Schweres Urteil
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Wer lügt, kann seinem Gegenüber nicht in die Augen blicken – so lautet eine verbreitete Theorie. Wie viele Menschen davon überzeugt sind, zeigte 2006 eine internationale Studie auf sechs Kontinenten. Ein Forscherteam befragte über 4800 Menschen aus 75 Ländern, woran sie einen Schwindler erkennen. Das Ergebnis war eindeutig: Menschen aus allen Nationen gaben an, besonders auf den (fehlenden) Blickkontakt des vermeintlichen Lügners zu achten – insgesamt etwa zwei Drittel der Studienteilnehmer. Können so viele Menschen irren?

Lügen zu entlarven fällt uns schwer

Offenbar ja. Denn im Allgemeinen sind wir ziemlich schlechte Lügendetektoren: Wir erreichen lediglich eine Trefferquote von 54 Prozent – erkennen Lügen also nicht besser als per Zufall. Das berechneten 2006 die Psychologen Charles Bond (Texas Christian University) und Bella DePaulo (University of California at Santa Barbara) anhand von 206 Studien. Sogar geschulte Polizeibeamte schneiden nicht besser ab.

Genauso nutzlose Hinweise wie der fehlende Blickkontakt sind andere beobachtbare Merkmale wie etwa die Stimmhöhe, bestätigte 2003 eine weitere Metaanalyse von Bella DePaulo. Ihre Zusammenfassung von 116 Studien ergab: Lügner wirken zwar nervöser, sind schweigsamer und machen weniger schlüssige Aussagen als wahrheitsgetreue Menschen. Doch die Effekte sind sehr gering und kaum verlässlich. Stereotype über Lügner halten sich also vermutlich nur deshalb so beständig, weil sie im Einzelfall stimmen können, jemand beim Lügen also tatsächlich Blicken ausweicht oder rot wird. Auf die Allgemeinheit trifft das jedoch nicht zu.

Psychologen lassen Lügner zunächst viel erzählen – ohne nachzufragen

Vor Gericht haben Psychologen daher andere Methoden, um die Aussagen von Zeugen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Sie fragen sich zunächst: Könnte sich ein Zeuge seine Aussage ausgedacht haben, wenn er das Gesagte gar nicht erlebt hätte? Behält er die Version, die er der Polizei erzählt hat, vor Gericht bei? Zusätzlich suchen Rechtspsychologen nach inhaltlichen Merkmalen, die in erlogenen Aussagen weniger häufig vorkommen. Das sind zum Beispiel Berichte darüber, dass etwas nicht wie geplant geklappt hat, oder Details, die für den Tathergang eigentlich keine Rolle spielen.

Um die Glaubhaftigkeit zu beurteilen, braucht man also komplexe Aussagen. Rechtspsychologen lassen Zeugen daher viel von sich aus reden, Teile ihrer Geschichte wiederholen oder ein Ereignis von hinten nach vorne berichten. Denn Handlungen in umgekehrter Reihenfolge wiederzugeben, fällt uns nur schwer, wenn wir nicht selbst dabei waren. Konkrete Nachfragen dagegen meiden Experten bei ihrer Beurteilung lieber, denn sie geben dem Lügner Hinweise darauf, wo er seine Version noch nachbessern muss.

Um einen Lügner im Alltag zu enttarnen, sollten Sie sich ganz genau wie die Rechtspsychologen verhalten: Bringen Sie den vermeintlichen Schwindler dazu, möglichst viel über das kritische Ereignis zu erzählen. Und forschen Sie dann nach Widersprüchen und unplausiblen Handlungsfolgen. Mit ein wenig Übung können Sie auf diese Weise ein Lügengebilde zusammenbrechen lassen.