
Darold A. Treffert und Daniel D. Christensen erforschen das Savant-Syndrom seit Jahrzehnten. Der Mediziner und Psychiater
Tref fert war an verschiedenen Orten des US-Bundesstaats Wisconsin in maßgeblichen Positionen tätig und fungierte beim Film
»Rain Man« als Berater. Christensen hat Professuren für Psychiatrie, Neurologie und Pharmakologie an der Universität von Utah in Salt Lake City. Kim Peek kennt er seit über 20 Jahren.
1. Karsamstag - Kim Peek hat es gewusst.
11.10.2006, Dr. Ralf Tepest, KölnKim Peek, ausgestattet mit einer phänomenalen Gedächtnisstärke, hätte also falsch geantwortet und sich um eine Woche vertan, wenn er gesagt hätte, dass der 31. März 1956 ein Ostersamstag war. Vertan hat sich der Übersetzer. Im englischsprachigen SCIENTIFIC AMERICAN heißt es an dieser Stelle „Saturday on Easter weekend“, was den „Holy Saturday“ umschreibt und mit Karsamstag zu übersetzen ist. Und so ist die Gedächtnisehre des Kim Peek gerettet.
2. Schlummernde Begabungen
27.12.2006, Roland Maier, RiemerlingOffensichtlich kommt es immer wieder vor, dass durch Entwicklungsstörungen und Schädigungen des Gehirns beziehungsweise dessen linker Hälfte Spitzenbegabungen in Erscheinung treten.
Entgleisungen in der embryonalen Entwicklung und Verletzungen des Gehirns sind von Natur aus ein zufälliges Ereignis. Auch wenn in Folge eines solchen Ereignisses eine Reihe von durchaus geordneten Reparaturmechanismen ablaufen, so bleibt die eigentliche Ursache doch von statistischer Natur.
Hier stellt sich zwangsläufig die Frage, wie ausgerechnet so ein kompliziertes Organ wie das menschliche Gehirn durch zufällige Beeinflussung Spitzenleistungen hervorbringen kann. Es gibt sonst weder in der belebten noch in der unbelebten Natur Beispiele, in denen sich komplizierte (und nützliche) Systeme nach Schädigungen verbessern.
D.A. Treffert und D.D. Christensen schreiben: "... die rechte Hemisphäre ist nun vom Joch der linken Hirnseite befreit, die in der Regel als dominant gilt und in manchem über die rechte Seite bestimmt. Deswegen vermag die rechte Hemisphäre nun einige ihr innewohnende Fähigkeiten hervorzubringen, die sonst schlummern."
Allgemein würde das Folgendes bedeuten:
1. Der normale Mensch hat wesentlich mehr Intelligenz als er nutzen kann.
2. Es birgt Bereiche im Gehirn, die Intelligenz unterdrücken.
Damit ließe sich die obige Frage beantworten. Wenn die Verletzungen oder Störungen den Bereich betreffen, der Intelligenz unterdrückt, so können mehr vorhandene Fähigkeiten genutzt werden. Es wurde eine Störung gestört und dadurch eine Verbesserung erzielt. Vermutlich werden je nach Betroffenheit der Störbereiche unterschiedliche Begabungen "befreit".
Seitens der Medizin wird versucht, den Mechanismus dieser Unterdrückung zu verstehen. Es handelt sich jedoch nicht nur um ein medizinisches Problem. Viel wichtiger erscheint mir die Frage, wie sich so etwas überhaupt entwicklungsgeschichtlich bilden konnte. Es ist nicht vorstellbar, dass Fähigkeiten und deren komplette Unterdrückung gleichzeitig entstehen können, denn die Evolution selbst ist nicht schizophren.
Die Begabungen einerseits und deren Gegenspieler andererseits müssen also nacheinander entstanden sein - die Begabung zuerst.
Üblicherweise entwickeln Organismen nur dann Fähigkeiten, wenn ein Selektionsdruck vorhanden ist. Auch die Begabungen von Savants können ursprünglich nur dadurch entstanden sein, dass es Vorfahren gab, die diese unter einem entsprechenden Selektionsdruck ausbildeten. Das würde aber bedeuten, dass es früher Menschen gab, die mit einem besseren Intellekt ausgestattet waren als die heutigen. Aus Schädelfunden weiß man, dass das durchschnittliche Gehirnvolumen der Europäer in den letzten Jahrtausenden ständig abgenommen hat (SdW 9/1995). Reste der frühen Fähigkeiten würden heutzutage als Inselbegabung in Erscheinung treten. Ein Puzzle dieser Reste könnte den Horizont dieser früher lebenden Menschen ergeben, den ich als Frühintelligenz bezeichnen möchte.
Warum aber unterdrückt das Gehirn seine eigenen Fähigkeiten? Wozu bildet das Gehirn Bereiche aus, die andere Teile lahm legen? Ich denke, dass man diese Frage durchaus kontrovers diskutieren könnte. Hier ein paar Ansätze:
- Die Intelligenz des Einzelnen wurde mit der Änderung der Lebensform immer weniger lebensnotwendig. Fehlender Selektionsdruck führte zu Rückbildungen.
- Die in SdW 9/1995 beschriebenen "Energiesparmaßnahmen" begünstigten Rückbildungen.
- Die entsprechenden Bereiche des Gehirns wurden für andere Aufgaben benötigt.
- Soziale Strukturen bevorzugten (beziehungsweise erzwangen?) angepasste und weniger intelligente Individuen. Man denke an tragische Schicksale großer Erfinder.
Die menschliche Intelligenz spielt in unserem Dasein immer noch die zentrale Rolle. Insofern dürfte es für eine Reihe von Disziplinen höchst interessant sein, sich mit der historischen Entwicklung der Leistungsfähigkeit dieses Organs zu befassen.