Begegnungen der anderen Art

Liebe Leserin, lieber Leser,

mitunter brauchen Astronomen kriminalistischen Spürsinn, um einen Fall zu lösen. Der Tatort, an dem Susanne Pfalzner nach Spuren und Indizienbeweisen suchte, ist unser Sonnensystem. Die Tat liegt etwa 4,6 Milliarden Jahre zurück. Die Frage, die es zu beantworten galt, lautete: Lässt sich herausfinden, in welcher Umgebung unsere Sonne und damit auch unser Planetensystem entstand? Hinweise ergaben sich aus Meteoriten, in denen – quasi als Tatzeugen – Informationen über die Entstehungsgeschichte verborgen sind. Auch der Kommissar Zufall kam zu Hilfe – in Form des Transneptunobjekts Sedna, das sich nur alle 12 000 Jahre so nahe an der Sonne befindet wie jetzt. Durch geschickte Kombination aller Fakten ergab sich: Unser Sonnensystem formte sich in äußerst turbulenter Umgebung in einem dichten Gewimmel aus jungen Sternen. Und Täter gibt es auch: eine Supernova, deren nahe Explosion ihre Spuren hinterließ, und ein Stern, der dicht an der noch entstehenden Sonne vorbeigezogen sein muss (S. 34).

Eine dichte Begegnung der anderen Art können wir in diesem Monat aus irdischer Perspektive verfolgen: Am 6. Juni zieht der Planet Venus als schwarze Scheibe vor der Sonne vorüber. Dieser Venusdurchgang ist der zweite und zugleich letzte in diesem Jahrhundert. Nur wenigen Menschen war es vergönnt, zwei Venustransite in voller Länge zu verfolgen. Der erste war der französische Abbé Jean-Baptiste Chappe d’Auteroche, der sogar sein Leben dafür opferte (S. 46). Was er und andere Teilnehmer von Transitexpeditionen des 18. Jahrhunderts im Dienste der Wissenschaft auf sich nahmen, ist für uns kaum noch vorstellbar. Heute können wir schnell und preiswert an günstige Beobachtungsorte gelangen, und es stehen moderne Hilfsmittel zur Verfügung wie zum Beispiel eine App für Mobiltelefone (S. 98). Praktische Hinweise für die Beobachtung des Jahrhundertereignisses geben wir in der Rubrik »Aktuelles am Himmel« (S. 54). Und auf einer Sonderseite im Web (www.sterne-und-weltraum.de/venustransit) stellen wir frühere Artikel aus unserer Zeitschrift und weitere Materialien für Sie bereit.

Viel Erfolg bei Ihrer Beobachtung wünscht Ihr

Uwe Reichert