Jeden Satz dieses Artikels kann man unterstreichen, doch Martin Urban geht in seinen Überlegungen nicht weit genug. Anknüpfen möchte ich an die Bemerkung, Fundamentalisten könne man nicht überzeugen. Das ist richtig, aber trotzdem sollte man bei jeder Gelegenheit die Auseinandersetzung mit ihnen suchen, denn es gibt immer Zuhörer und die können vielleicht überzeugt werden. Bei jüngeren Zuhörern können Zweifel an dem religiösen Absolutheitsanspruch gesät werden und das ist der Anfang kritischer Reflexion.
Zu der Frage, wie sich Ideologien in Gehirne einbetonieren können, möchte ich folgende Hypothese wagen: Eng verbunden mit dem Fundamentalismus ist die Verdammung der Sexualität. Kinder, die in einer sexual-feindlichen Atmosphäre aufwachsen, werden verunsichert, wenn sie ihre eigene Sexualität entdecken und halten sie für eine Krankheit, die nur sie allein betrifft. Das natürliche Schamgefühl wird auf alles Geschlechtliche fixiert. Schamgefühl haben alle Menschen, wenn sie gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen. Aber nur bei Fundamentalisten ist sie auf Nacktheit und Sexualität bezogen.
Fundamentalisten wollen ihre Kinder dem öffentlichen Erziehungssystem entziehen, weil dort eine gewisse Freiheit herrscht. Nicht nur im Religions- und Biologieunterricht werden andere Inhalte angeboten, als diese Leute verlangen, sondern vor allem auch beim Sport- und Schwimmunterricht, weil man da freizügig mit seinem Körper umgeht. Bei Fundamentalisten wird die Sexualität nicht nur tabuisiert, sondern verteufelt. Die Kinder werden mit dieser Methode emotional so lange gezwickt und beschnitten, bis nur noch Bonsai-Menschen übrig bleiben und das ist die nächste Generation der Fundamentalisten.
Für den Fundamentalismus ist die Verdammung der Sexualität sehr wichtig, denn wenn es gelingt, die Sexualität eines Menschen zu unterdrücken, dann ist er auch bereit, religiöse und politische Bevormundung zu akzeptieren. Fundamentalismus ist nicht nur verbunden mit Intoleranz, sondern auch extrem feindlich der Freiheit im Denken und im Handeln gegenüber. Das kann man auch in der Politik nachweisen: Politische Unfreiheit ist sehr oft mit der Unterdrückung der Sexualität verknüpft.
Aber die Indoktrination von Kindern kennt noch viele andere Formen. Wer den Dokumentarfilm „Jesus Camp“ über ein evangelikiales Sommerlager in den USA gesehen hat, weiß wie Kinder durch religiöse Gruppen missbraucht werden können. Da werden Parolen eingehämmert und junge Menschen zu blinden Kämpfern für das Christentum herangezüchtet. Diese Methode kommt einer Vergewaltigung gleich.
Eine andere Variante des Fundamentalismus ist das Intelligent Design, eine Ideologie, die sich wissenschaftlich verkleidet, aber genau das Gegenteil beabsichtigt. Jede Wissenschaft muss die eigenen, bisher erarbeiteten Positionen immer wieder kritisch beleuchten und überdenken. Mit solchen Fragestellungen werden neue Fenster aufgestoßen, durch die man in die Richtung schauen kann, in der sich Wissenschaft weiter- entwickeln muss. Diese Kritik ist wichtig und richtig, doch sie stellt die Erkenntnisse der bisherigen Wissenschaft nicht grundsätzlich in Frage.
Die Apologeten des Intelligent Design übernehmen solche Fragestellungen und behaupten, durch sie würde die gesamte Biologie, besonders die Evolutionslehre, aber auch Physik, Astronomie, Paläontologie und Archäologie widerlegt. Über diese Art der Scheinwissenschaft könnte man eigentlich lächeln, doch diese Leute sind von missionarischem Eifer erfüllt und wollen allen Menschen ihre fundamentalistisch-christliche Brille mit Scheuklappen verpassen. Es darf eigentlich nicht schwer fallen, solche Machenschaften als Pseudowissenschaft zu entlarven. Man muss nur die Energie aufbringen, sich der Diskussion zu stellen.
Das Weltbild der Kreationisten erscheint den meisten Menschen als lächerlich, doch sie meinen es todernst. Wenn man unsere Welt betrachtet, haben in vielen Bereichen die Fundamentalisten das Sagen und bestimmen die Weltpolitik weit gehend. Präsident Bush ist Fundamentalist und er hat verkündet, er wolle einen Kreuzzug gegen den Islam führen. Weil er sehr scharfe Kritik von allen Seiten geerntet hat, wurde dieser Satz nicht wiederholt, aber seine Politik ist die eines Kreuzzugs geblieben. Obwohl die christlichen Fundamentalisten nur eine verschwindend kleine Minderheit sind, ist ihr Einfluss enorm und sie versuchen, im Namen aller Christen zu sprechen und zu handeln.
Der christliche Fundamentalismus ist zurzeit mit dem jüdischen Fundamentalismus verbündet. In Israel herrschen nach wie vor die Kräfte, die 1995 Jitzchak Rabin ermordet haben, weil er eine Politik der Aussöhnung und des Friedens eingeleitet hat. 1994 erhielt Rabin gemeinsam mit seinem damaligen Außenminister Schimon Peres und dem damaligen Chef der palästinensischen Autonomiegebiete, Jassir Arafat, den Friedensnobelpreis. Nach dem Mord ist die israelische Friedenspolitik gegenüber den Palästinensern nicht weiter geführt worden. Die Mörder sind zwar verurteilt worden, doch der bestehende Konflikt wird immer weiter angeheizt - mit dem Hinweis auf den islamischen Fundamentalismus.
Der islamische Fundamentalismus ist seit der Gründung des Islam eine bedeutende Kraft und erhält in jüngster Zeit immer mehr Zulauf. Der Krieg der USA und Israels gegen islamische Länder hat den Islamismus nur gestärkt. Die Selbstmordattentäter werden von ihren Glaubensbrüdern als Märtyrer angesehen. Das ist wie mit der Hydra, der 7 Köpfe nachwachsen, wenn man einen abschlägt. Mit militärischen Mitteln kann man dem islamischen Fundamentalismus nicht beikommen, es sei denn, man setzt Atomwaffen ein. Die Götter der Juden, Christen und Moslems mögen das verhindern. An dieser Stelle wird die Absurdität der gesamten Situation klar, denn eigentlich handelt es sich nur um ein und denselben Gott für den angeblich alle Fundamentalisten kämpfen.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es Märtyrer in der Anfangszeit des Christentums waren, die mit ihrem Opfer das Christentum vorangebracht haben. Viele Christen wurden im Römischen Reich verfolgt und den Löwen vorgeworfen. Die Märtyrer waren große Vorbilder, denen viele nacheiferten. Danach ging das Christentum gestärkt aus den Verfolgungen hervor, sodass Kaiser Constantin sich genötigt sah, es zur Staatsreligion zu machen, obwohl er selbst bis zu seinem Sterbebett Heide blieb.
Wichtig für uns alle ist, dass der Fundamentalismus bekämpft wird, nicht nur der islamische. Der Kampf in der christlichen Welt muss von den Christen geführt werden. Die Juden müssen überall auf der Welt, wo sie leben, den jüdischen Fundamentalismus bekämpfen, anstatt sich mit den friedensfeindlichen Kräften zu solidarisieren. Allen, die den Krieg mit dem Islam für unausweichlich ansehen, kann man nur zurufen: Wenn nur ein Zehntel des Geldes, dass für den Krieg ausgegeben wird, in den Frieden investiert würde, wäre der Frieden zu erreichen. Die friedfertigen Kräfte im Islam müssen gestärkt werden. Dann wird es auch den friedlich gesinnten Moslems gelingen, die Kämpfer für den Islam zurückzudrängen.
Heinz-Dieter Zutz, Bielefeld
Antwort der Redaktion: Antwort des Autors Martin Urban:
Anders als Herr Zutz, bin ich gegen die öffentliche Auseinandersetzung der Naiven mit den Ewiggestrigen. Denn es ist ein strategisches Ziel der Kreationisten in den USA, etwa aus der Kaderschmiede „Discovery Institute“ in Seattle, sowie mittlerweile auch ihrer Helfer in der Bundesrepublik, die Schöpfungslehre als gleichberechtigt mit der wissenschaftlichen Evolutionstheorie im Unterricht zu verankern. Wer den Repräsentanten der protestantischen Fundamentalisten ein Forum gibt, bringt sie diesem Ziel näher. Die evangelische und die katholische Kirchengemeinde in meinem Wohnort, Gauting bei München, zum Beispiel haben gerade zu einem „Ökumenischen Seminar Schöpfung vs. Evolution“ Ende Januar 2008 eingeladen, bei dem eben das passiert. Der als Repräsentant der Kreationisten Geladene, übrigens ein Professor an der TU München, gehörte selbst dem Discovery Institute eine Zeitl ang an. Fundamentalisten kennen keinen Zweifel, wohl aber, solange diese noch nicht total verbogen sind, ihre heranwachsenden Kinder. Deshalb muss der Staat dafür sorgen, dass die gesetzliche allgemeine Schulpflicht auch durchgesetzt wird, was mittlerweile in Deutschland zunehmend nicht mehr der Fall ist.
Zutz hat im übrigen Recht, das Machtinstrument der Kirchen ist die Sexualmoral. Das verwundert nicht, wenn man, wie die katholische Kirche, ihr Bodenpersonal im Zölibat leben lässt. Die Körperfeindlichkeit hat eine alte christliche Tradition, insbesondere auch bei den evangelischen Fundamentalisten. Herr Zutz hat ebenfalls Recht, wenn er beschreibt, dass sich der Fundamentalismus nicht nur im Christentum, sondern gleicherweise im Judentum wie im Islam findet. Relikte aus einer archaischen, patriarchalischen Welt. Ich betone allerdings in meinen Büchern, dass es unsere Aufgabe ist, uns mit unserem, dem christlichen Fundamentalismus im intellektuellen Disput auseinanderzusetzen, und nicht, wie immer häufiger Politiker und Repräsentanten der Kirchen dies tun, mit dem Finger auf die fundamentalistischen Muslime zu zeigen. Mir geht es nicht allein um eine verquere Sexualmoral. Vielmehr vor allem darum, die Bibel und die christlichen Rituale, insbesondere die Deutung des Todes Jesu und den Opferkult des Abendmahls, historisch-kritisch und zugleich auch mit dem Wissen der Naturwissenschaften zu analysieren. Das tun die Fach-Theologen mit ihren Mitteln natürlich längst, wenn auch meist sehr vorsichtig, insbesondere wenn sie katholisch sind. Aber die Kirchen tun dies nicht, sie nehmen diese Erkenntnisse nicht auf, und von den Naturwissenschaften verstehen sie und auch die Theologen im Allgemeinen ohnedies nichts. Unaufgeklärte Christen aber können, das ist die Erfahrung der letzten Jahre in den USA, zu einer Gefahr für die Demokratie werden. Eben davor hat im Oktober 2007 der Europarat in einer Resolution die Europäer und speziell die Deutschen ausdrücklich gewarnt.
Martin Urban, im Januar 2008
Ursprung des Zeitpfeils • Masse und Gravitation • Strings und die Theorie für (fast) Alles • Ist unser Kosmos nur einer von vielen? • Besteht die Raumzeit aus Quanten? • … »