Das Rätsel des bewußten Erlebens
Je genauer die Neurowissenschaftler die Funktionsweise unseres Gehirns zu beschreiben vermögen, desto deutlicher wird, daß all ihre Messungen und Modelle just den zentralen Aspekt des Bewußtseins nicht erfassen: das subjektive Innewerden von Qualitäten wie Farbe oder Geruch, einer Überlegung oder einer Emotion.
Objektiv betrachtet ist das Gehirn ein einigermaßen verständliches Gebilde. Wenn Sie etwa diese Seite betrachten, läuft im Nu eine Serie von Verarbeitungsschritten ab: Ihre Netzhaut absorbiert Photonen, elektrische Signale wandern durch den Sehnerv zu verschiedenen Hirnarealen, und schließlich reagieren Sie vielleicht mit einem Lächeln, einem verdutzten Stirnrunzeln oder einer Bemerkung. Doch derselbe Vorgang hat auch einen rein persönlichen Aspekt. Wenn Sie die Seite anblicken, sind Sie sich dessen bewußt; Sie erfahren die Wörter und die farbige Abbildung unmittelbar als Teil Ihres eigenen geistigen Erlebens. Sie haben den lebhaften Eindruck bunter Blumen und eines leuchtenden Abendhimmels. Gleichzeitig könnten sich Gefühle regen und Gedanken formen. All diese Erfahrungen zusammen machen Bewußtsein aus: das subjektive Innenleben des Geistes (siehe "Was macht Bewußtsein zu einem Rätsel?" von Peter Bieri, Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1992, Seite 48).
Viele Jahre lang mieden die Hirnforscher und sogar viele Psychologen den Begriff Bewußtsein. Man meinte, Wissenschaft sei auf Objektivität angewiesen und könne sich mit etwas so Subjektivem nicht abgeben. Die Behavioristen, Vertreter einer vor allem in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts mächtigen Strömung in der Psychologie, untersuchten nur extern beobachtbares Verhalten und verbaten sich jede Aussage über interne mentale Prozesse. Mit dem Aufschwung der Kognitionswissenschaften wandte man sich später zwar den Vorgängen im Gehirn


David J. Chalmers hat zunächst Mathematik an der Universität Adelaide (Australien) und als Rhodes-Stipendiat an der Universität Oxford (England) studiert, doch sein Interesse für Probleme des Bewußtseins führte ihn zu Philosophie und Kognitionswissenschaften. Er hat in diesen Fächern an der Universität von Indiana in Bloomington promoviert und gehört zur Zeit der Philosophischen Fakultät der Universität von Kalifornien in Santa Cruz an. Chalmers hat zahlreiche Artikel über künstliche Intelligenz und die Philosophie des Geistes veröffentlicht. Sein Buch "The Conscious Mind", das die Ideen des Artikels "Das Rätsel des bewußten Erlebens" näher ausführt, erscheint demnächst bei Oxford University Press.
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