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Quelle: Spektrum der Wissenschaft 4/2009
Nachrichten vom betenden Tier
Rüdiger Vaas und Michael Blume erklären, warum Religionen so verbreitet sind
Spätestens wenn zwei Trends sich kreuzen,
schlägt die Stunde der Publizisten.
Einerseits beflügelte Richard Dawkins mit
seinem provokanten Buch "Der Gotteswahn" (Spektrum der Wissenschaft 11/
2007, S. 118) die Debatte um Religion und
Wissenschaft; insbesondere das junge Gebiet
der Neurotheologie lieferte dem alten
Reizthema neue Nahrung. Andererseits tobt
nach wie vor, im Darwinjahr neu angeheizt,
die Debatte um die Evolutionstheorie.Missverständnisse
und Ideologien durchziehen
das biologische Terrain fast wie einst vor
150 Jahren.
Da kommen der Religionswissenschaftler
Michael Blume und der Wissenschaftsjournalist
Rüdiger Vaas mit ihrem Buch über
"Gott, Gene und Gehirn" gerade zur rechten
Zeit. Sie resümieren nicht nur den Stand der
bereits recht unübersichtlich gewordenen
Forschung zum Thema "Evolution der Religiosität". Sie gehen auch Fragen nach, die
viele bewegen: Wieso sind Religionen so
verbreitet? Warum prägen sie praktisch alle
Kulturen seit Menschengedenken? Sind sie
überhaupt reine Kulturprodukte? Hat Religiosität
genetische Ursachen? Bietet sie
in der Evolution einen Selektionsvorteil?
Wohnt Gott im Hirn? Führt Religion zur
Wahrheit?
Ihre These: "Es gibt einige neuro- und
evolutionsbiologische Indizien für eine Natur
und Naturgeschichte des Glaubens", das
heißt für "spezifische biologische Grundlagen
der Religiosität". Das möchte man gerne
glauben, denn alles andere wäre wirklich
erstaunlich. Aber im Detail erfordert die
Klärung des Sachverhalts Jahrzehnte interdisziplinärer
Forschung. Diese haben Vaas
und Blume akribisch durchforstet, was allein
die 16-seitige Literaturliste belegt;
zahllose Fußnoten und ein Register erleichtern
zusätzlich den Zugriff.
Offenbar neigen Menschen vor allem in
Notzeiten zu religiösem Glauben.
Darüber
hinaus gibt es vor allem zwei Thesen. Erstens:
Religion sei eine stammesgeschichtliche
Adaption. Menschen, die ihr anhängen,
überleben besser und haben mehr
Nachkommen, so dass sie ihre Gene verstärkt
an die nächste Generation weitergeben
können. Schon in der Vorzeit stärkte
Religion
den Zusammenhalt von Gruppen,
die sich für Jagd und Nachwuchspflege zusammenschlossen
und so anderen Gruppen
überlegen zeigten. Allerdings wollen bestimmte
Glaubensinhalte wie der vom Leben
nach dem Tod nicht recht zur Adaptionstheorie
passen. Sie kann auch nicht den
Ursprung der
Religion erklären, sondern
höchstens ihre Verbreitung.
Sind religiöse Erlebnisse so etwas
wie epileptische Anfälle?
Die zweite These: Religiosität sei einfach
ein natürliches Beiprodukt des menschlichen
Verstands. Sie stelle sich ein, ohne
dass im menschlichen Kopf ein "Gottesmodul" eingebaut sein müsste. Religiöse Empfindungen
und vor allem die Erleuchtungserlebnisse,
von denen viele Religionsstifter
berichten, ereigneten sich wie epileptische
Anfälle und seien sogar möglicherweise solche;
und Epilepsie existiere auch nicht deshalb,
weil sie einen Selektionsvorteil böte.
Die Existenz Gottes ist davon natürlich
unberührt: "Warum Menschen an Gott glauben
oder überhaupt außergewöhnliche und
als religiös interpretierte Erfahrungen haben,
darf nicht mit der Frage verwechselt
werden, ob Gott existiert." Selbst wenn Religionen
einen psychischen, sozialen oder
evolutionären Nutzen hätten, so gelte doch:
"Nützlichkeit ist nicht gleich Wahrheit".
An dem Buch hat mir gefallen, wie undogmatisch
und kundig die Autoren sich ihrem
Thema von vielen Seiten annähern,
ohne in allzu rasche (Kurz-)Schlüsse zu verfallen.
So meinen sie auch, dass die Adaptionshypothese
trotz einiger Schwierigkeiten
"nicht als widerlegt gelten" kann. Auch
wenn sie umgekehrt noch nicht erwiesen
ist, so wirke sie bereits über die Biologie hinaus.
Atheisten und Agnostiker können darin
"eine Stütze für ihre Überzeugung erblicken,
dass der Glaube eine Illusion ist – aber
vielleicht eine nützliche und daher besonders
hartnäckige".
Das Forschungsgebiet der Evolutions- und
Neurotheologie ist noch jung und entwickelt
sich rapide. Dieses Buch liefert einen
detaillierten Überblick in einer eher
verwirrenden Gefechtslage. Die Selbstbescheidung
von Blume und Vaas angesichts
der Komplexität ihres Themas sehe ich daher
als einen Vorzug: "Es ist besser, eine
Frage zu diskutieren, ohne sie zu entscheiden", so zitieren sie den Schriftsteller Joseph
Joubert, "als eine Frage zu entscheiden,
ohne sie zu diskutieren."
Dr. Reinhard Breuer
Chefredakteur Spektrum der Wissenschaft