Nach einer Feier hatten wir vor Kurzem etliche übrig gebliebene Flaschen Limonade im Kühlschrank. Eine Zeit lang trank ich deshalb täglich 0,33 Liter zuckerhaltige Brause – viel mehr als mein üblicher Verbrauch. Was mich wunderte: Die Limo schmeckte mir zwar, aber vor diesem Zeitraum hatte ich kein besonderes Bedürfnis danach gehabt, und als sie aufgebraucht war, vermisste ich sie auch nicht weiter.

Für Vertreter des "Nudging"-Ansatzes, um den es im Titelthema dieser Ausgabe geht, ist das eine Binsenweisheit: Ein üppiges Angebot führt zu vermehrtem Konsum. Beim Nudging (von Englisch: "stupsen") wird dieses Wissen eingesetzt, um Menschen zu vernünftigerem Handeln anzuhalten. Tauscht man etwa die hochkalorischen Lebensmittel, die in der Auslage direkt vor den Kassen liegen, gegen frisches Obst, wird das gesündere Lebensmittel ebenso oft gekauft. Denn bei Impulskäufen ist die Lust auf einen ­fettigen Snack meist nicht so groß, dass man dafür extra noch einmal zurücklaufen würde.

Hätte ich also die Limonade im Keller gelagert statt in der Wohnung, hätte ich vermutlich einige Kalorien gespart. Das klingt einfach. Doch hält Nudging, was Forscher und Politiker sich davon versprechen – kann es das Verhalten vieler Menschen nachhaltig zum Besseren wenden? Und wenn ja, wo liegen die Grenzen zur Bevormundung oder gar Manipulation? Das erklärt Sarah Zimmermann ab S. 38.

Um etwas weniger Harmloses als kleine Stupser geht es im Brennpunktthema dieser Ausgabe – nämlich um die Bilder roher Gewalt, denen wir täglich ausgesetzt sind, sei es in blutrünstigen Filmen oder Computerspielen. Die Debatte darüber, ob Mediengewalt aggressives Verhalten im echten Leben begünstigt, wird schon lange und leidenschaftlich geführt. Eine Expertenkommission von sieben Medienpsychologen hat nun eine Stellungnahme erarbeitet, in der sie den aktuellen Stand der Forschung zu ­dieser ­Frage zusammenfasst. Das Positionspapier ab S. 28 zeigt: Noch wissen wir zu wenig, um Entwarnung geben zu können. Doch reflexartige Rufe etwa nach einem Verbot von Ballerspielen sind wissenschaftlich nicht zu begründen. Vielmehr betonen die Autoren, wie wichtig eine auf Me­dienkompetenz abzielende Erziehung und die Vorbildfunktion der Eltern sind.

Eine spannende Lektüre wünscht
Joachim Retzbach