Dieses Buch können Sie
im Science-Shop
für
24,90 € (D), 25,60 € (A)
kaufen.
»
Quelle: Spektrum der Wissenschaft 5/2009
400 Jahre fern sehen
Der offizielle Band zum Internationalen Jahr der Astronomie
erzählt die Geschichte des Teleskops.
Schon 1608 hatten Optiker in den Niederlanden
die ersten funktionsfähigen
Fernrohre gebaut. Das älteste bekannte
Dokument
dazu ist der Patentantrag des
deutschstämmigen Jan Lipperhey für sein
"Instrument, um in die Ferne zu sehen".
Zunächst waren die Fern-seh-Geräte primär
für die militärische Verwendung gedacht;
die Niederlande befanden sich schon
seit Jahrzehnten im Krieg mit Spanien. Als
jedoch Galileo Galilei in Padua von den Instrumenten
erfuhr, muss er sogleich ihre
Bedeutung für die Himmelsbeobachtung erkannt
haben. Er optimierte die Optik für seine
Zwecke und richtete 1609 ein Fernrohr
zunächst auf den Mond, wenig später auf
die Planeten und erblickte dabei nie zuvor
Gesehenes: Strukturen auf dem Mond, Phasen
der Venus, vier Monde um Jupiter und
die Henkel des Saturns, die sich später als
Ringsystem herausstellten.
Die UNESCO nahm dies zum Anlass,
2009 zum Jahr der Astronomie zu deklarieren
(www.astronomie2009.de). Die Internationale
Astronomische Union (IAU) wählte
den vorliegenden Band als offizielle
Publikation aus, ebenso wie die darin enthaltene
DVD, deren Inhalt dem des Buchs
weitestgehend folgt. Sieben Kapitel beschreiben
die Erfindung
des Teleskops, seine
Perfektionierung bis an die Grenzen
des – zur jeweiligen Zeit – technisch Machbaren,
den Sprung ins digitale Zeitalter, die
Erweiterung auf andere Frequenzen des
elektromagnetischen Spektrums sowie Bau
und Einsatz von Weltraumteleskopen und
die Pläne für die Giganten der kommenden
Jahrzehnte.
Buch und DVD richten sich an den interessierten
Laien. Sie legen weder Wert auf
Vollständigkeit, noch sind sie als Nachschlagewerke
oder gar als Lehrmittel gedacht.
Vielmehr beweist sich der bekannte niederländische
Astronomiejournalist Govert Schilling
einmal mehr als versierter Geschichtenerzähler.
Großformatige Bilder begleiten die
einzelnen Episoden, die DVD glänzt mit fantastischen
Zeitrafferaufnahmen. Im Buch befassen
sich kleine Infokästen mit speziellen
Fassetten des Themas.
Insgesamt wird dem halbwegs kundigen
Leser auffallen, dass an mehreren Stellen
wichtige Beiträge deutscher Forscher und
Instrumentenbauer nicht gewürdigt werden,
von Johannes Kepler (1571 – 1630)
über Joseph von Fraunhofer (1787 – 1826)
bis hin zu Bernhard Schmidt (1879 – 1935),
dessen Name nur bei der Nennung einzelner
Teleskope im Buch auftaucht. Die Übersetzung
hätte dringend der redaktionellen
Bearbeitung bedurft. An zahlreichen Stellen
hält der Text zwanghaft an amerikanischen
Floskeln des Originals fest; neben einigen
"false friends" tauchen manchmal Begriffe
oder Eigennamen auf, bei denen die falschen
Wortbestandteile übersetzt oder fälschlich
im Original belassen wurden; in zahlreichen
Passagen wird der ursprüngliche Sinn verzerrt oder zumindest missverständlich wiedergegeben.
In diesem Punkt hinterlässt die etwa einstündige
DVD einen besseren Eindruck. Sie
stammt von demselben Team, das bereits
2005 mit einer Produktion zum 15-jährigen
Dienstjubiläum des Weltraumteleskops
Hubble eine hervorragende Arbeit abgeliefert
hat.
Präsentator ist ein Astronom mit dem
Spitznamen "Doctor J", der dem Publikum
bereits als Moderator der beiden Podcast-
Reihen über das Hubble-Teleskop (wo übrigens
auch die Kapitel aus der genannten Jubiläums-
DVD zweitverwertet wurden) und
von der europäischen Südsternwarte ESO
bekannt ist. Es handelt sich um Joe Liske vom
ESO Science Office für das E-ELT, das geplante
europäische Riesenteleskop. In den
Studiosequenzen spricht er englisch, während
der Erzähler, der auch die weiteren Bilder
und Filme erläutert, ihn simultan übersetzt.
Eine rein deutsche Fassung besäße
sicher einen höheren Genussfaktor – und
wäre prinzipiell möglich gewesen, denn Joe
heißt eigentlich Jochen und ist gebürtiger
Deutscher. Jedenfalls macht er seine Sache
hervorragend: Mimik, Gestik und Intonation
halten sich in sehr angenehmen Grenzen und
wirken nicht so übertrieben und gekünstelt
wie bei manchem Profimoderator.
Letztlich ist es das überwältigende Bildmaterial,
das die DVD zu einem Erlebnis
macht. Die schon erwähnten Zeitrafferaufnahmen,
aufwändige Animationen und faszinierende
Bilder von Teleskopen an den
besten Standorten der Erde und im Weltraum
ziehen den Betrachter in ihren Bann.
Hierbei stehen das Wann, das Wo und das
Wie im Vordergrund, die Erklärungen bleiben
auf Einsteigerniveau. Auf die zu Grunde
liegende Physik wird weitestgehend verzichtet,
auch der eigentlichen Astronomie
und Astrophysik bleibt eher die Rolle als
Bildgeber vorbehalten. Die Natur der einzelnen
Objekte und die bei ihnen ablaufenden
Prozesse werden nur flüchtig angerissen,
ihre Vielzahl wird für den Leser oder
Zuschauer kaum überschaubar.
Interessierte Laien oder gar Amateurastronomen,
die sich neue Erkenntnisse oder
ein Nachschlagewerk erhoffen, werden vom
Informationsgehalt des Werks enttäuscht
sein, aber diesen Anspruch erhebt es auch
nicht. Vielmehr soll die breite Öffentlichkeit
einen Einblick in die Faszination der Astronomie
als Forschungszweig erhalten, wie –
ansatzweise – auch als Hobby. Dieses Ziel
wird sicher erreicht, nicht zuletzt durch die
DVD, die in den meisten Belangen den Vergleich
mit aufwändig produzierten BBC-Dokus
nicht zu scheuen braucht.
Oliver Dreissigacker
Der Rezensent ist promovierter Astrophysiker und arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist in Mannheim.
Ursprung des Zeitpfeils • Masse und Gravitation • Strings und die Theorie für (fast) Alles • Ist unser Kosmos nur einer von vielen? • Besteht die Raumzeit aus Quanten? • … »