Wir beherbergen, so ein oft kolportiertes Gerücht, in uns etwa zehnmal mehr Bakterien und einzellige Mikroben, als unser Körper Zellen hat. Diese Weisheit sollten allerdings alle schnell vergessen, die überhaupt schon einmal davon gehört haben – meinen zumindest Forscher aus Israel und Kanada, die besonders genau nachgerechnet haben. Dabei kamen sie auf ein Körperzellen-zu-Mikroben-Verhältnis von rund 1 zu 1.

Grundlage für diese Anzahl war dabei ein 70 Kilo schwerer, 1,70 Meter großer und rund 20 bis 30 Jahre alter "Referenz-Mann": Er würde im Durchschnitt aus etwa 30 Billionen menschlicher Zellen bestehen und 39 Billionen Bakterien beheimaten, rechnen Ron Milo und Ron Sender vom Weizmann-Institut im israelischen Rehovot sowie ihr Kollege Shai Fuchs vom Hospital for Sick Children in Toronto vor. Diese Zahlen sind zwar Schätzwerte; und ein anderer Mensch könnte durchaus von nur der Hälfte oder aber doppelt so viel Bakterien besiedelt sein – in keinem Fall aber von rund zehnmal mehr, also von der unter interessierten Laien besonders häufig verbreiteten Anzahl. Die Menge von Keimen und Körperzellen dürfte wohl derart ähnlich sein, dass schon ein Gang aufs Klo ändern könnte, ob man mehr vom einen oder anderen hat – so die ins Detail gehende Feststellung der Forscher in ihrer Vorabveröffentlichung auf dem bioRxiv-Dokumentenserver

Die viel zitierte 10:1-Verhältnis geht wohl auf eine 1972 publizierte Veröffentlichung des Mikrobiologen Thomas Luckey zurück, die "elegant durchgeführt war, wiewohl aber nie dazu bestimmt gewesen sein dürfte, noch Jahrzehnte später weit verbreitet zitiert zu werden", meinen die Autoren der neuen Studie. Im Jahr 2014 hatte der Molekularbiologe Judah Rosner von den US National Institutes of Health in Bethesda seine Zweifel an der 10:1-These verlauten lassen: Es gebe schlicht zu wenige wirklich verlässliche Zahlen zur Menge von menschlichen und bakteriellen Zellen im Körper.

Milo, Sender und Fuchs beschlossen, die Datenlage zu präzisieren, und trugen eine umfassende Übersicht von älteren experimentellen Daten zusammen, die aus allerlei Veröffentlichungen stammen – etwa DNA-Analysen zur Abschätzung der Zellzahl oder aber bildgebenden Magnetresonanz-Studien, bei denen Organgrößen vermessen wurden.

Zellen im Körper
© Nature, nach Sender, R. et al.: Revised estimates for the number of human and bacteria cells in the body. In: bioRxiv 10.1101/036103, 2016, fig. 3; dt. Bearbeitung: Spektrum der Wissenschaft
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Die Zahl der Zellen im Körper schwankt recht stark. Am häufigsten finden sich rote Blutkörperchen. Die Muskel- und Fettzellen sind dafür deutlich schwerer.

Die weitaus größte Fraktion aller Körperzellen bilden die roten Blutkörperchen. Am gröbsten verschätzt hatte sich Luckey damals wohl bei den Bakterienzahl im Verdauungstrakt, so Milo und Kollegen. Luckey hatte angenommen, dass im Darm rund 1014 Bakterien leben, weil er die Zahl der Keime in einem Gramm Fäkalien auf 1011 geschätzt hatte, um dann vereinfacht auf ein Volumen von einem Liter hochzurechnen, das er für den gesamten Verdauungstrakt vom Mundöffnung bis Anusausgang ansetzte.

Allerdings leben die weitaus meisten Bakterien im Dickdarm, der rund 0,4 Liter fasst, wie Milos Team anmerkt – und zudem finden in Stuhlproben auch weniger Bakterien, als Luckey annahm.

Alle Berechnungen und Schätzwerte zusammengeworfen weisen jedenfalls auf ein Verhältnis von rund 1,3 Mikroorganismen auf eine Körperzelle hin – mit erheblicher Streuung im Einzelnen und allerlei Unwägbarkeiten. Auf Anfrage wollte Milo die Vorveröffentlichung übrigens zunächst nicht kommentieren – eine Publikation steht an, und das Peer-Review zum Paper läuft noch.

"Gut, dass wir jetzt einen besseren Schätzwert zitieren können", findet jedenfalls Peer Bork vom EMBL in Heidelberg, der als Bioinformatiker am komplexen Mikrobiom des Menschen und anderer Organismen forscht. "Irgendeine echte biologische Bedeutung dürfte das allerdings nicht haben."