Der Klassiker als Argument für einen intelligenzfördernden Effekt von Muttermilch ist die Probit-Studie (Promotion of Breastfeeding Intervention Trial), die 1996/97 in Weißrussland begonnen wurde und inzwischen Nachfolgeuntersuchungen an über 17 000 Kindern ermöglicht. Sie gilt als besonders aussagekräftig, weil die Gruppe der stillenden Mütter die ganze Bandbreite der weißrussischen Bevölkerung umfasste und nicht, wie sonst oft, vor allem ältere, besser gebildete und in stabilen familiären Strukturen lebende Frauen – und damit ein für die kindliche Intelligenz besonders förderliches Umfeld. Die besseren Ergebnisse der gestillten Kinder in kognitiven Tests gelten daher als klares Pro für das Stillen in Sachen Intelligenzförderung.

2007 präsentierten Forscher sogar eine mögliche Erklärung für den Effekt: Das Gen FADS2 auf Chromosom 11 kodiert für ein Enzym im Fettstoffwechsel. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Umwandlung von Fettsäuren aus der Nahrung in die zu den Omega-3-Fettsäuren zählende Docosahexaensäure und die Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure. Diese beiden langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind entscheidend für die neuronale Entwicklung, weshalb sie inzwischen auch einigen Pränahrungen zugesetzt beziehungsweise von verschiedenen Stellen als Nahrungsergänzung für Schwangere und Stillende empfohlen werden. Vor dem schnellen Griff zur Fischölkapsel sollte aber ein Gespräch mit dem Arzt stehen sowie eine gründliche Überprüfung der eigenen Ernährungsgewohnheiten – denn auch fetter Fisch und bestimmte Pflanzenöle bieten entsprechende Inhalte. Und tatsächlich wiesen nur gestillte Kinder mit einer bestimmten, allerdings auch der bei Weitem häufigsten Variante der Erbanlage einen IQ-Vorsprung auf.

Auf der anderen Seite zeigte sich in verschiedenen anderen Studien, dass insbesondere der Intelligenzquotient und Ausbildungsgrad der Mutter sowie Umgebungseinflüsse die kognitive Entwicklung der Kinder viel stärker prägen als der Punkt, ob und wie lange sie gestillt wurden. Gerade diese Faktoren wurden aber in Publikationen, die einen den IQ fördernden Effekt beschrieben, häufig außer Acht gelassen. Ebenso unberücksichtigt oder unklar blieb gelegentlich, ob es sich um termingerecht geborene Kinder oder um Frühchen handelte, bei denen sich aber die frühe Entwicklung deutlich unterscheiden kann.

Methodisch kritisch sind zudem Rückfragen zur Stillzeit – zum Beispiel dazu, wie lange die Brust (ausschließlich) gegeben wurde: Hier kommt es oft zu falschen Erinnerungen und Einschätzungen, die das Ergebnis verzerren. Da sich die Fragen häufig unterscheiden, lassen sich die Studienergebnisse auch nicht mehr vergleichen. So erfüllten bei einer Überprüfung von 40 Publikationen aus den Jahren 1929 bis 2001 – 27 davon vermeldeten eine positiven Wirkung von Muttermilch auf den IQ – gerade einmal zwei grundlegende Qualitätskriterien hinsichtlich Studiendesign und -auswertung. Die eine belegte einen signifikanten Effekt, die andere nicht. Und 2010 zeigte sich in einer Studie an über 1200 Kindern ebenfalls ein signifikanter positiver Effekt – bis die Forscher andere Einflussgrößen statistisch herausrechneten.

Insofern ist die Frage noch immer ungeklärt, ob Muttermilch die Intelligenz des Nachwuchses fördert. Doch frischgebackene Eltern werden sicherlich nicht davon abhängig machen, welche Ernährung sie für ihr Neugeborenes wählen.