Brasilien gehört zu den biologisch reichsten Ländern der Welt. Der Staat ist mit dem Amazonas ein Süßwassergigant und trägt die Hauptverantwortung für den größten Regenwald der Erde. Brasilien ist aber ebenso einer der weltweit größten Exporteure für Rindfleisch, Soja, Zitrusfrüchte und Kaffee. Die Nation gehört zu den aufstrebenden Wirtschaftsmächten und hat bereits einige europäische Länder wie Italien oder Großbritannien überholt – eine Aufholjagd, die natürlich auch auf Kosten der Umwelt ging, wie riesige Kahlschlagflächen in Amazonien oder in der nicht minder artenreichen Savanne des Cerrado belegen.

Rondonia, Brasilien 1975
© NASA
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Bei vielen Ökologen schrillten daher die Alarmglocken, als Parlament und Senat das bislang recht fortschrittliche Waldschutzgesetz des Landes schleifen wollten – auf Druck mächtiger Lobbyverbände, die im weiteren Ausbau der exportstarken Agrarbranche die Zukunft Brasiliens sehen. So sollte es Amnestien für alle illegalen Kahlschläge geben, die von Kleinbauern bis 2008 durchgeführt worden waren. Landwirtschaftliche Betriebe müssten nur noch kleinere Schutzzonen entlang von Flüssen von den Rodungen aussparen, steile Hänge und Berggipfel dürften ebenfalls unter den Pflug genommen werden. Und statt 80 Prozent ihres Grundes bräuchten die Besitzer nur mehr die Hälfte davon als Wald stehen zu lassen – was viele Wissenschaftler und Naturschützer wohl zu Recht als Anlass für neue riesige Brandrodungen im Amazonasbecken fürchteten. Ein Fünftel des Gebiets gilt bereits als zerstört oder schwer beschädigt, weitere Verluste könnten die ökologische Integrität des Ökosystems zusammenbrechen lassen.

Parlament und Senat winkten diese Gesetzesreform dennoch mit großer Mehrheit durch, obwohl die Bevölkerung laut repräsentativer Umfragen überwiegend gegen den Freibrief eingestellt war. So lag es nun an Präsidentin Dilma Rousseff, das Vorhaben mit ihrem Veto zu blockieren und Brasiliens Gesicht vor dem großen globalen Umweltgipfel Rio+20 zu wahren: 1992 hatte sich die Weltgemeinschaft erstmals in Rio de Janeiro getroffen, um Ökologie und Ökonomie zu versöhnen und die Umwelt für nachfolgende Generationen zu bewahren. Eine Reform des Waldschutzgesetzes im Sinn der Zerstörer hätte dieses Ansinnen nicht nur konterkariert, sondern auch Brasilien als erneuten Gastgeber bloßgestellt.

Rousseff hat mit ihrem Veto dem Gesetz nun die schärfsten Spitzen genommen: Nach ihrem Willen soll es keine Blankoamnestie für gesetzeswidrige Abholzungen mehr geben, Verstöße können also doch noch geahndet werden (auch wenn es in der Praxis häufig nicht der Fall sein wird). Zudem muss die Mehrheit der Landbesitzer übermäßig gerodete Flächen wieder aufforsten. Schutzzonen an Flüssen bleiben ebenso groß erhalten wie das Nutzungsverbot an steilen Hängen oder auf Bergen. Bei Zuwiderhandlungen gibt es Strafen oder wird der Zugang zu Subventionen und Krediten gesperrt. Mangroven stehen weiterhin großflächig unter Schutz, und auch städtische Landeigentümer werden nicht aus der Verantwortung entlassen und müssen auf ihrem Grund ebenfalls auf 80 Prozent der Fläche Bäume stehen lassen – und nicht nur Grundbesitzer, die auch auf ihrer Scholle leben. Und vielleicht am wichtigsten: Jeder muss seinen Besitz mit Landkoordinaten registrieren lassen, so dass der jeweilige Waldbestand per Satellit aus dem All überwacht werden kann.

Rondonia, Brasilien 2001
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Mit Hilfe dieser Technik und verstärkter Anwendung bestehender Gesetze und Strafkataloge gelang es Brasilien, die Abholzung in Amazonien während der letzten Jahre beträchtlich zu reduzieren: Statt mehr als 20 000 Quadratkilometer wie nach der Jahrtausendwende wurden 2011 "nur" noch weniger als 7000 Quadratkilometer zerstört – und die Tendenz ist weiter sinkend. Zudem stellte die Nation während der letzten Jahre riesige Waldflächen unter Naturschutz beziehungsweise wies sie als Lebensgebiete indigener Völker aus, was die Ökosysteme ebenfalls bewahren hilft.

Ohnehin verfügt Brasilien über genügend Landreserven, um seine landwirtschaftliche Produktion auszuweiten und zu intensivieren: Schätzungen gehen davon aus, dass allein 50 Millionen Hektar degradiertes Weideland zur Verfügung stünden, um darauf beispielsweise Ölpalmen oder Zuckerrohr zu pflanzen, ohne dass ein weiterer Baum fallen müsste. Steigende Landpreise und vor allem mangelhafte Durchsetzung von Gesetzen machten es bislang allerdings lukrativer, Regenwald zu opfern – doch wie bereits erwähnt, macht der südamerikanische Riese zunehmend Fortschritte beim Waldschutz.

Noch ist das modifizierte Gesetz nicht in trockenen Tüchern. Die Abgeordneten des Parlaments könnten Rousseffs Veto wieder überstimmen. Ob sie ihr diese Blamage jedoch vor den Augen der Weltöffentlichkeit zufügen wollen und sich nicht nur der Bevölkerungsmehrheit, sondern auch ihrem Staatsoberhaupt entgegenstellen, ist zumindest fraglich. Die Bewahrung Amazoniens als eines der letzten großen Wildnisgebiete der Erde und Hort der Artenvielfalt scheint damit wenigstens wieder etwas näher zu rücken.