Mythen – damals und heute

Mythen sind Erzählungen, mit denen Menschen die Welt sowie ihre eigene Stellung in ihr zu erklären versuchen und in einen größeren Zusammenhang einbetten. Dabei bedienen sie sich in der Regel übernatürlicher Elemente, beschreiben Dinge, die über die alltägliche Erfahrung hinausgehen und für die sich oft gar keine Worte finden lassen. Vermutlich gibt es Mythen, seit der Mensch anfing, über Grundbedürfnisse wie Essen, Sex und Selbstbehauptung hinauszudenken – frühe Hinweise darauf liefern schon Neandertalergräber.

Entsprechend interessieren sich auch Forscher bereits seit Längerem für das Thema. Zu ihnen gehört der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss (1908 – 2009), der Grundmuster und elementare Bausteine (»Mytheme«) identifizierte und den Zusammenhang mit Kultur und Denken herausarbeitete. Anders ging der Amerikaner Joseph Campbell (1904 – 1987) vor. Seine vergleichende Mythenforschung suchte nach Universalien, wobei er tiefenpsychologische Aspekte berücksichtigte. Bekannt wurde er durch seine detaillierte Erkundung des Mythentyps der Heldenreise, nach dem inzwischen fast jeder Hollywood-Blockbuster funktioniert, allen voran »Star Wars« von George Lucas, der sich ausdrücklich auf Campbell berief.

Neben den Heldengeschichten von der »Odyssee« bis zum »Herrn der Ringe« gibt es aber noch ganz andere Typen, die weniger eine spannende Story erzählen als vielmehr Situationen darstellen, die ein Licht auf das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt werfen. Dazu gehören Welterschaffungsmythen, Gründungslegenden wie jene der Stadt Rom sowie Auseinandersetzungen mit den Grenzen und der Fehlbarkeit des Menschen – etwa die griechischen Sagen von Ikarus oder Prometheus, aber auch viele biblische Überlieferungen.

Da Mythen die längste Zeit mündlich weitergegeben wurden, veränderten sie sich naturgemäß immer wieder und passten sich dabei an neue Umstände an. Diese zeitliche Entwicklung stand bislang kaum im Fokus der Aufmerksamkeit von Forschern. Jetzt hat sich der junge französische Anthropologe Julien d’Huy vom Centre d’études des mondes africains in Paris eingehend damit beschäftigt (S. 66). Dazu nutzte er modernste Computeralgorithmen ähnlich jenen, mit denen Genetiker evolutionäre Stammbäume von Organismen konstruieren. So gelang es d’Huy, exemplarisch drei Mythenfamilien auf ihre Urformen zurückzuführen. Gleichzeitig geben seine Forschungen Aufschluss über die Wanderungsbewegungen der Menschen in der Steinzeit.

Kein Mythos ist leider die alljährlich wiederkehrende Grippewelle, die auch jetzt wieder auf uns zurollt. Warum ältere Menschen ebenso wie Kinder eine bessere Widerstandskraft gegenüber den auslösenden Viren haben als jüngere Erwachsene, erklärt der Epidemiologe Adam J. Kucharski ab S. 32. Außerdem stellt unser Artikel aktuelle Forschungen zur Entwicklung eines Universalimpfstoffs vor, der die jährliche Spritze überflüssig machen könnte.

Herzlich Ihr

Hartwig Hanser