Dominoeffekt
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In vielen Kulturen gilt Gähnen in Gesellschaft als unhöflich. Dabei gähnt man eher unfreiwillig, ähnlich einem Reflex. Laut Robert Provine, Ethologe von der University of Maryland, handelt es sich beim Gähnen um ein stimmungsgebendes Signal. Der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt konstatierte diesbezüglich, dass Gähnen dazu diene, die Schlafgewohnheiten einer Gruppe aufeinander abzustimmen. In der Runde bewirke die Ansteckung, dass alle Personen etwa gleichzeitig müde würden und schlafen gingen. Eine solche Synchronisation des Alltags sei durchaus wichtig: Würden nur einzelne schläfrig und Pause machen, andere dagegen zum Beispiel weiterziehen, wäre der Zusammenhalt der Gruppe gefährdet. Evolutionsbiologisch ergibt das durchaus Sinn. Zu Zeiten, als der Mensch noch keiner Sprache mächtig war, diente das Gähnen wahrscheinlich als ein sprachloses Kommunikationssignal, das uns wohl bis heute geblieben ist.

Einen entscheidenden Faktor bei einer derartig reflektorischen Ansteckung stellen die Spiegelneurone dar. Spiegelneurone sind Nervenzellen, die dazu dienen, das Verhalten des Gegenübers zu verstehen und zu imitieren. Sie sind zum Beispiel auch dafür verantwortlich, dass wir mit anderen Mitleid empfinden, zurücklächeln, wenn sie lächeln, und weinen, wenn sie weinen. Doch auch wenn man andere nur gähnen hört, daran denkt oder darüber liest, wirkt das oft schon ansteckend.

Einfluss von Empathie und Alter

Neben dem evolutionsbiologischen Ansatz gibt es noch viele weitere Hypothesen. Steven Platek, Entwicklungspsychologe an der University of Liverpool, und seine amerikanischen Forscherkollegen postulierten 2003, dass Empathie eine Rolle dabei spiele [1]. Sie hatten ihren Probanden Videos vorgeführt, in denen andere Personen gähnten. Währenddessen wurde aufgenommen, wie oft die Versuchspersonen selbst gähnten. Zusätzlich wurden im Anschluss daran Tests durchgeführt, um charakterliche Eigenschaften der Teilnehmer mit aufzunehmen. Die Forscher fanden heraus, dass sich Viel-Gähner besser in andere Personen hineinversetzen können – empathischere Menschen ließen sich also öfter vom Gähnen der anderen anstecken. Dies deckt sich mit der Erkenntnis des englisch-japanischen Forscherteams um Atsushi Senju, dass Autisten, denen häufig ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen fehlt, sich weniger anstecken lassen.

Eine weitere Theorie: Der Erfolg des Ansteckens hängt mit dem Alter zusammen. Die amerikanischen Forscher Cirulli und Bartholomew konnten in einer Untersuchung zeigen, dass mit zunehmendem Alter das Gähnen weniger reflektorisch wirkt. Laut einer 2011 erschienenen Studie in "PLoS One" sei ein zusätzlicher Faktor die Beziehung zum Gegenüber [2]. Am meisten stecke das Gähnen von Verwandten an und dann das von Freunden. Wenn Fremde gähnen, beeinflusst uns das offenbar weniger.

Doch warum gähnen wir überhaupt?

Diese Frage gibt Forschern bis heute einige Rätsel auf. Jahrhundertelang dachten die Gelehrten, Gähnen diene dazu, die "schlechte Luft" in der Lunge auszutauschen und die Sauerstoffzirkulation im Gehirn anzuregen. Noch heute ist die Ansicht verbreitet, dass Gähnen eine Konsequenz von zu wenig Sauerstoff im Blut sei, obwohl dies schon längst widerlegt wurde. Wiederum hat der Neuropsychologe Robert Provine den Beleg dazu geliefert: Er ließ seine Versuchsteilnehmer Luft mit unterschiedlichem Sauerstoffanteil atmen. Die Gähnfrequenz der Probanden blieb davon gänzlich unbeeinflusst. Ebenso unbeeinflusst blieb die Frequenz von einer erhöhten Kohlendioxidkonzentration. Zwar mache die verbrauchte Luft müde, am Gähnverhalten der Probanden änderte sich jedoch wenig. Zu wenig Sauerstoff oder zu viel Kohlendioxid sind also keine Verursacher des Gähnens [3].

Eine weitere These ist: Es wird bevorzugt gegähnt, wenn man schläfrig ist. Dadurch wird man wacher und hat weniger Bedürfnis zu schlafen. Es scheint auch möglich, dass das Gähnen die Temperatur des Gehirns reguliert – überhitzt der Kopf, werden vom Körper Kühlmechanismen in Gang gesetzt, um die optimale Temperatur wiederherzustellen. Das tiefe Einatmen von kühler Luft soll dabei die Temperatur des Bluts vermindern, was wiederum das überhitzte Gehirn herunterkühlt.

Die letztere Annahme wurde in einer neueren Veröffentlichung eines österreichisch-amerikanischen Forscherteams vom April 2014 aufgenommen, mit der weiterführenden These, dass es ein optimales Temperaturfenster fürs Gähnen geben müsse. Die Wissenschaftler um Massen postulierten, dass extreme Temperaturen zu einer niedrigeren Gähnfrequenz führen [4]. Sie untersuchten diese These sowohl im sommerlichen als auch im winterlichen Wien. Passanten wurden darum gebeten, eine Bilderserie von gähnenden Menschen zu betrachten. Anschließend sollten sie ihr eigenes Gähnverhalten beschreiben. Die Ergebnisse der Studie wurden von Massens Team mit einer früheren Studie verglichen, durchgeführt im trockenen Klima von Arizona (USA). Es stellte sich heraus, dass die Wiener im Sommer mehr gähnen als im Winter, die Bewohner Arizonas hingegen im Winter mehr als im Sommer.

Ursache für das Anstecken sei die Umgebungstemperatur, mit einem Optimum bei 20 Grad Celsius. Die hohen Sommertemperaturen von 37 Grad in Arizona und die niedrigen Wintertemperaturen um den Gefrierpunkt in Wien ließen die Gähnfrequenzen der Passanten sinken. Entspricht die Außentemperatur der Körpertemperatur, so kann es zu keiner Kühlung durch die eingeatmete Luft kommen, dementsprechend hat das Gähnen keinen Nutzen. Bei wesentlich niedrigeren Temperaturen als unseren ungefähr 37 Grad wird das Gehirn bereits von außen gekühlt, weshalb sich ein weiteres Kühlen erübrigt. Die Autoren sind daher der Ansicht, dass sowohl das spontane als auch das reflektorische Gähnen dazu dienen, die Temperatur des Gehirns zu regulieren.

Und warum ist Gähnen unhöflich?

In einigen Völkern hält sich der Aberglaube, dass durch den geöffneten Mund die Seele entweichen könne beziehungsweise böse Dämonen in den Körper eindringen könnten. Im Mittelalter war dies offenbar auch in unseren Breiten normal, weshalb es bis heute üblich ist, sich beim Gähnen die Hand vor den Mund zu halten – ein anderes Verhalten gilt als nicht adäquat.