Wenn Sie jemand dazu auffordert: Würden Sie sich einfach rückwärts in die Arme eines Fremden fallen lassen? In Gruppentherapien wird diese Übung häufig angewandt und repräsentiert eine relativ extreme Situation. Allerdings bringen die meisten Menschen im Alltag auch Fremden ein gewisses Vertrauen entgegen. Im Gegensatz zu (anderen) Säugetieren verbringen wir viel Zeit in der Nähe unbekannter Artgenossen. Menschen, die in Städten leben, bewegen sich etwa regelmäßig durch ein Meer von Fremden und entscheiden sich dabei ständig dafür, gewisse Personen eher zu meiden. Ebenso gehen sie davon aus, dass auch die anderen hauptsächlich ihr eigenes Ziel vor Augen haben und sie keinesfalls attackieren werden.

Seit einigen Jahren interessieren sich die Wissenschaftler nun dafür, wie das menschliche Gehirn darüber befindet, ob eine fremde Person vertrauenswürdig ist oder nicht. Meine Kollegen und ich konnten zeigen, dass bei diesem Vorgang ein sehr altes und kleines Molekül eine große Rolle spielt, das vom Gehirn produziert wird. Fachleute nennen es Oxytozin. Mit unseren Forschungen hoffen wir die Ursachen krankhafter Störungen im zwischenmenschlichen Bereich aufzuklären und besser behandeln zu können. Den Zusammenhang zwischen Oxytozin und Vertrauen konnte ich erst über einige Umwege aufklären. Zusammen mit Stephen Knack, Wirtschaftswissenschaftler der Forschungsgruppe für Entwicklung der Weltbank, untersuchten wir ab 1998, warum die Einstellung der Menschen untereinander innerhalb verschiedener Länder so stark variiert. Für unser Projekt entwickelten wir ein mathematisches Modell, das im jeweiligen Land die sozialen, gesetzlichen und wirtschaftlichen Aspekte berücksichtigt, die das Zutrauen beeinflussen könnten.

Dabei fiel uns auf, dass die Vertrauensstärke einer der besten bekannten Indikatoren für den Reichtum eines Landes ist: Staaten mit einem geringen Vertrauensniveau…