Gerard Liger-Belair Entkorkt!
Übersetzung v. Sebastian Vogel
Spektrum Akademischer Verlag
ISBN: 3827416663
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Quelle: Spektrum der Wissenschaft 12/2006
Entkorkt!
Wissenschaft im Champagnerglas
Die katholische Kirche beauftragte
1668 den französischen Mönch
Dom Pierre Pérignon, endlich die lästigen
Bläschen aus dem Weißwein zu entfernen.
Rund dreieinhalb Jahrhunderte
später ist Champagner Luxusgut, und
die Bläschen sind Thema einer Doktorarbeit.
Gérard Liger-Belair veröffentlicht
seine Ergebnisse in einem unterhaltsamen
Buch, garniert mit faszinierenden
Fotos. Nach der Promotion blieb der
Autor der Region seiner Studien treu;
heute ist er Professor für Physik an der
Universität Reims (Champagne).
Dom Pierre Pérignon hatte nicht lange
gegen den Schaum zu kämpfen; dann
änderte sich der Geschmack des Adels,
und der Mönch entwickelte Verfahren,
den Schaum zu verstärken. Dass seine
Perlen ihre Existenz aber dem Schmutz
im Glas verdanken, ahnte er wohl nicht.
Das gelöste Kohlendioxid entweicht
entweder direkt über die Oberfläche oder
sammelt sich zu Bläschen - Letzteres
aber nur, wenn bereits gasgefüllte Hohlräume
in der Flüssigkeit sind. Diese Einschlüsse
bilden sich meist in Zellulosefasern
aus Papier oder Stoff, die durch die
Luft oder beim Abtrocknen in die Gläser
gelangen. An den Einschlüssen sammelt
sich das Kohlendioxid und steigt ab einer
gewissen Menge gen Oberfläche. Belegt
wird dieser Prozess durch die Aufnahmen
einer Hochgeschwindigkeitskamera
mit Mikroskopobjektiv. Einer Perlenkette
gleich bilden sich an den Einschlüssen
immer neue Bläschen - rund elf Millionen
in einem einzigen Champagnerkelch.
In einem chemisch gereinigten
Glas hingegen entweicht Kohlendioxid
lediglich direkt über die Oberfläche.
Doch das ist erst der Anfang der Reise.
Liger-Belair folgt dem Lauf der Perlen
mit der Kamera. Er berechnet ihre
Geschwindigkeit, zeigt, wie sie sich an
der Oberfläche sammeln, und erklärt,
weshalb Lippenstift die Pracht zerstört.
Furioses Finale bilden die Aufnahmen
der platzenden Perlen.
Hilfreich für das Verständnis sind die
zahlreichen Grafiken. Leider fehlen im
Text die entsprechenden Seitenangaben,
der Leser begibt sich notgedrungen auf
die Suche.
Eine gelungene Mischung aus Physik
und Unterhaltung.
Stefan Keilmann
Der Rezensent hat Germanistik und Philosophie studiert; er ist freier Journalist in Ludwigshafen.