Fühlen Sie sich unwohl, wenn Sie das oben gezeigte Bild einer Lotossamenkapsel sehen? Dann leiden Sie möglicherweise an Trypophobie, der Angst vor einer Anhäufung kleiner Löcher. Wer davon betroffen ist, empfindet Abscheu beim Anblick bestimmter durchlöcherter Oberflächen wie etwa Lochblechen oder Bienenwaben. Aber auch die unregelmäßigen Muster von Blasen im Shampooschaum, die Poren eines Schwamms oder die Löcher in Luftschokolade können von Trypophobikern als unangenehm empfunden werden. Weitere Symptome sind Ekel, Juckreiz und Übelkeit.

Offiziell anerkannt ist das wissenschaftlich kaum untersuchte Phänomen allerdings nicht. Eine Irin soll den Ausdruck 2005 erstmals in einem Internetforum erwähnt haben. Er leitet sich aus dem Griechischen von τρύπα (trýpa) "Loch" und φόβος (phóbos) "Angst" ab. Seitdem erkennen sich immer mehr Menschen in der Beschreibung wieder – mehr jedenfalls, als man denkt. Zahlreiche Facebookseiten und Onlineartikel zeugen davon.

Wissenschaftler von der University of Essex versuchten in der ersten wissenschaftlichen Studie zur Trypophobie herauszufinden, wie weit verbreitet dieses Phänomen wirklich ist und wie es sich erklären lässt. Sie zeigten knapp 300 Testpersonen ein Foto der Lotossamenkapsel, das klassische Bild, das am häufigsten mit Trypophobie in Verbindung gebracht wird. 11 Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen gaben an, beim Anblick des Bildes starkes Unbehagen zu empfinden.

Steckt hinter Trypophobie eine Urangst unserer Ahnen?

Aber woher kommt die Phobie? Der Hinweis eines Probanden brachte die Forscher auf eine Idee: Er berichtete, dass er nicht nur gegenüber Löchern, sondern auch gegenüber bestimmten Tieren wie dem blaugeringelten Oktopus eine starke Abneigung empfand. Der Oktopus, der zu den giftigsten Tieren der Welt zählt, besitzt auf der Hautoberfläche zwar keine richtigen Löcher, durch seine dunklen Ringe sieht es aber beinahe so aus. In einem zweiten Experiment untersuchten die Wissenschaftler daher Fotos vom Oktopus und neun weiteren hochgiftigen Tieren, unter anderem der Seewespe, des Inlandtaipans und des Kugelfischs.

Die Forscher fanden dabei eine Gemeinsamkeit: Die Hautoberfläche der giftigen Tiere wies auffällig starke Helligkeits- und Farbkontraste und annähernd dieselbe mittlere Dichte in der Anordnung von Punkten, Ringen, Flecken oder Streifen auf. Ein ähnliches Ergebnis brachte die Analyse von Bildern, die Trypophobie auslösen, auch wenn darauf natürlich Löcher zu sehen waren und keine Hautzeichnungen wie bei den giftigen Tieren. Daher vermuten die Wissenschaftler nun, dass die Anhäufung von Löchern in Pflanzen oder unbelebten Objekten bei uns nur deshalb zu einer Angstreaktion führt, weil sie dem Muster von giftigen Tieren ähnelt und uns unbewusst eine drohende Gefahr suggeriert. Da wir heutzutage aber eher selten giftigen Tieren begegnen, vermuten sie in der Angst einen uralten Fluchtreflex unserer Ahnen.

Oder ist einfach nur der Wurm drin

Dass grelle Farbigkeit im Tierreich für Ungenießbarkeit und unter Umständen sogar Lebensgefahr steht, ist gemeinhin bekannt. Aber hat das Aussehen der Löcher in der Samenkapsel der Lotosblüte wirklich so viel gemein mit dem gescheckten Muster des Inlandtaipans oder dem grellen Leuchten der Seewespe? Vielleicht ist des Rätsels Lösung viel einfacher. Furcht und Ekel gehen oft Hand in Hand und bewirken auch in ganz alltäglichen Situationen, dass wir uns vor Gefahren schützen. Vor allem auf belebten Objekten könnten viele kleine Löcher auf einen ungesunden Zustand hindeuten. Masern oder Pocken sind nur zwei Beispiele für ansteckende Krankheiten, die eine unregelmäßige, beinahe löchrige Hautstruktur zur Folge haben. Auch Assoziationen mit Parasiten- oder Madenbefall liegen nahe. Von wurmstichigen Lebensmitteln lässt man schließlich nicht ohne Grund besser die Finger.

Wenn Sie sich Trypophobie-Videos zur Selbstdiagnose im Netz anschauen, werden Sie möglicherweise Folgendes feststellen: Die gezeigten Motive werden im Verlauf des Videos immer abstoßender. Lotossamenkapseln und Luftschokolade sind in der Regel noch gut zu ertragen. Aber zuzuschauen, wie die Nachkommen der Wabenkröte unter der perforierten Rückenhaut des Muttertieres hervorkriechen, bringt auch den unempfindlichsten Zuschauer dazu, den Test vorzeitig abbrechen zu wollen. Ob die Bilder nun an Madenbefall oder den blaugeringelten Oktopus erinnern, sie treffen beim Zuschauer eindeutig einen Nerv. Der Übergang von einer vernünftigen Ekelreaktion hin zur Phobie ist dabei fließend.