Was passiert, wenn der Mond plötzlich verschwindet?
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Unser Mond ist für einen Planeten von Erd-Format außergewöhnlich groß – und er umkreist uns zudem, astronomisch betrachtet, sehr nah, in 380 000 Kilometer Entfernung. Zwischen zwei gewaltigen und derart dicht beieinanderliegenden Körpern wirken starke Gravitationskräfte.

Ihr Wirken können wir zum Beispiel an der Nordseeküste direkt als Ebbe und Flut erleben. Doch die Anziehungskraft des Mondes macht sich über die Gezeiten hinaus bemerkbar: Die Flutberge werden durch die schnelle Drehbewegung der Erde aus der direkten Linie zum Mond herausgezogen. Sie folgen damit als Teil der Erde dem Trägheitsgesetz. Dem wirkt die Schwerkraft des Mondes entgegen. Sie greift an den Flutbergen an und zieht sie sozusagen zurück, bis sich ein neues Kräftegleichgewicht einstellt. Dadurch wird die Rotation der Erde allmählich abgebremst.

Gäbe es nun den Mond nicht, würden die Wasserberge der Gezeiten plötzlich wesentlich kleiner ausfallen, da die Anziehungskraft der Sonne nur etwa ein Drittel so stark ist wie die des Mondes. Dadurch befände sich die Masse der Ozeane näher an der Rotationsachse der Erde, und es käme zu einer Verringerung des Trägheitsmomentes. Da der Gesamtdrehimpuls der Erde erhalten bleibt, erhöhte sich die Geschwindigkeit, mit der sich die Erde um ihre eigene Achse dreht. Das kennen wir vom Eiskunstlauf. Wenn die Eiskunstläuferin bei einer Pirouette ihre Arme ausstreckt, dreht sie sich langsamer, zieht sie die Arme wieder an, dreht sie sich schneller. Nur wegen des Mondes dauert eine Drehung der Erde um die eigene Achse – also ein Tag – etwa 24 Stunden. Nebenbei stabilisiert der Mond wie ein Anker die Neigung der Erdachse auf etwa 23,5 Grad.

Und die Erde ohne Mond?

Würde der Erdtrabant ganz plötzlich vom Himmel verschwinden, so wären die Folgen zuerst für die Küstenlinien der Erde verheerend. Wegen der fehlenden Anziehungskraft des Mondes auf die Ozeane würden die Wasserberge auf der dem Mond zu- und abgewandten Seite in sich zusammenbrechen – sie zerfließen und verteilen sich neu , wobei sie am Ende der viel schwächeren Anziehungskraft der Sonne folgen würden. In der Zwischenzeit würde aber erst einmal eine gigantische globale Welle das Festland überfluten.

Ohne Mond, also ohne nennenswerte Gezeiten, gäbe es nun auch keine Bremswirkung der Wasserberge auf das Drehmoment der Erde mehr: Unsere eigene Rotationsgeschwindigkeit würde sich allmählich so stark erhöhen, dass ein Tag dreimal so schnell vergehen würde: Nach 8 statt 24 Stunden wäre er vorbei.

Ohne den stabilisierenden Einfluss des Mondes auf die Erdachse würde unser Planet nun auch, ähnlich wie ein Kreisel kurz vorm Umkippen, stark ins Trudeln geraten; seine Achse würde regelmäßig hin- und herschwanken. Innerhalb einiger hunderttausend Jahre würde sich die Neigung der Erde stark verändern. Unvermeidlich wären dabei gravierende Klimaveränderungen: Unterschiedliche Erdregionen würden pol- oder äquatorwärts kippen und wären der Sonne mehr zu- oder abgewandt. So könnten aus den Polen die Tropen und aus dem Äquator eine Eiswüste werden – und dies weder nur einmal noch besonders allmählich.

Mondlos: Eine Katastrophe für Menschen, Tiere und Pflanzen

An all diese Veränderungen müsste sich das Leben auf der Erde anpassen. Zunächst wäre es wohl schnelllebiger: Durch die dreimal kürzeren Tage würde sich auch die Lebenszeit jener Individuen verkürzen, deren Spezies den Abgang des Mondes überhaupt überlebt haben. Ein Tag böte weniger Zeit, um Energie zu sammeln. Nachts wäre es dagegen ohne Mond sehr dunkel – für einige Tiere heutigen Designs wohl zu dunkel, um auf Nahrungssuche zu gehen. Viele Arten müssten aussterben, andere dürften entstehen und vielleicht auch die dunklen Nachtnischen neu füllen. Sie hätten vermutlich leistungsfähigere Augen, die das wenige Sternenlicht nutzen können.

Auch andere Umweltbedingungen wären auf einer Erde ohne Mond fremdartig anders. Auf Grund der schnelleren Erddrehung käme es zum Beispiel zu andauernden starken Stürmen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 500 Stundenkilometern. Das würde für Organismen nicht nur nötig machen, sich immer gut festhalten zu können: Durch das ständige Tosen des Windes wäre es wohl auch viel lauter auf der Erde. Vielleicht kommuniziert es sich nun besser durch ausgeklügelte Farbwechsel je nach Stimmungslage – oder durch andere Kniffe der Körpersprache. Jedenfalls wären im fortwährenden Sturm wohl flache Lebewesen im Vorteil, die eine geringere Angriffsfläche böten. Die Entwicklung neuer Arten würde vermutlich kleinere Pflanzen mit tiefen Wurzeln und Tiere mit Flugmembranen zwischen den Extremitäten hervorbringen.

Und der Mensch? Schwer zu sagen; immerhin können wir aber gut ausrechnen, dass der Mond kaum so plötzlich verschwinden wird, wie er einstmals entstanden ist. Ein Teil der bei der Gezeitenreibung entstehenden überschüssigen Rotationsenergie wird auf den Mond übertragen. Nach dem Energieerhaltungssatz bleibt die Energie im System Erde-Mond konstant. Dadurch entfernt sich der Erdtrabant zwar allmählich von uns, schafft es aber jedes Jahr nur etwa vier Zentimeter weiter. Bevor er in diesem Tempo aus unserer Umlaufbahn verschwindet, werden wir gemeinsam mit ihm in etwa 7,6 Milliarden Jahren von der sich ausdehnenden, sterbenden Sonne verschluckt.