Religion oder Evolution? Anders als Charles Darwin war sein Zeitgenosse,
der Zoologe Gustav Jaeger, nicht bereit, diesen Gegensatz als gegeben zu
akzeptieren. Mit seinen Ideen gilt er heute als Vordenker der Soziobiologie.
"So beschlich mich in sehr langsamer
Weise der Unglaube, bis ich schließlich
gänzlich ungläubig wurde." Sukzessive,
so erinnerte sich Charles Darwin
in seiner Autobiografie, sei sein Glaube
zerfallen, habe er sich zum Atheisten gewandelt.
Und dies, obwohl er gerade der Naturtheologie
nach den Lehren William Paleys
(siehe Kasten S. 72) wesentliche Anregungen
verdankte. Nicht nur missfiel ihm die "abscheuliche" christliche Lehre: "Ich kann es
kaum begreifen, wie jemand wünschen könne,
sie möge wahr sein; denn dann zeigt das
Evangelium, dass die Ungläubigen, und ich
müsste zu ihnen meinen Vater, meinen Bruder
und nahezu alle meine besten Freunde
zählen, ewig Strafe verbüßen müssen."
Mehr noch hielt Darwin jede Religion für
eine primitive Form der Welterklärung, die
von der Wissenschaft längst überholt worden
sei. Und diese habe durch "Vervollkommnung
der Vernunft und Vermehrung der Kenntnisse" die traurigen Folgen von Religiosität
überwunden, als da wären "Aberglaube, Gottesgerichte,
Menschenopfer und Hexenverfolgung", Darwin zufolge Erscheinungen, die den
"Verirrungen der Instinkte bei den Tieren"
vergleichbar seien.
Selbst für die Ausbildung moralischen Verhaltens,
das dem nackten Egoismus des survival
of the fittest – am ehesten mit "Überleben
des Bestangepassten" zu übersetzen – offenkundig
entgegensteht und somit zunächst ein
theoretisches Problem der Evolutionslehre
darstellte, sei kein Glaube an höhere Wesen
erforderlich. Moralität erkläre sich bereits aus
dem Nutzen sozialer Bindungen für den Einzelnen
wie für das Überleben ganzer Gruppen.
Immerhin billigte Darwin der Religion
auf diesem Gebiet eine gewisse förderliche
Wirkung zu...