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Quelle: Spektrum der Wissenschaft 1/07
Dr. Oetkers neue Warenkunde
Georg Schwedt liefert eine Mischung aus alten Geschichten
und neuer Lebensmittelchemie.
Was ist Carrageen? Welche Aufgabe erfüllen
Maltodextrine? Was verbirgt sich
hinter der Nummer E 270? Was hat man von
Phenoxyethanol zu befürchten?
Georg Schwedt, Professor für Analytische
und Anorganische Chemie an der TU Clausthal,
möchte mit seinem Werk dem interessierten
Laien die Zusammensetzung von Lebensmitteln,
Kosmetika und Reinigungsmitteln
anschaulich darlegen. Damit daraus nicht nur
eine spröden Auflistung von Fakten wird,
überlässt er im Buch das Recherchieren und
Erklären den Mitgliedern einer vierköpfigen
Familie, die er einen Tag lang von den Mahlzeiten
bis hin zur Körperpflege begleitet. Die
Akteure sind: Anna, eine bewusste Verbraucherin,
die gerne und viel hinterfragt, ihr Ehemann
Peter, Experte in Sachen Chemie, Tochter
Claudia, ebenfalls immer auf der Suche
nach Antworten, und die unverdorbene Tante
Emma vom Land.
Exemplarisch für die unmöglich in einem
Buch zu erfassende Vielzahl an Lebensmitteln
und Bedarfsgegenständen bespricht
Schwedt die Produkte, die das Familienquartett
im Verlauf des Tages konsumiert. Zum
Beispiel das Mittagessen: Anna serviert als
Vorspeise Kartoffelsuppe, als Hauptgang Kartoffelrösti
und zum Nachtisch Vanillecreme -
natürlich alles Fertiggerichte aus dem Supermarkt.
Für die einzelnen Produkte - insgesamt
werden im Buch 52 vorgestellt - führt der Autor
zunächst eine Zutatenliste auf, die anschließend
erläutert wird. So erfährt der Leser,
dass in der Creme neben 14 weiteren
Inhaltsstoffen das Verdickungsmittel (der
Wasser bindende Stoff) Carrageen enthalten
ist, der natürlicherweise in Rotalgen vorkommt
und aus Galactose-Bausteinen mit
sauren Sulfatgruppen besteht.
Unweigerlich kommt es bei den Inhaltsstoffen
zu Wiederholungen. In diesen Fällen
verweist Schwedt auf bereits gegebene Erklärungen,
allerdings sehr mangelhaft, oftmals
ohne die Angabe der entsprechenden Seitenzahlen.
Um die Erklärungen zu den jeweiligen
Zutaten verstehen zu können, braucht man
ein solides chemisches Grundverständnis.
Bei den Definitionen und Erklärungen
bleibt Schwedt stets neutral. Er bietet somit
keine Angriffsfläche für Diskussionen um die
häufig eingesetzten und oft umstrittenen Zusatzstoffe
in Fertigprodukten.
Merkwürdigerweise füllt die Chemie nur
die Hälfte des Buchs; die andere besteht aus
Historischem. Über lange Strecken erzählt der
Autor beispielsweise die Geschichte des Supermarkts
oder die unterschiedlichen Verfahren
zur Gewinnung von Stärke. In diesen Zusammenhängen
zitiert er seitenweise aus
Nachschlagewerken wie "Dr. Oetkers Warenkunde" von 1934 oder "Johnstons Chemie des
täglichen Lebens" von 1882 - Inhalte, die der
Leser unter diesem Buchtitel so nicht erwartet
und die sich manchmal recht zäh lesen.
Dass der Text in anderer Hinsicht nicht
mehr aktuell ist, kann dem Autor nicht zum
Vorwurf gemacht werden. Das mehrfach zitierte
Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz
(LMBG) wurde im September 2006
durch das europaweit geltende Lebensmittel-,
Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch
(LFGB) abgelöst. Doch der Schaden
hält sich in Grenzen. Inhaltlich gab es
keine gravierenden Änderungen.
Fazit: Die durch den Titel nahegelegte Annahme,
es handele sich um eine Art Nachschlagewerk
für den Hausgebrauch, wird nur
zur Hälfte erfüllt. Auch hätte Schwedt als Experte
an einigen Stellen ruhig mehr Kritik zulassen
können, einfach um dem unwissenden
und oftmals verunsicherten Verbraucher ein
bisschen Hilfestellung zu leisten.
Susanne Gellweiler
ist Diplombiologin und freie Wissenschaftsjournalistin in Wiesbaden
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