Digitales Gedächtnis
Erinnerung total
Dank neuester Technik werden die Menschen alles aufzeichnen können, was sie sehen, hören, sagen und schreiben. All diese Daten sind in einem persönlichen digitalen Archiv verfügbar.
Was denken Sie darüber? Würden Sie Ihre Erinnerungen auch digital konservieren wollen und dafür mit elektronischen Geräten verkabelt durch den Tag gehen? Wir hatten Sie in einer Umfrage um Ihre Meinung gebeten – und ein Ergebnis bekommen, das wir nicht erwartet hätten und das eine etwas andere Ansicht vertritt als die Leserbriefe. Lesen Sie hier mehr dazu.
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Gordon Bell und Jim Gemmell arbeiten seit 2001 gemeinsam bei Microsoft Research am Projekt MylifeBits. Bell, einer der Pioniere der Computerindustrie, betreute in den 1970er Jahren die Entwicklung des berühmten VAX-Minicomputers bei der Digital Equipment Corporation. In
den 1980er Jahren setzte er sich in der Öffentlichkeit für das Ansehen der Informatik ein. Seit 1995 ist er »Principal Researche« in der Arbeitsgruppe
»eScience« bei Microsoft in San Francisco. Gemmell ist Senior Researcher in der Arbeitsgruppe »Next Media« bei Microsoft. Neben seinen hier beschriebenen Aktivitäten verfolgt er weitere innovative Projekte.
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1. Das geht zu weit
23.04.2007, Winfried Kaiser, Grafenrheinfeld2. Doch lieber Petabyte?
24.04.2007, Rüdiger Kuhnke, München3. Digitales "Erinnern" ist egomanisch und unsozial
26.04.2007, Brigitte Burgmer, KölnWer ständig mit Aufzeichnungsgeräten unter Menschen lebt, ist nicht mehr ganz bei sich. Ich erlebe die Welt, meine Kamera nicht. Vor allem fehlt bei diesem Konzept des Gehirns die Phantasietätigkeit im digitalen Gedächtnis"speicher", wie immer bei Gehirnforschern mit einem Computermodell vom Gehirn - vermutlich deshalb, weil Vorstellungsbilder nicht wie die visuelle Wahrnehmung in einfachen Experimenten erforscht werden kann, wenn überhaupt!
Gentechnik, KI, Cyborg ... die Protagonisten solcher Heilsversprechen haben stets die gleichen kalkulierten oder naiven Argumentationsstrategien: Erst wird der Mensch klein gemacht, dann kommen sie mit technischen Verbesserungsvorschlägen, und für die später erst dadurch entstehenden Probleme haben sie wiederum Reparaturangebote parat. Wie verdienstvoll! Schon der Cyborg-Künstler Stelarc definierte den natürlichen Körper als "wet ware", die "veraltet" ist, "es geht darum", ihn technologisch aufzurüsten.
Für Bell und Gemell ist das Gedächtnis "unvollkommen" und soll "radikal" durch "totale" digitale Aufzeichnung perfektioniert werden. Das klingt verdächtig nach einem Totalitarismus, am Ende schlimmer als in Orwells "1984" und Huxleys "Schöne neue Welt" zusammen: Observation freiwillig! Und wieso eigentlich soll das digitale Gedächtnis kommen, "ob wir es wollen oder nicht"? Wem nützt dieser fatalistisch gefärbte Machbarkeitswahn, wer hat Interesse daran? Zum Beispiel Microsoft?
4. Höherer Schwachsinn
26.04.2007, Rudolf Marti, CH-4144 ArlesheimRudolf Marti, CH-4144 Arlesheim
5. Kommen wird's trotzdem
01.05.2007, Andreas Körpert, BruchsalZum einen kommt es doch dem menschlichen Bedürfnis entgegen, unsterblich zu sein, wenn das Leben eines Menschen so protokolliert der Nachwelt erhalten bleibt. Zum anderen wird es bestimmt ein praktisches alltägliches Hilfsmittel sein, wenn das Wiederauffinden von Erlebtem schnell und unkompliziert funktioniert. Und wahrscheinlich werden dann auch Unternehmen wie Hersteller, Marktforscher oder Versicherungen mit dicken Rabatten locken, wenn sie Verhaltensweisen der Konsumenten dadurch beobachten oder Aufzeichungen über Verkehrsunfälle auswerten dürfen.
6. Erinnerung total – fatal
02.05.2007, Rena Rappel, MünchenUnd wenn in dieser schönen neuen Welt Sohn Digital nicht ohne sein Lernprogramm zu befragen weiß, dass seine Noten ganz ok sind – dann hat er einen Teil seiner Hirnfunktion an den Computer abgegeben. Ob er die frei gewordenen Hirnareale dann für etwas anderes nutzt? Für was?
In der heutigen bzw. bisherigen Welt beschäftigt sich Herr Digital mit dem Account des unbedeutenden Kunden xy vermutlich deshalb etwas länger, weil das ihm mehr SPASS macht als das langweilige des bedeutenderen
Kunden yz. Unsere Gehirne sind AUCH darauf programmiert, uns unseren Aufenthalt auf dieser Welt möglichst angenehm zu gestalten. Nicht nur effektiv. Wobei letztendlich das eine das andere wohl mit bedingen dürfte.
7. Überwachung total
03.05.2007, Dieter Kohl, LudwigsburgDer angemessene Titel wäre gewesen "Überwachung total", da ein System beschrieben wird, mit dem alle technisch sammelbaren Informationen zu einem Menschen und seiner Umgebung automatisch gesammelt werden.
Die Autoren geben vor, dass das System zum Wohle des Einzelnen sei. Tatsächlich verletzt die Anwendung etliche Rechte sowohl von Einzelnen wie von Institutionen. Sollte ein derartiges System je verkauft werden, müsste es aus verfassungsrechtlichen Gründen verboten werden.
Als erstes fällt auf, dass Gordon Bell die Persönlichkeitsrechte jedes Menschen verletzt, dem er mit seiner SenseCam begegnet – er macht eine automatische Aufnahme, ohne zu fragen. Selbst wenn er fragen würde, er würde es sehr schwer haben diese Daten zu löschen, da in dem beschriebenen System das Löschen selbst schon wieder eine Datenspur nach sich ziehen würde (falls das nicht so wäre, wäre das System inhärent fälschbar).
Diese automatische Aufnahme wird üblicherweise auch die Rechte von Institutionen, wie zum Beispiel Museen, verletzen, sofern dort Fotografieren untersagt ist.
Das komplette Digitalisieren von urheberrechtlich geschützten Werken (Bücher und Zeitschriften zählen üblicherweise dazu) ist vielleicht für den Eigenbedarf noch zulässig (könnte jedoch bereits juristisch bedenklich sein, da Verlage Inhalte auch selbst in digitalisierter Form vermarkten wollen). In dem Moment, wo diese Daten jedoch auf einmal von anderer Seite zugänglich werden und damit unkontrolliert weiterverbreitet werden können, wird sich Gordon Bell strafbar machen.
Im Kontext von Besuchen beim Arzt, im Krankenhaus oder einem Anwalt unterläuft er bis zu einem gewissen Grad die Schweigepflicht des Arztes oder Anwalts, wenn seine automatischen Aufnahmegeräte zufälligerweise Teile von Gesprächen zwischen Arzt/Anwalt und Patienten/Klienten aufzeichnen.
Mit anderen Worten, Gordon Bell bewegt sich selbst derzeit mindestens in einer juristischen Grauzone.
Sofern diese automatischen Aufnahmetechniken von einer hinreichend großen Zahl von Menschen (oder auch deren Haustieren) eingesetzt würden, würde dies für die übrigen Menschen in deren Umgebung bedeuten, dass von jedem Einzelnen ein detailliertes Bewegungsprofil aus diesen automatisch erfassten Daten erstellt werden kann.
Das Problem ist nicht nur, dass die Personen, die die automatischen Aufzeichnungstechniken einsetzen, sich selbst einer permanenten Überwachung aussetzen, diese Personen setzen auch alle anderen Menschen einer permanenten Überwachung aus.
Im realen Leben gilt es übrigens als Krankheit, wenn jemand unfähig ist, irgendetwas wegzuwerfen. Sich einen Datenberg anzuhäufen, weil man selbst oder irgendjemand anders vielleicht irgendetwas irgendwann einmal davon gebrauchen könnte, ist im Prinzip nur eine andere Ausdrucksform dieser Krankheit - allerdings weniger direkt sichtbar, da die Datenberge ja nur auf der eigenen Festplatte und auf irgendwelchen Backup-Servern im Internet verteilt sind (für jeden zugänglich, der genügend kriminelle oder staatlich autorisierte Möglichkeiten hat, auf diese Daten zuzugreifen, sie auszuwerten und nach Belieben zu manipulieren).
Die Behandlung der Missbrauchsmöglichkeiten in dem Artikel erfolgt eher verharmlosend. Einerseits wird im Artikel eingeräumt, dass schon jetzt erhebliche Missbrauchsgefahren für persönliche Daten auf einem Computer bestehen und dass die Quantität der automatisch erfassten Daten das Schadenspotenzial für den Einzelnen erheblich erhöht. Jedoch klingt "Und selbst wenn unsere Computer gegen vorsätzliche Angriffe so gut gesichert werden wie ein Panzerschrank ..." mehr danach, dass die Autoren annehmen, dass es irgendeine Lösung geben könnte (obwohl auch Panzerschränke nicht absolute Sicherheit garantieren können).
Und angesichts der in dem beschriebenen System immensen Flut an automatisch gesammelten persönlichen Daten auf die angebliche "Ungeschicklichkeit des Benutzers" zu verweisen, die alle Sicherheitsvorkehrungen zunichte machen können, ist schlicht eine Frechheit - ein durchschnittlicher Benutzer ist darauf angewiesen dass das Computersystem inhärent sicher ist, sodass "ein falscher Tastendruck" erst gar nicht zur Herausgabe dieser für den Benutzer unbekannten, aber sehr persönlichen Daten führen kann. Bei dem beschriebenen System geht es schließlich um mehr als um die überschaubaren direkten Fragen nach Name, Wohnort, Zahlungsweise etc., die derzeit bei Bestellungen abgefragt werden.
Darüber hinaus sorgen sowohl etliche Softwarehersteller als auch einige Gesetzgeber dafür, dass die Computersysteme Zugangsmöglichkeiten haben, die vom Benutzer unbemerkte Zugriffe ermöglichen sollen - was gleichzeitig eine Angriffsmöglichkeit für Schadsoftware darstellt.
Die angeblichen Vorteile, die im Artikel aufgeführt werden, entpuppen sich bei näherer Betrachtung als nicht gegeben.
• "Wissenschaftler werden einen Einblick in die Denkprozesse ihrer Vorgänger erhaschen": Diese Annahme ist schlicht grober Unfug - Denkprozesse spielen sich per Definition im Gehirn ab. Nur ein Bruchteil von dem, was eine Person dabei bewusst bedenkt, wird auch in irgendeiner Form externalisiert, vieles oftmals in derart kryptischer Form, dass dieselbe Person nach einiger Zeit mit den Daten selbst nichts mehr anfangen könnte. Falls man all das automatisch aufzeichnet, verschwindet das Ganze noch im üblichen Wust von Korrekturen von Tippfehlern, stilistischen Korrekturen oder schlicht versehentlichem Löschen mit oder ohne anschließender Rückgängigmachung.
• Es ist eher zweifelhaft, dass eine permanente Überwachung der Arbeit die Produktivität steigert. Daten wie die Häufigkeit von Tippfehlern, die Häufigkeit von inhaltlichen Korrekturen oder die Bewegungen der Maus über den Bildschirm nützen bestenfalls einem Arbeitgeber, wenn er einen Kündigungsgrund für den überwachten Arbeitnehmer sucht, nicht jedoch dem Arbeitnehmer selbst. Das gleiche gilt für Aufzeichnungen darüber, dass ein Arbeitnehmer vielleicht zu viel Zeit für einen als "unwichtig" eingestuften Kunden aufwendet.
• Der Vorschlag, firmenbezogene Daten aus dem Archiv zu löschen, wenn ein Arbeitnehmer eine Firma verlässt, bedeutet, im Bereich in sich hochgradig vernetzter Datenbestände Teile des Netzes zu zerstören. Es ist sehr zweifelhaft, ob dies möglich sein kann, ohne dabei das gesamte Netz unbrauchbar zu machen. (Der im Artikel gewählte Vergleich mit einer Amputation ist sehr treffend gewählt – nur dass die Analogie zu einer Amputation von Teilen eines Gehirns eben auch die analogen Folgen sehr drastisch beschreibt).
• Die derzeitigen Virenscanner und Anti-SpyWare-Programme brauchen schon für eine einfache Windows-Installation mehrere Minuten, um schädliche Programme zu finden. Das bezieht sich auf Datenvolumen im Gigabyte-Bereich. Ein 1000-fach höheres Datenvolumen wird im besten Fall bedeuten, dass sich die Zeit "nur" vertausendfacht. Mit anderen Worten, nach einem Neustart darf der Benutzer erstmal eine Woche warten bis der Rechner hinreichend überprüft worden ist. (Die Autoren nehmen hoffentlich nicht ernsthaft an, dass zukünftige Rechner niemals einen Neustart benötigen werden.)
• Das Problem, große Archive effizient zu durchsuchen und vor allem die relevante Information auch zu finden, besteht schon bei dem jetzigen Datenvolumen. Das Problem, wie man wichtige Information automatisch identifizieren und dann von unwichtiger trennen kann, ist gleichfalls nicht gelöst - vermutlich auch nicht lösbar, da "wichtig"/"unwichtig" in Bezug auf irgendeine Information selbst für dieselbe Person im Lauf der Zeit unterschiedlich bewertet werden wird. Mit anderen Worten, es würde versucht, ein subjektives Kriterium durch einen objektiven Klassifizierungsprozess zu erfassen.
• Indem man das Datenvolumen in den Terabyte-Bereich für jedermann aufbläht, kommt man einer Lösung dieser Probleme sicherlich nicht näher. Lediglich der Datenmüllberg wächst.
• Eine permanente Überwachung des aktuellen medizinischen Zustandes würde jede kleine Unpässlichkeit zu einem medizinischen Fall aufbauschen. Ein Arzt, der den medizinischen Datenmüll all seiner Patienten managen müsste, wäre eher zu bedauern. Für die Patienten würde es nur bedeuten, dass es zu massenhaften Fehlalarmen hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes käme - was die Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit dann irgendwann ernsthaft krank machen würde.
• Die permanente Überwachung der medizinischen Daten wird mit Sicherheit dazu führen, dass Versicherungen und Arbeitgeber fordern werden, diese Daten vor Vertragsabschlüssen einsehen zu können, oder dass Versicherungen fordern werden, diese Daten einzusehen, wenn sie den Verdacht haben, der Versicherungsnehmer könnte falsche Angaben gemacht haben.
• Ständige Backups im Terabyte-Bereich für alle würde bei dem derzeitigen Stand der Weltbevölkerung von 6,6 Milliarden Menschen ein Datenaufkommen von 274 Byte (im Bereich von 1021 Byte) bedeuten. 99% davon dürften schlichtweg Datenmüll sein, der die Datenleitungen nur unnötig belastet. Und damit ist noch nicht mal berücksichtigt, dass gleichzeitig massenweise Audio- und Video-Daten über die Datenleitungen gehen werden.
8. Wissenschaft erfasst nicht alles
03.05.2007, Agnes Berger Bertschinger9. Vergessen ist lebenswichtig
03.05.2007, Dr. Eugen Knöpfle, Günzburg10. Missbrauchsrisiko
03.05.2007, Rüdiger Haake, Münster11. Hilfe für die Alten?
03.05.2007, Hartmut Förtsch, SchwelmIch kann mir sehr gut Situationen vorstellen, in denen ich die Speicherung von Fotos/Videos für sinnvoll erachte. In anderen Situationen wird das von mir viellecht nicht gewünscht. Wenn aber die Maschine alles speichert, gebe ich meine Entscheidungsfreiheit auf. Auch der Einsatz von Filtern ist keine echte Lösung, da Filterprogramme Regeln benötigen, die wiederum zuvor festgelegt sein müssen und somit u.U. der Situation nicht adäquat sind. Deshalb muss es möglich sein, unmittelbar vorher bzw. in der Situation entscheiden zu können, ob ich die Datenermittlung wünsche. Schließlich möchte ich mir die Freiheit lassen, mich auch unvernünftig zu verhalten. Auch nach einer erfassten Situation muss jederzeit die Möglichkeit bestehen, die Datenaufzeichnung zu löschen. Bei einer derartigen Wahlfreiheit macht aber z.B. ein Gesundheitsprotokoll wiederum keinen Sinn. In anderen Situationen ist aber vielleicht eine Protokollierung erwünscht, etwa zur Beweissicherung. Aber ist mein Gegenüber damit einverstanden? Schließlich muss auch er das Recht haben, über seine Daten und damit über die Aufzeichnung der gemeinsam erlebten Situation zu verfügen.
Der Autor des Artikels hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass wir um das Problem der Erfassung und der Speicherung unseres Lebens nicht herum kommen. Die technischen Möglichkeiten sind – zumindest prinzipiell – vorhanden. Um so notwendiger ist es, sich bereits jetzt Gedanken darüber zu machen, wie und nach welchen Regeln wir unser Leben 'protokollieren' können, sollen oder dürfen. Eine Umfrage nach obigem Muster ist zwar interessant, wird aber der Problematik nicht gerecht.
12. Ein Gehirn, das nicht vergessen kann, ist krank
04.05.2007, Dr. Wolfgang Boese, Feldkirch (Österreich)Ein Gehirn, das nicht vergessen kann, ist krank! Ein schönes, aber auch etwas exotisches Beispiel ist die Fallgeschichte von Lurija ("Kleine Geschichte eines großen Gedächtnisses") über einen Mann, der nichts vergessen konnte, auf der Bühne glänzte, da er fast unendlich Zahlenreien, Gedichte etc. memorieren konnte, im Alltag aber durch seine Erinnerungen beeinträchtigt war.
Viel häufiger ist allerdings das Problem der Fixierung auf vergangene Erlebnisse bei Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Neurosen etc., die es unmöglich macht, den gegenwärtigen Alltag befriedigend zu bewältigen. Muss man eine an sich gesunde Leistung des Gehirns technisch unbedingt konterkarieren?
Das Speichern aller Alltagserlebnisse ist problematisch, wichtiger als alles zu speichern ist zuerst die Frage, was es wert ist zu speichern (viel bleibt bei genauer Betrachtung nicht übrig; vielleicht medizinische Daten, Termine, persönlich relevantes Faktenwissen), und was es wert ist gelöscht zu werden. Sonst geht die Erkenntnis dessen, was wesentlich ist, endgültig im Datenmüll verloren.
13. Was nützt diese totale Speicherung aller Daten?
04.05.2007, Vogt, NürnbergWas nutzt es, ständig nachzuschauen, wie man früher gehandelt hat? Das hätte nur einen Sinn, wenn jemand anderes daraus Rückschlüsse zieht. Doch wollen wir das wirklich, dass jemand anders immer und ständig weiß, was wir gesagt, gehört oder getan haben?
Wer hat im Zorn schon mal rassistische Bemerkungen gemacht, auch wenn er kein Rassist ist, oder darüber gesprochen, wie man auch nicht ganz legal reich werden könnte?
Wer hat noch nie beleidigt, beschimpft und strafbare Handlungen – z.B. im Straßenverkehr – durchgeführt?
Wollen wir wirklich, dass all dies dokumentiert wird, um später dann bei geeigneter Gelegenheit gegen uns verwendet werden zu können?
Das größte Problem sehe ich aber darin, dass viele versuchen werden zu schauen, wie sie früher gehandelt haben, und dadurch vollkommen abhängig von der Technik des ALL-Aufzeichnens werden und nicht mehr in der Lage sein werden, allein auf sich gestellt Entscheidungen zu treffen.
Wie wollen diese Menschen z.B. nach einer Katastrophe überleben, wenn sie nicht auf ihren externen "Erfahrungsspeicher" zugreifen können, der interne Speicher aber diesen externen Speicher als Teil seiner selbst sieht? Diese Menschen werden an so einfachen Dingen wie der Nahrungsbeschaffung im Wald schon scheitern.
14. Eine Massenhypochondrie wird erzeugt
07.05.2007, Dr. med Wolfgang Wittwer, Ålesund (Norwegen)Auch in meinem Beruf als Psychiater und Psychotherapeut kann ich dieser laienhaft-positivistischen Einschätzung des absoluten Gedächtnisses nicht folgen. Ich sehe immer wieder das krankmachende und lebenszerstörende Nicht-Vergessen-Können, zwanghafte Wieder-Erinnern und die Hyperreflexion in der Posttraumatischen Belastungsreaktion: Viele andere Psychopathologien gehen mit der Unfähigkeit zu sortieren, zu werten und zu vergessen einher.
Systeme wie das vorgestellte mögen zwar in der humanwissenschaftlichen Forschung durchaus nützlich sein, haben aber im täglichen Leben nichts zu suchen. Aufgrund der Massierung von Daten stellt sich grundsätzlich die Frage nach der individuellen Nutzbarkeit. Anfangs wird Datenmüll produziert, der aufgrund seiner Komplexität und/oder Menge für den Probanden zumeist nicht nutzbar ist und erst nach eingetretenem Schadensfall Erkenntnisse bringt. Was die Medizin betrifft: In der Folge wird eine Massenhypochondrie erzeugt, die von keinem Gesundheitssystem der Welt bewältigt werden kann.
Der Artikel zeigt deutlich den kulturellen Wandel. Nicht kritische Reflexion, nicht Kontemplation, nicht bewusstes „Loslassen-Können“, sondern die Zwänge des Machens, des Konsums, der Wiederholung und der Kontrolle sind bestimmend geworden. Einen Sinn dahinter – außer den eines verzweifelten Bewältigungsversuchs einer verdrängten, aber abgrundtiefen Lebensangst – findet man nicht.
15. Nicht ohne Löschtaste
09.05.2007, L. E. W. Schmidt, Kassel16. Albtraum oder Fortschritt?
11.05.2007, Anke Fischer, BerlinDes Weiteren halte ich es für die Entwicklung von Kindern auch nicht für förderlich, wenn ihre gesamte Entwicklung mit Kameras oder Sensoren verfolgt wird, da Kinder noch nicht den Sinn solcher Maßnahmen verstehen können und unter Umständen Schamgrenzen überschritten werden. Das so etwas schädlich für die Entwicklung sein könnte, dürfte sich von selbst verstehen.
17. Anregung zum "doch lieber vergessen"
10.06.2007, Thomas Schneider, Köln/DresdenInwieweit verändere ich mein Verhalten, wenn ich weiß, dass ich rund um die Uhr aufgezeichnet werde? ("Was denken die Leute in 30 Jahren von mir?")
Inwieweit werden gar Menschenrechte verletzt - vertrauliche Informationen, evtl. einfach nur äußerst persönliche Informationen, natürlich ganz zu schweigen vom Missbrauch dieser Daten?
Der Film "spielt" auch mit Menschenrechtsbewegungen gegen die "totale Aufzeichnung" und einer Untergrund-Szene, die sich mit dem Loswerden solcher Implantate beschäftigt.