Außer Frage steht heute, dass die natürliche Auslese oder Selektion auf der Organismenebene wirkt, also bei den Individuen ansetzt. Damit ist gemeint: Wer die günstigeren Merkmale trägt, gibt seine Gene mit höherer Wahrscheinlichkeit an die nächste Generation weiter als weniger günstig ausgestattete Individuen. Nur – kann Gleiches unter Umständen auch für andere Ebenen der biologischen Hierarchie gelten? Können Selektionsprozesse Merkmale fördern, die zwar nicht dem Individuum nützen, aber einer sozialen Gemeinschaft, wie einer Herde oder einer Kolonie? Womöglich sogar der ganzen Art? Oder einem Ökosystem aus vielen Arten? Gibt es also biologische - erbliche – Eigenschaften, die dem Gruppenwohl dienen?
Frühere Biologen vertraten diese Vorstellung recht unkritisch. Da hieß es etwa,


David Sloan Wilson und
Edward o. Wilson sind beide Evolutions
Biologen – und nicht miteinander
verwandt. D. S. Wilson hat
an der Binghamton University in
New York eine Professur für Biologie
und Anthropologie inne.
E. O. Wilson ist als Ameisenforscher
berühmt. Am Museum of Comparative
Zoology der Harvard University
in Cambridge (Massachusetts)
ist er Professor und Kurator für
Entomologie.

abrufen




RELATIV EINFACH |
Go for Launch |
Natur des Glaubens |
Medicine & More |
Sprachlog | 





1. Gruppenselektion als Folge von Abhängigkeiten
02.02.2009, Roland Maier, RiemerlingEtwas gewundert hat es mich dann schon, dass ein wichtiges Kriterium, nämlich die Abhängigkeit der Individuen von der Gruppe, nicht vorkommt. Anpassungen "zum Wohl der Gruppe" treten nämlich genau in dem Maß auf, wie die Individuen von der Gruppe abhängig sind. Das lässt sich recht einfach begründen: Selektion beruht zunächst auf dem Fortpflanzungserfolg der Individuen. Ist jedoch ein Individuum von seiner Gruppe existenziell abhängig und verhält es sich so, dass die Gruppe in Schwierigkeiten kommt und als Ganzes nicht überlebt, so hat auch das inzwischen nicht mehr oder nicht mehr lange lebende Individuum seinen Fortpflanzungserfolg verspielt.
Eine existenzielle Abhängigkeit liegt vor allem auch dann vor, wenn es für Rest-Individuen einer untergehenden Gruppe nicht oder kaum möglich ist, in ein anderes Kollektiv zu wechseln.
Besonders ausgeprägt ist ein gruppenunterstützendes Verhalten bei Staaten bildenden Insekten wie z.B. Ameisen. Diese Tiere sind als Individuum überhaupt nicht überlebensfähig. Auch wenn Einzelne einen neuen Staat gründen können, so sind diese doch wiederum vom Verhalten ihrer Nachkommen zu 100 Prozent abhängig. Individuen eines Staats stammen von einer Königin ab, haben damit gleiches Erbgut und verhalten sich entsprechend nach gleichen Mustern. Falls diese Tiere nicht mit dem für den Staat geeigneten Erbgut ausgestattet sind, so geht der ganze Staat unter und damit auch die Königin mit ihrem Erbgut.
Bei Huftierherden gibt es kaum Abhängigkeiten. Fürs Fressen ist es besser, wenn sich möglichst wenige Tiere die Weide teilen müssen. Beim Thema gefressen werden sind wiederum möglichst viele Artgenossen vorteilhafter, da dann das Einzeltier mit geringerer Wahrscheinlichkeit Pech hat. Ansonsten sind Einzeltiere durchaus überlebensfähig. Alles in allem wird man hier ein selbstloses Verhalten im Sinne der Herde kaum finden.
Anders ist es bei in Rudeln jagenden Wölfen. Diese haben zusammen eine bessere Überlebenschance, als Einzeltiere. Für ein funktionierendes Zusammenleben im Rudel, dürfte ein ganzes Arsenal an Verhaltensweisen nötig sein. Falls sich ein Tier zu sehr in seinem Sinn und nicht im Sinn der Gruppe verhält, indem es z.B. Jagderfolge vereitelt, und somit den Fortbestand der Gruppe gefährdet, so gefährdet es auch seinen eigenen Fortbestand. Das ist dann auch nicht im Sinn der Selektion auf Individualebene. Für den Gruppenerfolg ist es nicht zwingend nötig, dass alle Mitglieder das gleiche Erbgut haben. Wichtig ist, dass die Verhaltensweisen stimmen. Wie diese zu Stande kommen ist zweitrangig.
Auch die ersten Menschen lebten ähnlich wie die Wölfe (von denen die Hunde, mit ihren besonderen Beziehungen zum Menschen abstammen) in vielen kleinen Gruppen. Auch hier war das Überleben in der Sippe wesentlich einfacher als für ein Individuum. Vor allem bei der Jagd war es notwendig, dass sich eine Reihe von Mitgliedern voll und ganz – auch unter Einsatz ihres eigenen Lebens – daran beteiligten. Vielleicht ist die hohe Risikobereitschaft von männlichen Jugendlichen noch ein Überbleibsel aus dieser Zeit. Jedenfalls waren Gruppen, bei denen das Zusammenwirken, vor allem bei der Jagd, nicht funktionierte, dem Untergang geweiht. Auch hier waren Sozialstrukturen für das Zusammenleben erforderlich, die noch um einiges komplexer als die der Wölfe waren.
Es ist schon viel über "das Gute und Böse" im Menschen geschrieben worden. Im Kern handelt es sich um einen sehr einfachen Sachverhalt. Die kleinen Gruppen der frühen Menschen waren nur mit sozial handelnden Individuen also mit "guten" Menschen überlebensfähig. Für den Einzelnen genügte dies allein noch nicht. Er musste auch dafür sorgen, dass er selbst in der Gruppe überlebte. Dafür können teilweise egoistische Verhaltensweisen – "das Böse" – vorteilhaft sein. Damit wird die Ambivalenz schon offensichtlich. Beide Eigenschaften – "gut" und "böse" – müssen sich damals schon beim Menschen herausgebildet haben.
Ich denke jedoch, dass der Spielraum für Egoismus in den damaligen kleinen Verbänden eher begrenzt war. Zu groß war das Risiko, dass man mit dem ganzen Clan untergeht. Gerade in schweren Zeiten mussten der Stamm zusammenhalten. Dieses Zusammenhalten von Gruppen in einer gemeinsamen schwierigen Situation lässt sich auch heute noch beobachten.
Auch beim Mensch hat der Gruppenerfolg kaum etwas mit gleichem Erbgut zu tun, zumal es auch nicht wichtig war, wie sich jemand nützlich machte. Nicht nur bei der Jagd war Engagement gefragt. Falls z.B. ein Mitglied dafür sorgen konnte, dass Streitigkeiten nicht eskalierten, so war es für die Sippe auch wertvoll. Es muss dann noch einige Exoten gegeben haben, deren Ideen das Leben erleichterte, und die es dann auch noch fertiggebracht haben, ihre Stammmitglieder davon zu überzeugen.
2. Gen-zentrierter Selektionsansatz erklärt Befunde ebenso gut
06.02.2009, Prof. Dr. Andreas Beyer, Gelsenkirchen/RecklinghausenBeispiel Staatsqualle: Jede der Einheiten des Verbunds leistet einen Beitrag zum Überleben des Ganzen, und zwar durch die erfolgte Arbeitsteilung effizienter, als dies bei viel kleineren Einzelorganismen möglich wäre. Dabei reproduzieren auf Grund der hohen genetischen Übereinstimmung im Verband alle ihre eigenen Gene, ob sie nun selber an der Fortpflanzung beteiligt sind oder nicht. Das hat mit "Gruppenselektion" ebenso wenig zu tun wie die Tatsache, dass all meine Körperzellen zu Grunde gehen werden, "lediglich" um den zwei meiner Keimzellen zum Überleben zu verhelfen, denen meine beiden Kinder entstammen. Dass die Wilsons hier u.a. als Gegenargument anführen, die betreffenden Zellen seien ja auf Grund aufgetretener Mutationen nicht mehr identisch, zeigt, dass sie an dieser Stelle die kausalen Zusammenhänge falsch beurteilen, wie man sich leicht vergegenwärtigen kann: Wenn eine meiner Körperzellen (eine der Zellen der Staatsquallen) mutiert, sollte sie sich dann beleidigt aus der organismischen Kooperation verabschieden, weil ihre genetische Information ja nicht mehr dieselbe wie die der Keimzellen ist? Nein, bei Mutationen kann und wird die Selektion logischerweise erst ab der nächsten Generation greifen.
Beispiel Gruppenselektion beim Menschen: Ja, ganz sicher gibt es eine Gruppenselektion – aber beim Menschen gibt es neben der genetischen Evolution eben noch die kulturelle, und gerade die dürfte für solche Effekte maßgeblich sein: Selektiert werden hier kulturelle Eigenschafen (Dawkins’ "Meme", wenn man so will), und deren "Organismus" ist nun mal eher die Gemeinschaft und weniger das Individuum.
Beispiel der züchterischen Selektion produktiverer Hennen: Im angeführten Experiment von W. Muir hingen die Züchtungsergebnisse davon ab, ob für die Weiterzucht nur die produktivsten Individuen oder aber die produktivsten Gruppen (= alle Käfiggenossinnen) verwendet wurden. Völlig zutreffenderweise führen die Autoren dies darauf zurück, dass im ersten Fall die aggressivsten Hennen selektiert und damit "angereichert" wurden, im zweiten Fall erfolgte ein solch starker Anreicherungseffekt aber nicht. Mit anderen Worten. Die (individuellen!) Selektionsbedingungen waren in beiden Fällen ganz unterschiedlich – kein Wunder also, das die Ergebnisse verschieden waren; nichts anderes hätte man auf dem Boden einer Individualselektion erwartet.
Etliche, weitere Unstimmigkeiten ließen sich noch anführen; und bei alldem gehen die Wilsons der eigentlichen Frage aus dem Weg: Wenn es tatsächlich eine Gruppenselektion sensu stricto gibt, auf welche Weise würde sie sich auf den Genpool auswirken? Nach welchen Gesetzmäßigkeiten würden sich die Frequenzen welcher Allele ändern? Solange hier keine wirklich belastbaren, mathematischen Modelle vorliegen, die erklärungsmächtiger sind als die bisherigen und gut bestätigten, sind Gruppenselektions-Modelle nicht überzeugend.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Der von den Wilsons vorgetragene Ansatz ist wertvoll, die aufgeworfenen Fragen sind interessant, die Kritik befruchtet den Diskurs. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.