Ein Sturz von der Leiter oder ein gedankenloser Griff auf die Herdplatte: Wenn wir uns verletzen, haben wir Schmerzen. Sie weisen nachdrücklich darauf hin, dass unser Körper Schaden genommen hat, und motivieren uns, etwas dagegen zu tun. Sind die Ursachen beseitigt, verschwinden in der Regel auch die Schmerzen. Aber leider nicht immer. Denn manchmal läuft das nützliche Warnsystem aus dem Ruder.

Nach Schätzungen der Deutschen Schmerzliga leiden in Deutschland etwa zwölf Millionen Menschen unter chronischen, länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen. Bei einem Drittel der Betroffenen haben sie sich derart verselbstständigt, dass sie zu einer eigenständigen Erkrankung geworden sind. Experten sprechen dann vom chronischen Schmerzsyndrom. Nicht selten greift der Schmerz dabei auch auf andere Bereiche des Körpers über und suggeriert dem Gehirn Schädigungen, die eigentlich gar nicht bestehen.

Um zu verstehen, wie Schmerzen chronisch werden, muss man sich zunächst klarmachen, dass sie mehr sind als bloße Schadensmeldungen. Wie wir ihn empfinden und ob er chronisch wird oder schnell wieder verschwindet, beruht entscheidend auf seiner neuronalen Verarbeitung. Diese beginnt bereits, bevor das Signal im Gehirn ankommt. Beispielsweise hemmen körpereigene Botenstoffe wie Endorphine oder Adrenalin die Weiterleitung des Schmerzsignals schon im Rückenmark. Das hilft dabei, nach Verletzungen vorübergehend handlungsfähig zu bleiben und sich einer Gefahrensituation zu entziehen. Bei kurzen, heftigen Schmerzen, wie sie zum Beispiel nach Knochenbrüchen oder Verbrennungen auftreten, funktioniert das meist ziemlich gut. Doch bei eher schwächeren, dafür aber permanent wiederkehrenden "nörgelnden" Schmerzen, zum Beispiel am Rücken, springen die körpereigenen Dämpfungssysteme häufig nicht an. Dann dauern Schmerzsignale länger an und gelangen ungemindert ins Gehirn.

Das hat Konsequenzen, denn auf häufig wiederkehrende Reize reagiert unser Nervensystem, indem es deren Verarbeitung optimiert, sprich: Es lernt. Auf neurobiologischer Ebene bedeutet das, dass die beteiligten Synapsen um- und ausgebaut werden. Dadurch reagiert das Gehirn auf die entsprechenden Reize stetig schneller und empfindlicher. Manchmal sinkt die Reizschwelle so sehr, dass schon ein geringfügiger, kaum spürbarer Anlass Schmerzen verursacht, ein bereits abgeklungener Schmerzreiz weiter präsent bleibt oder häufig wiederkehrt. Die Chronifizierung von Schmerzen ist sozusagen die dunkle Seite der Neuroplastizität.

Doch diese Veränderungen lassen sich vermeiden oder gar rückgängig machen. Wie gut ein Schmerz gelernt wird, ob er chronifiziert oder schnell wieder verschwindet, hängt entscheidend davon ab, wie der Betroffene ihn bewertet. Denn mit jedem Schmerzsignal werden limbische Strukturen wie die Amygdala, der Hippocampus sowie große Anteile des Frontalkortex und des zingulären Kortex aktiviert und färben jedes Schmerzsignal emotional. Je öfter es aufritt und je stärker es mit Gefühlen verknüpft ist, desto größer ist die Gefahr, dass sich der Schmerz "einbrennt". Bei Betroffenen führt das häufig zu Ängsten, Niedergeschlagenheit und Passivität – Faktoren, die die Chronifizierung von Schmerzen begünstigen.

Bei der Therapie ist es daher wichtig, Ängste abzubauen und die Betroffenen aktiv zu halten. Sie müssen lernen, dass sie ihren Schmerzen nicht hilflos ausgeliefert sind. Dazu eignet sich eine pharmakologisch gestützte kognitive Verhaltenstherapie. Bei dieser setzen Ärzte Schmerzmittel unterstützend ein, um die Betroffenen aus ihrer Schonhaltung zu holen. Die Medikamente dämpfen den bei Bewegung gefürchteten Schmerzreiz oder unterbinden ihn ganz.

Dieser "Vorhersagefehler" ist, gemeinsam mit dem Erleben von Selbstwirksamkeit, ein entscheidender Faktor für das Überschreiben bereits eingebrannter Schmerzen. Erlebt der Patient immer wieder, dass sich seine Erwartung nicht bestätigt, dann verliert er nach und nach die Angst vor dem Schmerz. So macht man den Ausbau der am Schmerzerleben beteiligten Synapsen und Zellen zumindest teilweise rückgängig.