Religion
Müssen wir glauben?
Atheismus wird immer einen schwereren Stand haben als Religion, denn eine Vielzahl kognitiver Besonderheiten prädisponiert uns Menschen dazu, an etwas zu glauben.
Solche Reaktionen erschweren es, das Wie und Warum für die Allgegenwart religiösen Gedankenguts in menschlichen Gesellschaften zu ergründen – doch gerade dieses Verständnis wäre im gegenwärtigen Klima des religiösen Fundamentalismus besonders bedeutsam. Ist Religion also eine der zahlreichen Konsequenzen, die sich aus der Sorte Gehirn ergeben, mit der wir ausgestattet sind? Mit dieser Fragestellung können wir ausloten, welche Formen von Religion der menschlichen Psyche gewissermaßen von der Natur in die Wiege gelegt wurden. Wir können ferner untersuchen, welche stillschweigenden Annahmen sich selbst die unterschiedlichsten Religionen teilen und wie Religion und ethnische Konflikte zusammenhängen. Und schließlich dürfen wir eine Einschätzung wagen, welch realistische Aussichten auf Verbreitung des Atheismus bestehen.
Der Ansatz, Religion aus evolutionärer und kognitiver Sicht zu erforschen, ist in den letzten zehn Jahren herangereift. Bei ihm geht es nicht etwa darum


Pascal Boyer arbeitet an den
Fachbereichen Psychologie und
Anthropologie der Washington
University in St. Louis (Missouri).
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1. Gott ist überall
09.04.2009, Dipl.-Ing. Manfred Schlabbach, BerlinEr ist von unterschiedlichen Seiten an die Aufgabe herangegangen und hat in vielen Richtungen die Grenzen genannt, die weiteren Erkenntnissen im Wege stehen. Aber gerade dort, wo es spannend wird, hat er sich nicht getraut, wie es scheint, einen mutigen Schritt weiter zu gehen.
Deshalb möchte ich doch einige Überlegungen anfügen. Bei der Aufzählung der relevanten Wissenschaftsbereiche: kognitive Psychologie, Neurowissenschaften, Kulturanthropologie und Archäologie, fehlt der eigentlich diesem Thema am nächsten liegende Fachbereich, die Parapsychologie. Leider ist dieses interessante Fach immer noch mit dem Makel mangelnder Seriosität behaftet, und das nicht zu Unrecht, die Suche nach wissenschaftlicher Literatur hierzu ist äußerst mühsam. Die untern genannte Quelle bringt ein wenig Ordnung in die Vielfalt der paranormalen Erscheinungsformen.
Die Kernaussage der Parapsychologie sehe ich in Paveses Satz "Das Unterbewusste ist eine autonome Intelligenz". Gemeint ist damit das persönliche Unbewusste im Gegensatz zum kollektiven Unbewussten. Autonom deshalb, weil das Bewusstsein im Allgemeinen keinen Zugang zu den Ergebnissen der hier verarbeiteten Sinneseindrücke und zu den daraus abgeleiteten Konsequenzen für das Verhalten hat. Die Sinneseindrücke werden durch dieselben Organe erfasst, die auch das bewusste Denken nutzt. Der Begriff der Intelligenz deutet hier auf die hohe Leistungsfähigkeit dieses versteckten Teils unseres Gehirns hin. Diese Intelligenz liegt nach Pavese bei den meisten Menschen weit über der bewusst erfahrbaren Denkleistung des Individuums. Ein einfaches Beispiel: Während eines Fußball-Länderspiels Deutschland gegen Liechtenstein im März 2009 nahm einer der Spieler einen zugespielten Ball direkt und schoss ihn aus etwa 15 Meter Entfernung präzise in die obere Torecke. Dieser Spieler hatte das so oft geübt bis die gesamte hochkomplizierte Berechnung eines solchen Schusses im Unbewussten ablief. Mit Intelligenz hat das nichts zu tun? Hat es doch. Das Gehirn muss nämlich erst ein Programm für die Berechnung entwickeln und immer wieder ändern, deshalb dauert das Trainieren so lange bis es perfekt klappt. Von einer derartigen Rechenleistung sind die modernsten Computer immer noch um mehrere Größenordnungen entfernt. Das wird besonders klar, wenn man versucht, ein entsprechendes Computerprogramm für einen Roboter zu schreiben. Wenn ich selbst, als völlig untrainierter Nichtfußballer, in ähnlicher Entfernung vor dem leeren Tor stehen würde, könnte ich möglicherweise mit dem Fuß fünf von zehn still liegenden Bällen irgendwo zwischen die beiden Pfosten rollen. Das hätte ich dann nur mit der mir zur Verfügung stehenden bewussten Kenntnis der Physik getan.
Das menschliche Gehirn hat sich in vielen hundert Millionen Jahren entwickelt. Das Bewusstsein der Primaten gibt es erst seit wenigen Millionen Jahren. Die autonome Intelligenz ist also viel älter als die Menschheit. Sie ist so alt, dass in ihrem organischen Aufbau vermutlich Erinnerungen an die Anfänge der lebendigen Welt gespeichert sind. Seit der Entwicklung des Bewusstseins hat es lange gedauert, bis der Mensch zu ahnen begann, dass da etwas ist, was ihn zu lenken scheint, sein Handeln und das seiner Mitmenschen beeinflusst. Das bewusste Denken war und ist bis heute kaum in der Lage seine eigene Herkunft zu erkennen. Der Begriff des Übernatürlichen beschreibt nur die Verwirrung, in die unser bewusstes Denken gerät, wagt es sich an mögliche Erklärungen für die merkwürdigen Phänomene, die uns, oder zumindest dem aufmerksamen Beobachter, jeden Tag begegnen.
Schon seit Urzeiten hat der Mensch nach Möglichkeiten gesucht, mit dem erahnten unheimlichen Gegenüber seiner Existenz in Verbindung zu treten. Ob dieses Ziel durch rhythmisches Tanzen oder Stampfen, die Einnahme von Drogen, Meditation oder Gebete erreicht wird, in allen Fällen ist es eine Art Trance, Verzückung, Bewusstseinserweiterung oder Versenkung, die zu besonderen Erlebnissen führt. Aber nicht jedem ist es gegeben, dieses Ziel zu erreichen. Spirituelle Medien, Hellseher, Medizinmänner oder Schamanen sind wegen ihrer besonderen Fähigkeiten hoch geachtete oder gar gefürchtete Personen, auch heute noch.
Gott ist nicht irgendein bärtiger alter Mann irgendwo im Universum, das wissen wir inzwischen. Die Kirche gibt uns keine erschöpfende Antwort auf diese Frage. Er ist überall, wird allgemein angenommen. Aber ist er auch noch dann überall, wenn es keine Menschen mehr gibt? Oder ist die Existenz Gottes womöglich doch an die der Menschheit gebunden? Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen unserer Vorstellung von Gott und der unbewussten autonomen Intelligenz, die mit unseren eigenen Augen sieht, mit unseren eigenen Ohren hört und mit unseren eigenen Händen fühlt, was wir tun, die alles weiß, was wir wissen, vor der wir nichts verbergen können, und die uns mit der Hölle eines schlechten Gewissens bestraft, wenn wir gegen das innere moralische Gesetz verstoßen? Ist es denn so fernab liegend, dass Gott viel mehr in uns ist, in jedem einzelnen Menschen? Hat "Er" seinen Sitz in dem sich im Laufe von Hunderten von Millionen Jahren entwickelten und hoch leistungsfähigen Teil unseres Gehirns, dessen Tätigkeit nicht in unser Bewusstsein dringt, und das dennoch einen großen Teil unseres Verhaltens bestimmt? Wenn Gott überall ist, dann ist er auch in uns. Falls wir alle diese Fragen mit Ja beantworten können, dann haben wir gar keine andere Wahl als zu glauben. Die Leugnung der Existenz eines Allmächtigen wäre so absurd wie die Leugnung der Existenz unseres rechten Armes.
Es ist die Überlegung wert. Ist Religion bzw. religiöses Handeln im weitesten Sinn nicht einfach der menschliche Versuch mit dem eigenen oder dem kollektiven Unbewussten per Gebet in Kontakt zu treten, so wie etwa das Autogene Training mit seinen Formeln? Ist Gott womöglich nichts anderes als die ",autonome Intelligenz"? Sicher, eine ketzerische Frage. Aber wie viel angenehmer ist es doch, zu wissen als "nur" glauben zu müssen, dass unsere Gebete erhört werden.
Religionsführer haben in der Geschichte oft das Bestreben gezeigt, zum Zweck des Zuwachses der eigenen Macht, ihre Anhänger von den einfachen Tatsachen in die Richtung eines vagen und nicht angreifbaren Glaubens zu führen, zu dem nur sie direkten Zugang haben, mit fatalen Folgen für die Skeptiker, die als Ketzer, Ungläubige, Atheisten oder Heiden gebrandmarkt werden. Deshalb ist auch im aufgeklärten 21. Jahrhundert noch die vorsichtige Zurückhaltung bei der Behandlung dieses Themas zu spüren. Pavese ist sich dieser Problematik in seinem Vorwort von Dr. theol. Alfred Läpple durchaus bewusst.
Alle diese Überlegungen, wenn sie sich denn auch nur zum Teil als richtig erweisen könnten, haben keinen Einfluss auf die Tradition der christlichen Kirche. Für die Gläubigen der monotheistischen Religionen ist es unerheblich, wo die um Beistand gebetene Allmacht ihren Sitz hat, wenn sie im Gebet doch die Zuversicht vermitteln kann, erhört zu werden.
Literatur:
Handbuch der Parapsychologie
Armando Pavese
Bechtermünz-Weltbild - Augsburg 1992
ISBN 3-86047-748-X
2. Ja, Sie müssen glauben.
10.04.2009, Klaus D. Witzel, Peine/StDas hat m.E. nichts mit Parapsychologie, "außersinnlicher Wahrnehmung oder Einfluss" zu tun (und ich meine auch das Lachen an sich -- nicht etwa Sie persönlich oder Ihren Beitrag oder uns, die Leser).
Und anstatt wildfremde Menschen zum Lachen zu bringen, können diese natürlich auch zum Hassen, zum Verehren, zum Beipflichten und zum Ablehnen, usw. gebracht werden. Da ist zwar i.d.R. etwas schwieriger zu bewerkstelligen, insbesondere wenn auch noch Langfristigkeit gewünscht wird, aber es geht.
Jemand der das beherrscht, der herrscht.
3. Furcht zu Nutze gemacht
16.04.2009, Dr. Hans-Joachim Rimek, Bonn4. Religion = Glaube?
28.04.2009, M. Ali Sarakaya, HamburgBei der Verwendung der Begriff Glaube und Religion herrscht eine große Verwirrung bzw. Fahrlässigkeit, weshalb es notwendig ist, eine Klärung der Begriffe zu fordern. Die Begriffe Religion und Glaube werden sehr häufig synonym verwendet, obwohl es fundamentale Unterschiede zwischen den beiden Begriffen gibt.
Der Glaube ist ein weitaus allgemeinerer Begriff, als es die Religion ist. Diese ist eher ein Spezialfall des Glaubens. So hat jedes Phänomen der Religion mit Glauben zu tun, aber nicht umgekehrt. Religion umfasst den ganzen Glaubensinhalt nicht. Atheisten haben keine Religion, wohl aber einen Glauben.
In Religionen spielen Gott bzw. Götter, Propheten und Heilige Bücher eine essentielle Rolle. Diese Religionsgrundsätze sind aber keineswegs Glaubensgrundsätze.
Die Religion ist kommt von außen an das Individumm, macht Vorschriften und beinhaltet Rituale wie Fasten, Beten, Gehorsamkeit. Dies tut der Glaube nicht, er erwächst allein aus dem Individuum heraus und macht keine Vorschriften. Es ist viel eher ein psychologischer Instinkt vergleichbar mit einem Gefühl wie Liebe, Hass und liegt somit in der Natur des Menschen. Die Religion hingegen ist ein gesellschaftliches Phänomen.
Religion unterdrückt durch Vorschriften als Über-Ich die natürlichen Bedürfnisse des Manschens, der Glaube an sich nicht. Besonders in der Debatte, ob Religion in der Natur des Menschenliegt, werden diese Ungenauigkeiten dazu genutzt, die These, dass die Religion in der Natur des Menschen liegt, zu stützen.
Um einen etwas überspitzen Parallelismus zu geben, so braucht der Mensch um zu überleben Essen und Trinken, das heißt aber noch lange nicht, dass er Brot und Cola braucht.
Im Glauben ist der Mensch frei aber nicht in der Religion.