob – aber zerreißen bei Belastung nicht alsofort. Ihre Funktionalität wird durch die Berührung mit Schmutz nicht aufgehoben; denn sie repräsentieren nicht in erster Linie, sondern sind zum Gebrauch bestimmt. Beweglich ist auch ein schmutziger Kiddel; ja, es fällt dem Tun leichter, unbeschadet der Ansehenssorge wirken zu können.
„EST“- ein typischer Zeremonien-Teelöffel, formgerecht zu halten mit abgespreiztem kleinem Finger bei Damen im Kränzchen. Hier wird über gesellschaftliche Appointments getratscht, die in Räumlichkeiten anderswo geschaffen und ausgehandelt werden. Bei allem, was hier, in diesen Zirkeln, je geredet wird: Es wirkt kaum bis dahin zurück, in jene Experimentierstuben der Wirksamkeit.
„Kausalität“ ... – einer jener bescheidenen Werktätigen der Philosophie, der auch im Artikel anzitiert wird, David Hume - verband einen viel geringer scheinbaren Kern damit: die Erfahrung der steten Wiederkehr einer Abfolge gekoppelter Ereignisse vermag uns, das erste (imaginär), als URSACHE zu betrachten und das zweite (ebenso) als FOLGE; und gewahren wir das Auftreten der ersten (Beobachtung), erwarten wir das zwangsläufige Eintreten der zweiten. Solange diese gewohnte Ereigniskette – durch die Beobachtung stets zu bestätigen – nicht durchbrochen wird, handelt es sich um einen so genannten KAUSALZUSAMMENHANG, bis hin zur Folge einer „Naturgesetzlichkeit“. Wie der tatsächliche Zusammenhang der Dinge in Wirklichkeit wäre? Hume gilt ideengeschichtlich (wieder so eine Schablonenpräferenz) als sog. „Skeptiker“: Er zuckt die Achseln, wohlweislich.
Aber das ist ein Zipfel des unscheinbaren Kittels der überzeitlich gültigen Philosophie. Glauben Sie mir: Mit Hume wird man noch denken, wenn auf „EST“ nur noch als Kombinationsmöglichkeit für ein Fahrradschloss geraten wird.
EST kümmert sich um Varianzen der Ursachenermittlung bei fraglich solistischer Genverantwortlichkeit in der Folgeerscheinung des Proteinaufbaus; genauer kommt ein Abstraktum, „(Allein)Erb-Information“, erschwerend dazu, welches alles, schließlich, verkürzt, die Erschaffung einer „Entwicklungsmatrix“ nahelegt, da nicht nur Gene, sondern hinzukommend eine Gen-Umgebung von Ribosomen, Hunderten von Enzymen und t-RNAs nötig sind, um die Voraussetzung für ein neu sich programmgemäß entwickelndes Zellensemble zu schaffen; ich zitiere weiter: „Zusätzlich ist es nötig, den Begriff der kausalen Spezifität einzuführen, die erfüllt ist, wenn jede Ursache eine eindeutige Wirkung hat und jede Wirkung nicht zu viele verschiedene Ursachen“; sie ist nötig, weil durch die Unterscheidung zwischen „aktuellen und potenziellen Einflussgrößen“ der Tatsache entsprochen wird, dass einige „Bestandteile der lebenden Zelle“ bei der Entwicklung „variieren, die andern könnten es zwar, tun es aber nicht“. Mit Hilfe dieser beiden „Begriffe“ lässt sich nun endlich „die kausale Rolle der Gene bei der Proteinsynthese begründen“. Dazu gibt es noch eine kleine, feine Zeichnung, betreffend der schlagenden Darstellung des Unterschieds zwischen „bijektiver“ und „surjektiver“ „logischer“ Zuordnung, erläuternd, dass bei makroskopisch (!) messbaren Effekten „mehrere Ursachen“ zusammenwirken können – das, mit Verlaub, ist längst nicht mehr Aristoteles (der Begründer der „zweiwertigen“ Logik), es ist nur noch trivial.
Ich gehe nicht weiter in diese Richtung (womöglich zum Bedauern eines Teils von diskutierfreudigem Publikum, das nicht erkennen, sondern im Reigen sich genießen möchte) (da es ihm, im Gegensatz zum Philosophen, wahrhaft wohl in seiner gegenwärtigen Haut ist), weil ich denke, dass sich die Sache durch einfaches Nachdenken erledigen lässt - was jeder für sich ungestört am besten besorgen könnte. Nur so viel noch:
Metaphysik hat ihren achtzehnhündrigten Namen daher, dass es sich um Erkenntnis jenseits des „physikalisch“ erkennbaren Teils der Wirklichkeit handeln soll ; Philosophie – im Gegensatz zur Physik - stellt demnach Wahrheit durch die geistige Zusammenstellung von einzeln „physikalisch“ erforschbaren Weltfragmenten, Tatsachen genannt, her. Die Wahrheit der Philosophie erfolgt in der Kombination und Zusammenschau von Tatsachen; und zwar, um vollständige Wahrheit zu liefern, von allen bekannten Bruchstück-Fragmenten der Welt, widerspruchsfrei.
„Physik“ liefert den zahlreich ins Winzigste zersplitterten „Körper“ der Welt, in einer Vielheit; „Philosophie“ liefert wieder ein Verbindendes, Umfassendes dieses Zersplitterten, in einem diesen Körper beseelenden Geist, in der EIN-heit einer „Zusammenschau“.
Daraus folgt zwingend, dass es viele „kleine“ Tatsachen gibt; jedoch nur (als Postulat) eine in Wahrheit möglichst schlicht und simpel erscheinende „Theorie“, eines jeweiligen Sinns, den im einen wahren Fall diese zusammengesehenen Tatsachen „mit sich“ ergeben. „In sich“ erforscht sie die Wissenschaft (Naturwissenschaft); „mit sich“ ergeben sie ausdeutbaren Sinn, der nur scheinbar in ein Ermessen gestellt ist; denn es kann nur einen wahren Zusammenhang geben, den es herauszufinden (zu deuten) gibt, da es nur eine Wahrheit gibt (Voraussetzung sine qua non); Philosophie bemüht sich, diesen einen wahren Zusammenhang in Worte zu fassen und zu formulieren. (Davor hat sie wohl die Aufgabe des Erkennens.) Nach allem, was bisher bekannt wurde, scheint der zweite Teil der Aufgabe der schwierigere. (Wahrlich, betrachtet man die Größen der Philosophie durch die Jahrhunderte, scheinen sie sich in den Tatsachen - nicht den je divergierenden Formulierungen aber - bemerkenswert einig, wie Lessings Metapher von den drei Ringen des Nathan.) Worin ist die Unerkennbarkeit der Schattenursache in Platons Höhlengleichnis der Ideen von der mysteriösen Unzugänglichkeit des kantschen „Dings an sich“ unterschieden? Oder vom phänomenologisch Bedingten bei Husserl? Oder dem Aspekt der sprachlichen Undeutbarkeit bei Wittgenstein? Wahrlich, man sollte nicht das Trennende der Philosophen hervorheben, sondern ihrem verbundenen Urgrund nachspüren. Denn es geht nicht darum, die Worte zu vermehren, sondern die Welt in ihrem Urzusammenhang zu rekapitulieren und zu fassen. Nur wer hier den Drang spürt, „was sie im Innersten zusammenhält“ zu schauen, ist würdig, dem Blick der Philosophen beizutreten und in ihre persönliche Weltkugel den gleichen zu tun: Denn sie alle waren zuerst Menschen, Zeugen dieser einen Welt, die sie inspirierte und später zu Worterklärungen trieb. Wer nur am Munde der Philosophen, gar eines, hängt, kann das Sprechen der Natur, das Wahrheit buchstabiert, nicht recht beachten. Er hängt an der Flasche; er wägt und wendet die Worte des einen, im Abweichenden und Gegensätzlichen zu denen des anderen; und in den Unterschied versucht er die Wahrheit zu klammern; sie liegt aber vor allem im Spruch jenes übrigen Ursprünglichen, das jedem vor Augen steht; denn wir alle stehen im Angesicht der Natur vor Gott (Unwort!), und Wissenschaft - diejenige der Tatsachen, nicht der Worte - lehrt: Siehe selbst!
Das scheint gebürtige Philosophen von solchen der Naturwissenschaft landläufig zu unterscheiden: Die einen schöpfen gern aus Geschöpftem, die anderen bedienen sich an der Quelle. Einige Fässer stehen seit Jahrhunderten angebrochen herum; in ihnen, zwischen sich tummelnden Fröschen und Mückeneiern, treibt oft grünliche Bracke, die abzukochen vor Gebrauch ratsam wäre; wenige Fässer liegen so geschickt im Fluss, dass sie an ewiger Frische durchspült partizipieren; und, nach so langer Zeit, sind wir denjenigen dankbar, welche endlich bewiesen, dass der ursprüngliche Inhalt der Fässer, aus denen Menschen sich zuerst allein bedienten, aus nichts anderem als der unscheinbaren rein sprudelnden Quelle selbst stammte - dass es also legitim sei, sich seine Wahrheit nicht aus irgendeinem theoretisch throngleich verehrten Fass nur, sondern aus der Natur selbst zu holen. Diese Männer waren wahre Revolutionäre; und sie trugen, oft, Kittel, nicht wie bis dahin Fässer umräuchernde Priestergewänder.
Zwei Sorten Mensch scheint es im Wahrheitsstreben zu geben: die aus zweiter Hand und die aus erster Hand sich bedienen möchten. Einigen Kindern schmeckt ihr Essen nur in gewohnter Darreichungsform; die, welche Hunger treibt, nehmen schlicht Nahrung zu sich.
„EST“ bedeutet: schlicht Erforschliches aus dem Zuständigkeitsbereich des „physischen“ Weltkörpers illegitim unter Schellengeläut ins Reich der „metaphysisch“ sein sollenden Philosophie herüberziehen zu wollen. Ob die Zellkörper-Umgebung (nicht nur die „Gene“ allein) ein „Informationsbewahr“-Wort bei der Entwicklung mitzureden haben, ist nicht eine Frage der aufgespaltenen „sonder-spezifischen“ „Kausalität“ (hier); wenn es Kausalität gibt, gibt es nur eine - und nicht eine besondere neben anderen solchen („spezifischen“). Das, meine Herren, ist aristotelische Scholastik (wofür Aristoteles selbst übrigens wenig verantwortlich zeichnet). Inwieweit die Zellumgebung auf die Entwicklung des zukünftigen Bio-Körpers Einflussnahme und Verantwortung nimmt, ist eine Frage der spezifischen „Systembiologie“-Forschung – nämlich eines zu klärenden Details unter je vielen (und etlichen weiteren, die daraufhin wieder neu folgen werden) - und nicht eine der einmal grundsätzlich zu erfolgen habenden Begrifflichkeit des Kausalzusammenhangs an sich, welcher gerade von neu aufkommenden Tatsachen unberücksichtigt und unberührt bleibt (bleiben muss, lautet die Anforderung), sonst wäre er nicht „metaphysisch“. Ist Metaphysik, wenn sie denn so offensichtlich nichts mit Erfordernissen empirischer Forschung zu tun hat, denn im geringsten Grade nützlich und nicht-überflüssig? Aber ja, sehr wohl ist sie es, nützlich, denn ein Mensch so wenig wie sein Gehirn entsteht nicht dadurch, dass Einzelnes hintereinander sich für sich getrennt abspult; der Mensch ersteht erst als „der Zusammenhang“ aus dem unendlich zertrümmerten und zerfaserten Boden der wahrgenommenen Tatsachen, wie sein Gehirn (wie immer mehr sich herauskristallisiert, siehe schön formuliert ein paar Seiten später bei Gerhard Börner im gleichen Heft) in gleichzeitiger Aktivität des ganzen Neuroareals (und nicht einiger spezifizierter Teilbereiche, etwa wenn er „sieht“ statt „hört“; „Sehrinde“, Hörrinde“) den Geist, die Person, die Seele - „UNS“ - erschafft:
„Wir“ sind der kleinste gemeinsame Nenner des Zusammenhangs und nicht ein paar einzeln feuernde Neurone in irgendeiner Gehirn-Separation, und niemals wird es möglich sein, eine „Zwirbeldrüse“ oder sonstigen Sonderbereich als Sitz der Persönlichkeit zu kreieren und zu feiern: weil W i r das G a n z e, die Summe sind, und nur als Zugabe wie der „Geist über den Wassern“ über den Einzeltatsachen schweben; und erst dieser Zusammenhang gibt unser unfassbares, „körperloses“ „Uns“. Zwar sind wir im Einzelnen verwundbar wie ein Motor, dem man auch nur einen Schlauch entfernt: Aber ein funktionierender Motorlauf braucht „alles“, jedes beitragende Einzelteil, zu seiner insgesamten Notwendigkeits-Erfüllung, ohne deswegen „nur“ sein Vergaser oder seine Druckpumpe oder Nockenwelle zu sein: Er ist all dieses auch, aber er vollendet nur im funktionierenden, vollständigen Bestätigungs-Zusammenhang einen MOTOR. Man sucht das Ganze im Einzelnen vergeblich: weil es nicht e i n Einzelnes, sondern a l l e s Einzelne zusammen „repräsentiert“.
Genau deswegen ist Metaphysik unverzichtbar: weil es „Uns“ dieser Art gibt und wir - selbst ein Zusammenhang - das unausrottbare Bedürfnis, ja die Notwendigkeit einer Zusammenschau b e n ö t i g e n: Wir brauchen sie, denn nicht anders können wir (geistig) existieren. Das unkörperliche G a n z e ist die einzige Form, in der mehr als unsere bloße Bewusstheit - unsere Seele - „materialisieren“ und ihren gestaltlichen Körper gewinnen kann: anders sie nur als gar nicht wäre. Aber sie will sein. Deswegen muss sie eine Zusammenschau schaffen. Denn anders ist sie nicht, weder lebendig noch tot: Sie wäre nur nicht.
Metaphysik ist kein Luxus: Wir sind zu ihr, wollen wir eine Seele besitzen, verurteilt.
Aber es kann nur einen (metaphysischen) Zusammenhang geben; „über“ einer Vielzahl von selbst sich wandelnden Einzeltatsachen, deren je letzterer Einfluss, selbst im Konträren, auf die Erscheinung des Gesamtbildes verhältnismäßig gering bleibt. Ein Pinselstrich mehr oder weniger, selbst ein umstürzender Farbtopf, erfasst und verändert(e) kaum je das Ganze (in der Geschichte) grundsätzlich. Aber trotzdem hat das geschaute Bild einen großen, umfassenden Eindruck: im Geiste des Betrachters, der vor ihm steht und blickt.
(Tradierte) Metaphysik ist letztlich eine Beschreibung des erkannten Bildes aus dem Mund ihrer Betrachter. Es hilft ihnen nicht, wenn es ihnen behagt oder nicht behagt, sich auf Beschreibung von Einzelheiten, von winzigsten Fragmenten aus dem Dargestellten zurückzuziehen. Die bohrende Frage dessen, der selber sieht (oder auch nur eine Meinung hört, weil er etwa blind wäre), „was es denn nun darstelle“, „wovon es handle“, ob jemand oder eine Handlung zu erkennen sei, oder selbst nur rein abstrakten Kandinsky oder Picasso gebe: Er wird einen Eindruck, einen Ausdruck davon gewinnen müssen, er wird der Frage - die gestellt ist von ihm oder anderen, dadurch, dass er lebt und diese Frage sich ihm deswegen stellt - beantworten müssen: was dieses Bild ihm denn sinnbildlich vorweise, „darstelle“, womöglich bezwecke. Er kann versuchen, er kann aber nicht durchhalten, nur Einzelheiten zu beschreiben - und den Zusammenhang zu ignorieren. Versucht er diesen Zusammenhang, im Geiste, herzustellen, treibt er jedoch Metaphysik - oder Philosophie -, das göttlichste Geschäft des Bewusstseins auf der Erde.
Metaphysik ist unausweichlich; man kann aber nicht viele Worte – wahrhaft – darum machen, denn ihr Zusammenhang ist schlicht. So gibt es nur eine Kausalität, zu der etwas für sich zu sagen wäre; aber unendliche viele Zusammenhänge, die jede für sich „kausal“ ablaufen. Es gibt nur eine bescheidene Darstellung der Kausalität, um welche Philosophie sich zu kümmern hat - es muss nicht einmal die zitierte David Humes sein. Auch diese Erkenntnis entwickelt sich im bescheidenen Rahmen weiter, wie Mathematik (etwa) (und wie Humes Fassung Kant sie als seinen Ausgangspunkt erkannte); doch nicht alles und jedes Gerede, während man versucht, die Quadratur des Kreises ausfindig zu machen, ist die Lösung. Und es tut gut: das Gerede um das Lösungsbemühen vom Heureka! Ich hab’s! des erfolgten Durchbruchs zu unterscheiden und deutlich zu kennzeichnen. Wahre Philosophen taten das immer: nicht ihr H e u r e k a zu kennzeichnen (das erkennt sich schon von selbst), sondern ihr unergiebiges, ergebnisloses Forschen zuvor schon als solches zu markieren und kenntlich zu machen; doch der Mut hierzu nährt (und rechtfertigt?) sich aus der Vertrautheit mit der Tatsache eines möglichen Durchbruchs selbst.
Wer diesen nie hatte und sich nicht einmal vorstellen kann, dass es in der Philosophie, ebenfalls, positive Ergebnisse geben könnte, wer das endlose Schwafeln von Anbeginn der Zeiten an (zu versuchen, zu beschreiben, was man sieht- ohne noch zu erkennen) verwechselt mit jenem (Fruchtbaren) und nicht glaubt, dass es im Wesen der Philosophie anderes mehr geben könnte als das Reden an sich, dem (nachvollziehbar) fällt das Gewicht eines neuen Begriffes zu geben leicht; er lebt ohnehin in fortwährender Inflation und fragt stets nur, wie viel Zigaretten er abends (Beeilung! Sie galoppiert!) für diesen nachmittags entgegengenommenen Zahlschein mit einer für ihn imaginären – gegenstandslosen – Nummer darauf gedruckt er wohl eintauschen kann. Die Zahl interessiert ihn nicht: Er denkt in Zigaretten, in Eigennutz und Eigenwert.
Der Philosoph hingegen schaut auf das Repräsentanz der Zahl - sehr wohl: Denn für ihn ist es ein, überzeitlich sprachgültiges, Synonym der Beschreibung, womöglich für andere, vom übereinzelnen Wesen der Welt. Er versucht (bestenfalls) nicht allein für sich zu erkennen, er versucht (da so bekannte „Philosophie“ letztlich einen Kommunikationsversuch darstellt) die Beschreibung des Bildes zu geben, in Worten, die alle jederzeit verstehen. Er betrachtet nicht intrinsisch sich, er bezieht den Blick nach außerhalb, außer seiner, auf eine verantwortliche Welt (was schwerer ist, als sich in die Vorgeblichkeit des Einzelnen einsinken zu lassen). Aus ihr (eigentlich letztlich der Verantwortung, nicht zuerst der Weltbasis) gewinnt und destilliert er seinen Maßstab; und nichts fällt ihm deswegen schwerer, als einen Begriff zu wägen und zu umfassen - vorsichtig! Worte sind ihm nicht wohlfeil; Worte sind ihm folgenreich, wichtig. Er ringt um den metaphysishen Charakter der Begriffe und geht keineswegs verschwenderisch mit ihnen um. Er schweigt eher, als dass ungenaue Worte ohne Sinn und Zahl seine Lippen verlassen; er achtet sie, denn er weiß:
Es gibt unendliche und nicht einmal entscheidend wichtige Einzeltatsachen (könnten wir sonst mit der stets vorläufigen Gültigkeit der naturwissenschaftlich bekannten „Gesetzlichkeit“ leben?); es gibt unzähliges Einzelnes, welches für sich niemals genügend wiegt, die Waagschale des Ganzen zu seinen Gunsten zu senken: ABER es gibt nur ein „Eines“; und für dieses übernimmt und trägt er, in seiner metamenschlichen Eigenschaft als Philosoph, die Verantwortung, und er ist nur so lange einer, wie er dieser Verantwortung gerecht wird. Wenn er dies spüren kann, dass er für seine Worte der Natur - „Ontos“ , etwas außer sich – gegenüber verantwortlich ist, wenn es ihm schwerfällt, Worte zu finden, wenn er ihr Gewicht spürt: in dem und nur dem Maße ist er, anders, Philosoph.
Der Philosoph ist nun einmal definitionsgemäß n i c h t Naturwissenschaftler; was aber nicht ausschließt, dass er ihm wesensmäßig verwandt sein kann, ja muss (in Wahrheitsstreben) und auch beides in Person nacheinander sein und duplizieren darf; aber wenn er Philosoph ist, solange er es ist, ist er nicht „Natur“wissenschaftler; sondern Welt-Wissenschaftler, bemühter Wahrheits-Wissenschaftler (im amourösen Sinne). Nicht nur der Naturforscher gibt (vorläufige) Wahrheit: Der „Weise“ sucht ebenfalls, jedoch endgültiger, nach derjenigen des einmaligen (deswegen schwerer wiegenden) Ganzen, was eben immer zwei verschiedene, ewig unvereinte Getrenntheiten - das eine konkret, das andere ein Abstraktum - sind. Die Naturerfahrung besteht aus gereihtem Einzelnem; der Geist allein, das Bewusstsein, erschafft den Zusammenhang illusionär wie jene „Kausalität“, welche nur in ihm, dem Geist - nicht im „Natur-Konkreten“ - besteht (was immer an seiner Stelle dort „ähnlich“ bestehen mag). Das Forum des „Ganzen“ in der Welt ist der Geist; und stirbt dieser, stirbt sein Ganzes mit ihm und zerfällt in die Trümmer des Einzelnen zurück, die von ihm, für den Nächsten (Versuch) bleiben; die zurückbleibende „Ursache“ des Einzelnen vergeht materiell niemals, das bloß erschaute Ganze immer; denn das Ganze hat keine andere Basis und Daseinsmöglichkeit in dieser Welt als die Lebensdauer, die sich erschafft, von Geburt an; wir kennen sie, denn wir sind selber ihre Zeugen: Denn auch wir sind geboren, und auch wir stehen vor der unausweichlichen Frage: W A S vermögen wir zu erkennen - nach einiger Sammelzeit unseres Beobachtens -, welchen S I N N ergibt das - bis dahin - erfahrene GANZE, unabhängig vom EINZELNEN?
Wir müssen uns antworten: Nein: wir müssen uns diese Frage stellen – ob wir antworten möchten oder nicht. Aber wir wollen eine Antwort. Leider (oder bedankt?) m ü s s e n wir : w o l l e n.
Die Notwendigkeit eines Sinns sitzt unserem geborenen Fleisch inne wie ein Stachel.
Deswegen - weil wir wollen müssen - ist es besser und einzig möglich, sich nicht zu versagen, wo das Einzelne beschränkt allein so viel bequemer und sicherer wäre: doch im Ganzen zu wollen und zu antworten: und das unausweichliche Geschäft der Metaphysik doch zu treiben.
Der Naturwissenschaftler, der sich Philosophie traut, kriecht aus der Deckung und stellt sich und gibt zu, Mensch zu sein - mit der allein geschaffenen Verantwortung dem Ganzen gegenüber.
Und weil S I N N sich aus demselben Keim entwickelt, der auch KAUSALITÄT gebiert (denn ihre Begrifflichkeit ist verwandter Natur), ist es gut, sich ihrem Wesen zu nähern - und mit dem Leichteren beginnend zu erkennen, was Kausalität ist, um schließlich selbst Sinn darin zu finden.
Deswegen darf man aber noch immer nicht rumschwafeln, sondern muss fein gucken: die einen ins Töpfchen, die andern ins Kröpfchen. Gebt dem kaiserlichen Naturwissenschaftler, was seines ist: also fast alles des kreatürlichen Einzelnen; auch seine Entwicklungsmatrix („Vererbungsinformations-Umfeld“), die rein erforschlich ihm zugehört; und wenn es ihm hilft, auch die (vorläufige) Krücke einer „EST“ dazu, als Arbeitshypothese und Vorstellungs-Gehhilfe; das Wenige darüber Hinausgehende, rein metaphysische Deutbare, Gemeinsame aber lasst fein zuhaus, achtet die Begriffe und erkennt ihr Geblüt - erkennbar an der Krone, vielmehr der Art, wie sie sie trägt. Nicht zu vermischen, das birgt Gefahr! Und nützt niemand zu nichts Gutem.
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PS: Etwas anderes: Vielen Dank für den darauf folgenden, wieder sehr aufmerksamen und registrierende Offenheit demonstrierenden Artikel von Gerhard Börner („Naturwissenschaft in der Sackgasse?“), in dem ich für meinen Bedarf mehr von dem, was ich Philosophie oder eher „philosophischen Instinkt“ nenne, entdecke als im ganzen vorzitierten Artikel.
Noch eine Anmerkung zu „Philosophie Teil 8 Biologie“: Natürlich hat die moderne Biologie, namentlich der Entwicklungsgedanke (ausgehend von Charles Darwins durchgeführter Theorie, und nicht einmal erst nur von ihr), die eklatantesten Auswirkungen auf das Weltbild der Philosophie gehabt – vielleicht (für mich gewiss) mehr als die Implikationen der Quantenphysik, etwa so vielberedet auf die „Willensfreiheit“. Ein Beispiel: (wieder) Kants „Ideen a priori“: Er musste Raum und Zeit noch als „eingeboren“ verklausulieren, um einen zutreffend erschlossenen Effekt erklären zu können, bevor es ein „Werden“ gab – eine Brücke zwischen dem gar Nichts und dem Endprodukt. Heute brauchen wir „metaphysische“, „wundergleich“ vorinstallierte Ideen a priori nicht mehr: Denn sie sind dank moderner Psycho-Physiologie in der Neurogenese prinzipiell erklärbar geworden. Wer zweifelt daran, dass unsere Raum- und Zeitkonzeptionen aus der Erfahrungsberührung mit der Wirklichkeit gewonnene Abstraktionsleistungen unseres Neurogeflechtes, erworben im Laufe des Aufbaus seiner Lebens-Welt-Abbildung, sind? – Vor der Evolution gab es nur ein fertig Geschaffenes, unverändert einmal so wie immer in die Welt Getretenes, und somit nur die Möglichkeit, von Anfang an so vorhandenen – von als fertig entdeckten - „Ideen“ (Platon, Kant) zu reden. Die Entdeckung, dass (und vor allem wie!) alles wird, lässt auch „Ideengenese“ zu etwas Werdendem werden und eröffnet vor allem auch den Weg zur Idee, wie Ideen werden können – Darwin, welcher für seine Zeit reif war, hatte (und hat) eklatante Auswirkungen in der Selbst-Entdeckungsreise des Menschen, und wer wollte bezweifeln, dass Philosophie eine solche ist?
Schade also, dass das überaus lohnenswerte Titelthema „Teil 8 / Philosophie der Biologie“ an die Betrachtungsweise eines rein der naturwissenschaftlichen Sphäre angehörigen Effektes verloren wurde, die aber nicht auch im Geringsten etwas mit Philosophie zu tun hat – Zeichen dafür, wie sehr nicht nur „Religion“ (zu Recht), sondern auch Philosophie (was wohl? – natürlich zu Unrecht!) vom exzeptionellen Siegeszug des emanzipierten (fast schon suffragettischen) Töchterleins der Philosophie, der Naturwissenschaft, zur Seite und in den Hintergrund gedrängt wurden, sicher nicht ohne deren Zutun durch Versagen gegenüber ihrer Verantwortung. Keine Gesellschaft finanziert auf Dauer einen nutzlos sich überflüssig blähenden Priester- oder Weisenstand, dessen einzig ins Auge gefasstes sophistisches Wohl nur noch das eigene ist (oder war) (übrigens Naturwissenschaft: Caude!). - Die technische Entwicklung ist dagegen sicher nicht von Pappe und auch nicht nutzlos gewesen in den vergangenen, vor allem zwei letzten Jahrhunderten - elektrische Geräte und eine digitale Revolution, an deren beginnenden ersten Fruchternten wir partizipieren, sind schon etwas Feines u.a. Jedoch die Seele: Sie nährt sich vor allem nicht von den Früchten der Technik, sehr viel mehr schon von denen der Wissenschaft. Aber auch diese allein machen den Menschen nicht satt. So bedauernswert diese Erkenntnis dem modernen Wunschdenken vorkommt: Ein Rest urzwangsläufiges Philosophie-Bedürfnis bleibt - und es bleibt nicht nur, es wächst.
In demselben Maße, wie klar (werden) wird, dass technische Besserstellung wohl den Körper des Menschen sichert und hofiert, seine Seele aber – im Gegensatz zu einer nie gekannten äußeren Vormachtstellung im beginnenden Festungsleben dieser Biosphäre - immer fragiler und verwundbarer wird, ja dass sein angelegter und entwickelter Panzer, der ihn aus diesem Zusammenhang des Biologischen reißt – dass diese zunehmende Unangreifbarkeit (?) in seinem gesamtgesellschaftlichen Festungsdasein innerhalb dieses Schöpfungsplaneten-Geflechtes in ihm ein Loch hinterlässt, in dem seine unwahrgenommene Verantwortung, welche mit den Fähigkeiten wächst, in seinem Seelenhintergrund unheilvoll rumort und sich nicht wegberuhigen lässt – so lange, bis er sich den Implikationen seiner neu hinzugewonnenen Fähigkeiten und Vermögen – und auch seiner PRAXIS! – stellt und, unter Zuhilfenahme urangemessener Mittel der „Philosophie“ (welche solche der „Gesamtschau“ nicht „-scheu“ sind), seine Seelenempfindlichkeit wieder dahin weitet, bis TUN und WISSEN - VERSPÜREN und LENKEN seiner TATEN - erneut(?) in einem ausgehandelten, dem Leben wiederum? dienenden Gleichgewicht stehen – salbungsvolle Worte zum Schluss.
Schade also, dass diese Chance – Philosophie im Zeitalter und Gefolge Darwins – in diesem Artikel, "... - Am Beispiel der Gene", gründlich nutzlos und wie seicht vertan wurde.
Trotzdem vielen Dank, auch für den wiedergutmachenden Artikel von Gerhard Börner. So dauerte der Schmerz nicht allzu lang.
4. Gut verständliche Darstellung - aber keine Philosophie
28.07.2011, Walter Weiss, KasselWas soll das aber mit Philosophie zu tun haben? Eine derartige rein naturwissenschaftliche Abhandlung wird ja wohl kaum zu einer philosophischen, wenn man wenige Sätze voranstellt, die das - angeblich rein philosophische, in Wahrheit aber ebenfalls rein naturwissenschaftliche - Problem von Ursache und Wirkung skizzieren.
Es sei denn, der Denkansatz sei geplant gewesen (ohne indessen zum Ausdruck zu gelangen), dass das soeben genannte Problem von Ursache und Wirkung nur scheinbar ein generell philosophisch zu lösendes Problem ist, das aber in jeder einzelnen naturwissenschaftlichen Disziplin und dort auch wieder gesondert in jedem einzelnen untersuchten Vorgang konkret und individuell behandelt werden muß.