Stubenkater tun es, Wüstenluchs und Luchs, auch Ozelots genauso wie der mittelgroße Serval und die mehr als mittelgroßen Pumas und Geparden: schnurren. Nur warum – und wie genau? Tatsächlich streiten Katzenforscher bis heute, was es mit dem Schnurren wirklich auf sich hat. Im Prinzip ist alles klar, allerlei Details bleiben aber umstritten.

Jeder Katzenfreund kennt natürlich das wohlige Wohlfühlschnurren seines satten und gestreichelten Lieblings. Den Aufmerksamen ist aber auch nicht entgangen, dass Kater und Co auch in ganz anderen Situationen schnurren: wenn sie Hunger haben, verletzt sind, erschrocken oder all das auf einmal. Offenbar erfüllt das Schnurren also mehrere Aufgaben gleichzeitig, und das unabhängig vom Wohlgefühl von Tier und Halter.

Allerlei Neuro-Anatomisches

Aber kurz weg vom "Warum": Auch "wie" die Katze schnurrt, war lange nicht wirklich klar. Fest stand irgendwann, dass der Schnurrakt aus einer subtilen Umleitung des Atemluftstroms resultiert, für die irgendwie die Anatomie zwischen Zwerchfell und Kehlkopf eingespannt wird. Jahrzehnte der Katzenschnurrforschung scheiterten allerdings beim Versuch, genau zu erklären, weshalb dabei das typische andauernd sonore Surren resultiert. Die bis heute gängigsten Hypothesen besagen, dass passend rhythmische, von Resonanzräumen verstärkte Schwingungen des "echten Stimmbänderpaars" die Ursache sind. Alternativ vermutete man, es sei auf ähnliche Weise die "falsche", für Katzen charakteristische "Vorhoffalte" beteiligt. Dann hieß es von verschiedenen Seiten aber auch mal, das Zungenbein, der Blutfluss in der Lunge oder die Hauptschlagader würden eine Rolle dabei spielen, die normalen Katzentöne zum Schnurren zu modulieren.

Im Augenblick favorisieren die meisten Schnurrexperten eine Theorie, bei der die Kehlkopfanatomie und regelmäßige Nervenimpulse eine Rolle spielen. Demnach tönen tatsächlich die über den Kehlkopf gespannten Stimmbänder, dies aber sowohl beim Aus- als auch beim Einatmen im Luftstrom – übrigens eine nur bei den kleineren Katzen vorkommende Seltenheit tierischer Tonproduktion. Die sonore Regelmäßigkeit resultiert aus dem ständigen Input von neuronalen Impulsen, die mit einer Art semiautonomen Freilauf-Neurooszillator generiert werden. Sie versetzen dabei mit Hilfe ihrer Muskeln die Stimmlippen in ihrem Kehlkopf in eine rhythmische Schwingung: Dadurch öffnet und schließt sich die Stimmritze zwischen den beiden Lippen, die Vibration hören wir als Schnurren. Der neuronale Taktgeber muss dabei von höheren Zentren des Katzenhirns nur ein- und ausgeschaltet werden, um seine Arbeit zu beginnen und einzustellen, woraufhin Katzen den Ton dann mühelos über Sekunden bis zu mehrere Minuten lang halten. Exakte Messungen belegen übrigens kurze knackende Umschaltphasen zwischen den Aus- und Einatmenphasen des Zyklus. Bei Hauskatzen sind sie allerdings kürzer als 50 Millisekunden, sie entgehen daher auch gespitzten Ohren streichelnder Tierfreunden.

Man erkennt: Schnurren ist eine recht komplizierte Angelegenheit, und bevor die Katze es kann, muss sich das neuromuskuläre System erst einspielen. Junge Kätzchen müssen daher auch erst einmal einige Lebenstage lang üben, bevor sie klingen wie die Großen. Dann werden die unter neuronaler Kontrolle von den Stimmbändern produzierten, vom Kehlkopfresonanzkörper modulierten Schwingungen zum ordentlichen Schnurren – wobei "ordentlich" hier eine typische Frequenz von 16 bis 28 Hertz meint. Der genaue Wert variiert von Art zu Art (Hauskatzen takten meist um die 26 Hertz), nicht aber mit der Größe eines Tieres.

Was bringt es – und was kostet es?

Schnurren ist anatomisch aufwändig, muss erst gelernt werden und verlangt dem Tier somit etwas ab – im Gegenzug sollte es der Katze also auch irgendwie nützlich sein. Vielleicht beruhigt und belohnt sich eine Katze per Schnurren autosuggestiv? Immerhin beobachten Katzenpsychologen einen beruhigenden Einfluss auf Katzenhalter wie Pelzknäuel, was schließlich zum offensichtlich beiderseits erwünschten Bonding zwischen Tier und einer hilfreichen, zum freiwilligen Streichelsklaven und Dosenöffner mutierten Bezugspersonen führt.

Gegen solche sozialkommunikative Erklärungsansätze spricht allerdings, dass auch einsame Katzen schnurren – und das auch in Situationen der Bedrohung oder bei Schmerzen. Die neueste Theorie der Felidae-Forscher spekuliert deshalb in eine völlig andere Richtung: Vermutet wird, dass das Schnurren einen verblüffenden Selbstheilungsmechanismus der Knochen in Gang setzt. Denn im Prinzip, so die Idee, ist Schnurren wie Sport: Es produziert andauernde mechanische Reize im Skelett, worauf die Knochen ihren Stoffwechsel ankurbeln, neue Knochenbildungszellen entstehen und das Gewebe vermehrt ummodelliert und repariert wird. Über lange Strecken des Tages aktiv umherlaufende Tiere – etwa Hunde – machen dies quasi nebenbei; Katzen aber sind eher klassische Lauerjäger und Kurzstreckensprinter, die lange Zeit des Tages liegen und lauern. In eben solchen Perioden werden – von Katzen, nicht aber Hunden – die Knochen daher schnurrend in Dauervibration versetzt und trainiert.

Eine ähnliche Idee steckt hinter dem Vibrationstraining für Sportler oder Senioren, das verschiedentlich in unterschiedlichen Varianten zur Stärkung von Muskeln, Knochen und Gewebe angeraten wurde – wobei die Effekte allerdings wissenschaftlich umstritten sind. Immerhin ermittelte eine zusammenfassende Metaanalyse, dass bestimmte Formen des Ganzkörpervibrationstrainings zumindest bei älteren Menschen die Knochen stärken und ihren Abbau verlangsamen dürften. Auffällig: Die eingesetzten Vibrationen oberhalb von 12 Hertz liegen im Bereich der Katzenschnurrfrequenz.

Am Ende dürfte das Schnurren aber eben nicht nur einem einzigen Zweck dienen, sind die meisten Katzenexperten sicher: Vielleicht stärkt es Muskeln und Knochen, wahrscheinlich aber erfüllt es auch Kommunikationszwecke: Kleine Kätzchensäuglinge geben damit der Mutter ein Okaysignal – und die Eltern dem Nachwuchs ein Zeichen, dass keine Gefahr droht. Überhaupt scheinen Katzen nur in einer aggressiven Grundstimmung gar nicht zu schnurren – also immer dann, wenn sie weder zufrieden sind noch eingeschüchtert und auch nicht besänftigend wirken möchten. Vorstellbar ist dabei, dass das einst für biomechanische Reparaturzwecke erfundene Vibrato sich im Lauf der Evolution zum sozialen Signal verwandelt hat.