11. September 2001 – nahezu jeder hat die Bilder der Geschehnisse im Kopf; sie sind Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Doch wie unterscheidet sich eine individuelle Erinnerung von der einer ganzen Gruppe von Menschen?

Anfang des 20. Jahrhunderts verblüfte der französische Soziologe Maurice Halbwachs seine Kollegen mit einer überraschenden These: Eine persönliche Erinnerung im strengen Sinn gebe es gar nicht. Das Umfeld beeinflusse alle Gedächtnisinhalte, und sie seien deshalb "sozial gerahmt", wie er in der ersten Schrift von 1925 zum kollektiven Gedächtnis schreibt.

Tatsächlich fanden Forscher seither zahlreiche Belege dafür, dass neben dem selbst Erlebten viele weitere Informationen unsere Erinnerungen formen: Alte Fotos oder Erzählungen der Eltern prägen etwa, wie man sich an seine Kindheit erinnert, und Kriegsveteranen vermischen ihre persönlichen Erfahrungen mit Geschichten von Kameraden oder teilweise sogar mit Szenen aus Spielfilmen.

Der "soziale Rahmen", den Halbwachs definierte, bezieht sich deshalb auf zweierlei: erstens auf die Menschen in unserem Umfeld, die uns helfen, Gedächtnisinhalte abzurufen, und diese dabei gelegentlich mitgestalten; zweitens auf die Rahmenbedingungen der sozialen Umgebung. Letztere dienen uns dabei als Orientierung, um das "Rohmaterial" vergangener Erfahrungen zu einer sinnvollen Geschichte zu verarbeiten.

Gemäß Halbwachs ist das kollektive Gedächtnis ein Repertoire an Erzählungen über die Vergangenheit, das eine soziale Gruppe teilt, zum Beispiel eine Familie, eine Religionsgemeinschaft oder bestimmte Schichten. Der Soziologe betonte, dass man solche gemeinsamen Erinnerungen nicht mit der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung verwechseln dürfe. Denn sie bilden die Vergangenheit weder vollständig noch korrekt ab. Stattdessen repräsentieren sie Dinge, die für das gegenwärtige Selbstbild der Gruppe relevant erscheinen. in vielen Fällen ist es durchaus möglich, dass die Individuen die Details der Erzählungen unterschiedlich deuten und gestalten.

Aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive möchten meine Kollegen und ich verstehen, wie sich derartige Geschichten verbreiten – etwa zwischen verschiedenen sozialen Gruppen in Europa oder weltweit. Das geschieht sowohl über die Medien als auch über den direkten Kontakt zwischen Menschen. Dieser Austausch über die Vergangenheit kann mitunter das Mitgefühl und die Solidarität unter den Völkern fördern, wie die beiden Soziologen Daniel Levy und Natan Sznaider am Beispiel des Holocausts zeigten: Er hat global zu Diskursen über Menschenrechte geführt und bewirkt, dass man über Genozide in zahlreichen Ländern öffentlich spricht, beispielsweise in Ruanda. Angesichts dessen kann man Erzählungen über den Völkermord an den Juden keiner einzelnen sozialen Gruppe zuschreiben.

Solche Erinnerungen, die über Ländergrenzen und Kulturen hinweg geteilt werden, bezeichnen Fachleute deshalb als "wandernde Paradigmen". In unserer globalisierten Welt mit zahlreichen Migrationsgesellschaften trifft das auf die Mehrheit der Kollektiverinnerungen zu. Daher spricht man in Expertenkreisen von einem "transkulturellen Gedächtnis". In diesem befindet sich auch die Erinnerung an die einstürzenden Zwillingstürme.