Es ist der 25. April, der Vorrat an Schokoladenostereiern und -hasen auf meinem Schreibtisch neigt sich dem Ende. Vielleicht sollte ich mich mal wieder auf die Waage stellen, um zu sehen, welche Spuren die Schlemmerei hinterlassen hat: ein, zwei Kilo plus oder mehr?

Nur was ist das überhaupt, ein Kilogramm? Dazu gibt es eine simple Antwort: das, was ein unscheinbarer Metallzylinder in einem Tresor am Rande von Paris wiegt - das legendäre Urkilogramm von 1889. Leider wird diese Definition den Ansprüchen von Forschern immer weniger gerecht. Denn offenbar verliert der Zylinder aus rätselhaften Gründen ganz allmählich an Masse. Im Zeitalter der Nanotechnik ist eine Abweichung auch nur im Mikrogrammbereich einfach nicht mehr tragbar. Daher wollen Experten das Kilogramm auf eine solidere Basis stellen, indem sie es mit dem planckschen Wirkungsquantum verknüpfen, einer physikalischen Naturkonstanten. Nur müssen sie dessen Zahlenwert dazu erst einmal wirklich exakt bestimmen. Der langwierige Prozess ist jetzt in die heiße Phase eingetreten, und Sie sind sozusagen live dabei!

Ab S. 46 beschreibt Tim Folger den langen Weg vom Urkilogramm bis zur für 2018 geplanten Neudefinition. Ziel ist es, drei voneinander unabhängige, praktisch identische Bestimmungen für die Planck-Konstante zu bekommen, um dann auf dieser Grundlage das Kilogramm präzise festzulegen. Der Zeitplan sieht vor, dass die entsprechenden Fachpublikationen bis zum 1. Juli 2017 eingereicht sein sollen: nach aktuellem Stand - Ende April - ein ambitioniertes, aber noch realisierbares Unterfangen, wie der maßgeblich beteiligte deutsche Metrologe Horst Bettin im Interview ab S. 54 verrät. Es bleibt also spannend - auch für uns Redakteure. Es gab intern heiße Diskussionen darüber, ob wir den Artikel in diesem Heft überhaupt drucken sollen. Wird er bereits in einigen Aspekten überholt sein, wenn Sie ihn lesen? Um Sie möglichst dicht am Puls der Forschung zu informieren, haben wir das Risiko in Kauf genommen.

Wenige Tage bevor diese Ausgabe am Kiosk erscheint, soll ein Treffen des Consultative Committee for Mass and Related Quantities stattfinden, das vermutlich eine Empfehlung formulieren wird, wie das Ganze weitergehen soll. Bis zum Herbst könnte dann Klarheit darüber herrschen, ob das Kilogramm tatsächlich 2018 neu definiert wird - oder ob der alte Metallzylinder in Frankreich noch etwas länger seinen Dienst verrichten muss.

Herzlich, Ihr

Hartwig Hanser