Rezension
Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst
Christoph Pöppe über "Entzauberte Welt - Über den Sinn des Lebens in uns selbst" von Bernulf Kanitscheider
Die Frage zu stellen ist nicht ungefährlich. Was soll man tun, wenn die Antwort "Nein" lautet? Der Philosoph und Autor Albert Camus (1913 – 1960) schrieb: "Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere kommt später."
Die abendländische Tradition ist stark von der christlichen Antwort auf die Sinnfrage geprägt: Gott selbst ist es, der deinem Leben einen Sinn gibt. Diese Antwort wirkt


Der Rezensent ist Redakteur bei "Spektrum der
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1. Den Sinn des Lebens bei den Griechen suchen
13.09.2009, Dr. Benedikt Rothöhler, HeidelbergZunächst einmal ist die Beantwortung dieser Frage für den persönlichen Lebensentwurf (mit oder ohne Sinnsuche) nicht zwingend notwendig - ein echter Agnostiker etwa lässt sie bewusst unbeantwortet und sieht darin kein Hindernis, seine persönliche Erfüllung auf Erden zu suchen. Für Kanitscheider, der so sehr am christlichen Abendland leidet, ist dies natürlich die Frage nach der Existenz Gottes (die er verneint).
Laut Pöppe führt Kanitscheider „alle Vorstellungen von einer externen Quelle des Lebenssinns ad absurdum“, „zerpflückt systematisch ... alle diese Vorstellungen“. Damit wäre ihm (in einem populärwissenschaftlichen Werk!) etwas gelungen, worum sich die Vertreter des Materialismus/Naturalismus seit vierhundert Jahren vergeblich bemühen, darunter Geistesgrößen wie Diderot, Kant (kein eigentlicher Naturalist, hat aber Grundlegendes zum Naturalismus beigetragen), Laplace, Feuerbach, Engels, Carnap. Ich nehme auch an, daß Kanitscheider einen solchen sensationellen Beweis in seinem Buch doch nicht liefert, sonst hätte ihn Pöppe uns Lesern gewiß nicht vorenthalten.
Dass „man die abendländische Tradition nur ein Stück weiter zurückverfolgen muss, bis zu den Griechen der Antike, und Lebensphilosophien findet, die nicht nur ohne externe Sinngebung auskommen, sondern auch von der sauertöpfischen Pflichtethik Immanuel Kants und der Drohung mit Strafen im Jenseits völlig frei sind“, ist so nicht ganz richtig.
Die griechische Kultur kannte sehr wohl ein Leben nach dem Tod. Während „durchschnittliche“ Menschen im Jenseits (dem Hades) ein eher tristes Dasein als „Schatten“ führten, wurden durchaus besonders heroische Taten nach Tode belohnt (durch ewige Freuden auf den „Inseln der Seligen“ oder mit Unsterblichkeit am Sternenhimmel) und besonders verwerfliche Taten bestraft („Tantalosqualen“).
Auch wenn für die meisten „Normalsterblichen“ das „Leben vor dem Tod“ das eigentliche war, bedeutet dies nicht, dass dieses Leben seinen „Sinn“ in sich selbst gefunden hätte. Das postmortale Jenseits ist nicht die einzige außerweltliche Instanz, die zur religiösen Sinnstiftung herangezogen werden kann.
Die typisch griechische Ausformung der Religion ist die Mythologie, d. h. die überlieferte „Geschichte“ (die durchaus als „wahr“ angesehen wurde). Dies hatten die Griechen übrigens mit den klassischen Juden gemeinsam, die ebenfalls kein Leben nach dem Tode kannten, es unterscheidet sie dagegen von Christen und Muslimen ebenso wie von den klassischen Ägyptern. Jede griechische Stadt, jede Familie leitete sich von Göttern und Heroen her und verknüpfte ihren Ursprung mit bedeutsamen mythischen Ereignissen. Namen, Orte und Bräuche wurden ätiologisch gedeutet. Die Menschen konnten das Leben aus der mythischen Vergangenheit heraus als sinnvoll empfinden. Eine solche mythische Vergangenheit ist zwar nicht im strengen Sinn „außerweltlich“, aber deutlich getrennt vom alltäglichen Leben. Sie galt als „heilig“ - im Gegensatz zum Lebensalltag, der per definitionem „profan“ ist. Man war sich auch durchaus der Grenze zwischen der „menschlichen“, historischen Geschichte mit ihren genauen und nachprüfbaren Daten (dem „eisernen Zeitalter“) und der mythischen Geschichte, die sich „in illo tempore“ abspielte, bewusst, ohne letztere deshalb für weniger „wahr“ zu halten.
Kanitscheiders „Griechen“ (in Wirklichkeit freilich nur bestimmte Griechen - die Spartaner ganz gewiß nicht!) hatten, verglichen mit der Askese „der Christen“ (eigentlich auch nur kleiner christlicher Gruppen zu bestimmten Zeiten), eine stärker lustbetonte Lebenseinstellung und erscheinen dem modernen Hedonisten deshalb als sympathischer, aber die Lustbefriedigung wurde nie als sinnstiftend betrachtet. Sinn stiftete auch damals die Religion, die Lust war ein positiver (weil angenehmer) Faktor, den man zusätzlich anstreben durfte und sogar sollte – aber immer nur im Rahmen der areté („Tugend“). Hedonismus als Lebensprinzip und als Ersatz für die Religion hätten die meisten Griechen als absurd angesehen. Echte Hedonisten waren Randfiguren. Aristipp hat kaum bleibende Spuren hinterlassen, Epikur hatte mehr Einfluss, wurde aber auch von den etablierten Philosophenschulen verachtet. Atheismus (genauer: Asebie - „Unfrömmigkeit“) war ein Straftatbestand - Sokrates wurde unter anderem wegen Missachtung der Götter hingerichtet.
Aber es geht ja nicht so sehr um die Frage, ob „Gott“ tatsächlich existiert oder nicht, sondern vor allem darum, ob ein „sinnvolles“ Leben ohne zumindest die Annahme der Existenz Gottes möglich ist.
Dabei geht es nicht um die „unmetaphysische“ Sinnfindung Einzelner. Dafür hätte Kanitscheider nicht weiter als bis ins 20. Jahrhundert zurückgehen müssen, im Prinzip hätte sogar sein Selbstzeugnis ausgereicht.
Vielmehr geht es um ein hedonistisches Lebensmodell, das eben nicht nur für einzelne Individuen (mit möglicherweise außergewöhnlicher psychologischer Disposition), sondern auch für die Allgemeinheit zugänglich und für jeden akzeptabel ist. Und hier sind griechische Hedonisten wie Aristipp eben kein valides Beispiel, da sie, wie in fast allen anderen Gesellschaften auch, mit ihren Ideen weit gehend allein blieben.
Weltbild und Lebensentwurf sind nicht nur persönliche, sondern vor allem auch kulturelle Phänomene. Und die Tatsache, dass es in der Geschichte kein reales Beispiel einer Kultur gibt, die auf einen im transzendenten verankerten „Sinn“ hätte verzichten können, ist ein starkes Argument für die Notwendigkeit.
2. Ein gesunder Verstand braucht kein Placebo
30.09.2009, Gerrit Dittrich, MünchenBesagter Freund konnte scheinbar nichts im Leben mehr eine Wertschätzung entgegen bringen, was klinisch gesehen als depressiver Zustand gilt. Depressionen sind die Hauptursache für Selbstmord, weil sie uns den Sinn des Lebens nicht sehen lassen. Einem gesunden Verstand muss man den Sinn nicht in Form eines Placebos vorgaukeln. Und wenn ein Leben objektiv betrachtet inhaltsleer ist, so wird man den (Frei-)Tod auch nicht als tragisch, sondern als Erlösung erachten.