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Auch eine Sekunde kann sich manchmal ziemlich lange anfühlen. Zum Beispiel die letzte in jedem Jahr: Wenn wir in der Silvesternacht, kurz vor zwölf, gerade noch rechtzeitig auf die Uhr schauen, bewegt sich der Sekundenzeiger scheinbar erst gar nicht vom Fleck. Die Zeit bis zum letzten Tick des Jahres erscheint uns jedenfalls deutlich länger als der zweite, dritte und zwölfte im Januar. Warum eigentlich? Wegen der Erwartung der ersten Feuerwerkskörper?

Experten haben eine andere Erklärung, denn den unnatürlich langen Augenblick vor der ersten Sekundenzeigerbewegung nach dem Blick auf die Uhr spüren wir ganz genauso auch im Februar und März. Verantwortlich dafür ist unser Gesichtssinn: Bewegen wir unsere Augen sehr schnell, so nehmen wir die Zeit unmittelbar nach dieser so genannten Sakkade stets als verlängert war. Wissenschaftler nennen dieses Phänomen auch Chronostasis, von griechisch "chrónos" für Zeit und "stasis" für Stockung. In den meisten Situationen bemerken wir diese Zeitdehnung allerdings gar nicht. Erst wenn wir auf etwas schauen, was sich in konstanten Intervallen bewegt, etwa auf einen Sekundenzeiger, scheint die Zeit für einen Moment stehen zu bleiben.

Aber warum beeinflussen Augenbewegungen unser Zeitempfinden? Dieser Frage ist Kielan Yarrow mit seinen Kollegen von der City University London nachgegangen. Die Forscher haben Probanden auf einen Zähler blicken lassen und sie gefragt, ob die erste Zahl länger oder kürzer präsentiert wurde als die folgenden. Ohne die Teilnehmer darüber zu informierten, veränderten die Wissenschaftler systematisch die Dauer der ersten Ziffer. So tasteten sie sich an die Zeitspanne heran, um welche die Testpersonen die Zahlen verlängert wahrnahmen.

Hierbei entdeckte Yarrow etwas Erstaunliches. Schon lange ist bekannt, dass unsere Wahrnehmung unterdrückt wird, während wir unsere Augen schnell bewegen. Gäbe es diese so genannte sakkadische Suppression nicht, würden wir ständig verschmierte Bilder sehen – vergleichbar mit dem Ergebnis eines zu schnellen Kameraschwenks. Wie wir aber mit der resultierenden Wahrnehmungslücke umgehen, war bis dahin ein Rätsel.

Die Forscher bemerkten nun, dass die empfundene Zeitstockung exakt so lange dauerte wie die vorangegangene Augenbewegung. Sie vermuten daher, dass die durch die sakkadische Suppression herausgeschnittene Zeit an das Ende des Blickwechsels gesetzt wird. Dieser Trick ermögliche es uns, unsere Umwelt sowohl stabil als auch kontinuierlich wahrzunehmen.

Sollte also beim Jahreswechsel der Sekundenzeiger stocken, brauchen sich auch Besitzer teurer Präzisionsuhren keine Sorgen zu machen: Springt der Zeiger weiter, ist genau eine Sekunde vergangen. Für Digitaluhren gelten dabei übrigens dieselben Regeln.