Der Klimawandel wirft eine ganze Reihe solcher Fragen auf. Wie sollen wir, die wir heute leben, das Wohl künftiger Generationen, die doch wahrscheinlich über mehr materielle Güter verfügen werden, im Vergleich zu unseren eigenen Lebensbedingungen einschätzen? Viele Menschen, einige schon auf der Welt und andere noch ungeboren, werden an den Folgen des Klimawandels sterben. Ist jeder Tod gleich schlecht, oder zählt er weniger, wenn die Person erst in ferner Zukunft stirbt? Viele Menschen werden umkommen, bevor sie Nachwuchs haben. Ist es verantwortbar, diese ungeborenen Kinder um ihre Lebenschance zu bringen? Begehen die reichen Nationen durch die Emission von Treibhausgasen ein Unrecht gegenüber der armen Weltbevölkerung? Wie soll man die geringe, aber doch reelle Gefahr in Ansatz bringen, dass der Klimawandel zu einer globalen Katastrophe führt?
Erde 3.0
Die Ethik des Klimawandels
Als Verursacher der Erderwärmung müssen wir unser eigenes Wohlergehen gegen die Gefahr abwägen, dass sich durch unser Tun die Lebensbedingungen unserer Enkel gravierend verschlechtern. Das verlangt nicht nur ökonomischen Sachverstand, sondern auch gewissenhafte ethische Betrachtungen.
Der Klimawandel wirft eine ganze Reihe solcher Fragen auf. Wie sollen wir, die wir heute leben, das Wohl künftiger Generationen, die doch wahrscheinlich über mehr materielle Güter verfügen werden, im Vergleich zu unseren eigenen Lebensbedingungen einschätzen? Viele Menschen, einige schon auf der Welt und andere noch ungeboren, werden an den Folgen des Klimawandels sterben. Ist jeder Tod gleich schlecht, oder zählt er weniger, wenn die Person erst in ferner Zukunft stirbt? Viele Menschen werden umkommen, bevor sie Nachwuchs haben. Ist es verantwortbar, diese ungeborenen Kinder um ihre Lebenschance zu bringen? Begehen die reichen Nationen durch die Emission von Treibhausgasen ein Unrecht gegenüber der armen Weltbevölkerung? Wie soll man die geringe, aber doch reelle Gefahr in Ansatz bringen, dass der Klimawandel zu einer globalen Katastrophe führt?


John Broome ist Professor für
Moralphilosophie an der University
of Oxford (England). Zuvor hat er
an der University of Bristol Wirtschaftswissenschaften
gelehrt. Er
ist Mitglied der British Academy
und der Royal Society of Edinburgh
sowie auswärtiges Mitglied der
Schwedischen Akademie der
Wissenschaften. Aus seiner Feder
stammen die Bücher "Weighing
Goods", "Counting the Cost of
Global Warming", "Ethics out of
Economics" und "Weighing Lives". 

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1. Ungeeignete Methode
01.04.2009, Marcel Hänggi, Wissenschaftsjournalist und Buchautor (»Wir S- Kosten-Nutzen-Analysen rechnen einen Verlust hier durch einen Gewinn da auf. Die Natur funktioniert aber nicht nach dieser Logik der Substituierbarkeit – ein an Phosphor verarmter Boden wird nicht wieder fruchtbar, wenn er im Übermaß mit Stickstoff gedüngt wird.
- Kosten-Nutzen-Analysen nehmen an, dass mehr materieller Wohlstand zu mehr Wohlergehen der Menschen führt. Bis zu einem gewissen Wohlstandsniveau ist das zweifellos richtig; darüber hinaus aber geht es den Menschen nicht mehr besser, wenn sie mehr besitzen. Der Ökonom William Easterlin hat das in den siebziger Jahren erstmals nachgewiesen (Easterlin-Paradox).
- Kosten-Nutzen-Analytiker gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft wächst, weshalb sie die Zukunft diskontieren. William Nordhaus etwa rechnet in seinen Szenarien bis ins Jahr 2200 (!) mit einem durchschnittlichen Wachstum von 4 Prozent. Das ist eine abenteuerliche, spekulative Annahme, gibt es doch überhaupt erst seit etwas mehr als hundert Jahren ein globales Wirtschaftswachstum von mehr als 1 Prozent.
- Die Notwendigkeit, den Wert eines Menschenlebens zu schätzen, führt zu ethisch nicht haltbaren Resultaten: Man misst diesen Wert beispielsweise, indem man betrachtet, für wie viel mehr Lohn jemand bereit ist, eine Arbeit anzunehmen, die seine statistische Lebenserwartung um ein Jahr senkt. Arme Menschen, die noch dazu eine Familie ernähren müssen, sind leicht bereit (resp. gezwungen), ein Jahr ihres Lebens zu «verkaufen». Das hat 1995 zum bisher heftigsten Streit im Intergovernmental Panel for Climate Change (IPCC) geführt, weil die Autoren im Entwurf zum IPCC-Bericht vorgeschlagen hatten, ein Menschenleben in einem Industrieland mit 1,5 Millionen Dollar, eines in einem Entwicklungsland mit 150000 Dollar zu bewerten.
Als Alternative zu den Kosten-Nutzen-Analysen geht das Vorsorgeprinzip davon aus, dass gewisse Risiken unbedingt zu vermeiden sind. Das Vorsorgeprinzip ist im Zusammenhang mit dem Klimawandel umso mehr angebracht, als viele Risiken gar nicht abschätzbar und die Prozesse des Klimasystems irreversibel sind.
2. Nur den eigenen kurzfristigen Vorteil im Auge haben
09.04.2009, Jörg Michael, HannoverIn der Praxis sieht es nämlich leider so aus, dass beispielsweise bei den Fangquoten für die Kabeljaubestände der Nordsee entgegen den Warnungen von Experten der EU seit
Jahr und Tag eine deutliche Überfischung genehmigt wird. Den Beständen hat dies gelinde gesagt nicht gutgetan. Bei einer durchgehend nachhaltigen Bewirtschaftung könnten daher die heutigen Fangquoten 4- bis 5-mal höher sein.
Die Ursachen sollten klar sein:
Fischer wollen im Hier und Jetzt überleben. Dass sie sich damit den eigenen Ast absägen, interessiert offenbar weniger. Und Politiker wollen wiedergewählt werden, und sind daher eher geneigt, Konflikte zu vermeiden und nachzugeben.
Hier haben wir also ein klares Beispiel dafür, dass selbst bei einem Zeithorizont von ca. 20 bis 30 Jahren alle Beteiligten nur ihren eigenen kurzfristigen Vorteil im Auge haben und nicht willens sind, langfristig zu denken und vor allem zu handeln.
Es wäre naiv zu erwarten, dass es bei längeren Zeiträumen, wie sie beim Klimawandel zu berücksichtigen sind, besser läuft.
3. Berechnende Fürsorglichkeit?
15.04.2009, Christian Hornstein, BonnEin fairer Maßstab zur Bestimmung vertretbarer Umweltschäden kann nur im Konsens mit den Geschädigten gefunden werden. Den Preis einer Ware kann man schwerlich fair bestimmen, wenn eine Partei ihn allein festlegt. Wir können zukünftige Generationen nicht nach ihrer Meinung fragen. Wir wissen nicht einmal genau, welchen Wohlstand welcher Art sie tatsächlich erwartet. Wäre es nicht selbstverständlich, dass wir ihnen den Planeten zumindest in dem Zustand übergeben, in dem wir ihn von unseren Eltern empfingen? Ist es ethisch adäquat, uns selbstgerecht auszurechnen wie viel Umweltverbrauch wir uns leisten wollen, statt alles konstruktiv Mögliche zur Schadensminimierung zu tun? Was wäre fürsorglicher?
4. Blanker Zynismus
20.04.2009, Karl-Heinz Haid, Isny-BeurenWie verträgt sich die unbegründete Annahme, dass die „Menschen in der Zukunft (...) vermutlich reicher sind als wir“ mit der Aussage: „Es wird Völkerwanderungen mittelloser Flüchtlinge geben“? Sind mittellose Flüchtlinge keine Menschen? Oder heißt es, dass wir Euro-Amerikaner unsere Nachkommen ruhig etwas stärker zur Kasse bitten dürfen, denn reicher als wir müssen sie ja nicht unbedingt sein?
Schon vor fast 250 Jahren hat Emanuel Kant gesagt, dass der Mensch eine Würde, aber keinen Preis hat; dass man ihm sein Existenzrecht also nicht abkaufen kann.
Und vor 30 Jahren hat Hans Jonas in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“ geschrieben: Wenn wir wollen, dass es auch in Zukunft Menschen auf dieser Erde gibt, sollten wir auch wollen, dass ihr Leben nicht schlechter ist als das unsere. Nach Jonas Worten sind wir also aufgefordert, alles(!) zu tun, diesen Planeten und seine Ökosysteme für kommende Generationen zu bewahren, und bei unseren Handlungsalternativen diejenigen zu wählen, die die geringsten Nachteile mit sich bringen.
Es geht keineswegs darum, zu diskutieren, wie viel oder wie wenig unseres kommenden Überflusses wir opfern sollten, um den Enkeln unserer Nachbarn – falls es sie gibt – gegenüber kein ganz schlechtes Gewissen haben zu müssen, sondern darum, auf wie viel gewohnten Komfort wir ab sofort verzichten, um unsere Schuld am kommenden Klimadesaster so gering wie möglich zu halten! Es ist blanker Zynismus, auszurechnen, wie viel Klimakatastrophe wir den kommenden Generationen zumuten können (oder wie viel Opfer sie billigerweise von uns verlangen dürfen) – abgesehen davon, dass wir uns nie auf ein Rechenverfahren und die dazu gehörenden Diskontierungsfaktoren einigen werden.
Ökonomen schmeckt das verständlicherweise nicht, glauben sie doch an das immerwährende Wachstum, obwohl – das Wort Globalisierung verrät sie – ihnen im Grunde klar ist, dass die Rohstoffe und die Märkte begrenzt und nahezu erschöpft sind.