Gerät beim Déjà-vu das Zeitempfinden durcheinander?
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Déjà-vu – ein Phänomen, das denen, die es noch nie erlebt haben, unzugänglich, ja oftmals abnormal erscheint. Lange Zeit hielt man nur psychisch oder neurologisch Kranke als empfänglich für derartige Erlebnisse. Mittlerweile gilt jedoch jeder Mensch als Déjà-vu-tauglich; zwischen 31 und 96 Prozent der "normalen" Bevölkerung – so die stark schwankenden Schätzungen – hätten es schon einmal erlebt. Schwierigkeiten macht hierbei die Probandenauswahl, denn was der eine als Déjà-vu (französisch: "schon einmal gesehen") bezeichnet, hält ein anderer für vollkommen unbedeutend.

Eine Definition für eine derart rätselhafte Erfahrung zu finden, ist in der Tat nicht leicht. Am besten trifft es vielleicht der Déjà-vu-Experte Vernon Neppe, der von "jedem subjektiv unpassenden Eindruck von Vertrautheit einer gegenwärtigen Erfahrung mit unbestimmter Vergangenheit" spricht. Ob daraus jedoch in der Praxis jemand schlau wird, sei dahingestellt.

Neben der Definitionsproblematik bleibt vor allem die Frage nach dem "Wie" interessant. Die Entstehung einer so mysteriösen Erfahrung bewegt viele Gemüter, so dass jede Menge Antwortansätze kursieren. Esoterisch angehauchte Zeitgenossen mögen in Déjà-vus Erinnerungen an vergangene Leben sehen, Telepathie oder unterdrückte Fantasien vermuten. Wissenschaftler haben zwar auch noch keine wirkliche Antwort, doch ihre Erklärungsversuche klingen etwas plausibler.

Zum einen könnte ein Déjà-vu-Erlebnis dadurch entstehen, dass Neurone im Hippocampus oder in der Amygdala versehentlich feuern – eine Art neurologischer Krampf, vergleichbar dem plötzlichen grundlosen Zucken eines Muskels. Diese Hypothese stützt sich auf die Beobachtung, dass vor allem Epileptiker, bei denen der epileptische Anfall den Hippocampus oder die Amygdala betrifft, häufig von Déjà-vu-Erlebnissen berichten. Die betroffenen Hirnregionen spielen eine große Rolle beim Speichern von Informationen, aber auch beim Vermitteln des Gefühls, wie bekannt uns etwas vorkommt.

Zum anderen wäre eine Desynchronisierung der Informationsverarbeitung im Gehirn möglich. Denn die Informationen von sensorischen Organen erreichen auf mehreren Wegen den jeweils passenden Zielort im Gehirn und werden erst dort zu einem einheitlichen Eindruck zusammengefügt. So wäre es denkbar, dass die Bildinformation eines Auges durch eine synaptische "Panne" etwas länger braucht als die des anderen Auges – und sei es auch nur eine Mikrosekunde. Anstatt die Daten zu einem Gesamteindruck zusammenzubauen, könnte das Gehirn sie als ein zweimaliges Erleben der gleichen Erfahrung wahrnehmen.

Ein anderer Erklärungsversuch: Ein spannendes Telefongespräch nimmt unsere volle Aufmerksamkeit in Anspruch, im Eifer des Gefechts verschwimmt die Szenerie um uns. Trotzdem registriert sie unser Gehirn. Nach dem Auflegen des Hörers nehmen wir unsere Umgebung plötzlich wieder bewusst wahr und reagieren schockiert darauf, wie vertraut sie uns scheint.

Plausibel klingt auch eine mögliche falsche Assoziation zwischen einem neuen Erlebnis und etwas, dem wir in einem ganz anderen Zusammenhang vor langer Zeit schon einmal begegnet sind. Dabei kann es sich um Kleinigkeiten handeln, die wir unbewusst im Gehirn abgespeichert haben. Taucht so ein Reiz in einem völlig anderen Umfeld auf, könnte das ein Gefühl der Vertrautheit auslösen. Zum Beispiel der Vorhang im Hotelzimmer, der identisch mit dem im Wohnzimmer unserer Lieblingstante ist. Oder ein Satz, den wir letztes Jahr im Radio gehört haben und den zufälligerweise ein Freund gerade zum Besten gibt.

Fazit: Es gibt viele Theorien, doch wir sind noch weit entfernt davon, die Entstehung eines Déjà-vu-Erlebnisses wirklich zu verstehen. Noch behält dieses Phänomen also seine mystische Aura.