Donald Trump soll ein Narzisst und ein Macho sein, er ist angeblich aufbrausend und hat eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Mit solchen psychologischen Einschätzungen muss ein Präsident leben: Die Öffentlichkeit darf seine charakterliche Eignung für das Amt diskutieren. Aber dürfen sich auch Psychologen und Psychiater mit solchen Diagnosen zitieren lassen? Ihr Urteil hätte mehr Gewicht, da sie es am besten wissen müssen. Doch zwei Gründe sprechen dagegen: Die Fachleute haben Donald Trump nicht persönlich untersucht, wie es für eine Diagnose nötig wäre, und selbst wenn sie es täten, bräuchten sie seine Erlaubnis, um öffentlich darüber zu reden. Die Amerikanische Vereinigung der Psychiater hat diese Haltung – sie wird nach einem prominenten Fall aus den 1960er Jahren Goldwater-Regel genannt – nach Trumps Wahl bekräftigt. Für die Deutsche Gesellschaft für Psychologie gilt eine ähnliche Selbstverpflichtung des europäischen Dachverbands EFPA. Dort heißt es: "Ein Psychologe sollte in den Medien professionelle Einschätzungen über jedwede Person vermeiden." Auch der Spitzenverband ZNS, zu dem sich neurologische und psychiatrische Berufsverbände zusammengeschlossen haben, sieht das ähnlich. Man dürfe höchstens anhand fiktiver Persönlichkeiten typische psychiatrische Zusammenhänge erläutern.

Das Redeverbot für professionelle Psychologen ist nicht nur als Schutz für normale Menschen gedacht, denn der könnte bei prominenten Persönlichkeiten schließlich wegfallen. Die Fachleute dürfen auch beim vielleicht mächtigsten Mann der Welt nicht über seine psychologische Verfassung spekulieren, weil sich die Debatte nicht auf Donald Trump beschränken lässt. Klienten werden sich fragen, ob auch über ihre psychologischen Auffälligkeiten so schnell geurteilt und abfällig gesprochen wird wie über die des Präsidenten. Arbeitsmediziner haben aus diesem Grund nach dem vom Piloten Andreas Lubitz herbeigeführten Absturz der Germanwings-Maschine am 24. März 2015 in den französischen Alpen für diese Schweigepflicht gekämpft: Wenn Menschen mit einer Depression befürchten müssen, dass ihr Arbeitgeber davon erfährt, trauen sie sich vielleicht gar nicht zum Arzt.

Eine Fachdiagnose wird zur politischen Kritik

Was aber ist mit psychologischen Urteilen, die nicht klinisch relevant sind und die sich auch ohne persönliche Untersuchung treffen lassen? Immerhin bietet Trump über die Medien jede Menge Anschauungsmaterial, das man auswerten kann. Der US-amerikanische Psychologe Dan McAdams hat zum Beispiel im Wahlkampf Donald Trump nach den fünf wichtigsten Persönlichkeitsmerkmalen eingestuft, den so genannten Big Five: Er sei außergewöhnlich extrovertiert und überhaupt nicht verträglich. Als verträglich (agreeable) bezeichnen Psychologen Menschen, die bescheiden sind, sich um andere kümmern und mit anderen zusammenarbeiten – Trump soll das Gegenteil davon verkörpern. McAdams schilderte zwar den Fall eines sterbenskranken Jungen, der Trumps TV-Show liebte und ihn bat, ihm die berühmten Worte zu sagen: "You're fired!" Das brachte Trump nicht übers Herz und gab dem Jungen stattdessen einen Scheck mit den Worten: "Go and have the time of your life." Doch diese Episode sei im Verhalten Donald Trumps eine Ausnahme, argumentierte McAdams, und seine Unverträglichkeit speise sich vor allem aus echt empfundener und nicht gespielter Wut. Der Psychologe leitete daraus Prognosen für Trumps Führungsstil ab: Er sagte einen risikobereiten, aggressiven, unglaubwürdigen und zugleich pragmatischen Präsidenten Trump voraus und bezeichnete dessen Präsidentschaft als "leicht entzündlich".

Was ist von dieser psychologisierenden Biografie einer lebenden Person zu halten? Der europäische Dachverband der Psychologenvereinigungen EFPA untersagt professionellen Psychologen auch hier die öffentliche Äußerung, weil der Betroffene nicht zugestimmt habe. Doch zu den Einschätzungen McAdams hätten auch andere Beobachter des politischen Betriebs kommen können, die nicht Psychologie studiert haben. Sie könnten sich zwar nicht auf eine wissenschaftliche Expertise berufen, aber der Abstand zwischen Fachmann und Laien ist nicht mehr so groß wie bei der Diagnose psychiatrischer Leiden. Ein Psychologe muss zwar noch berücksichtigen, dass er auch einen Berufsstand vertritt, der im Ansehen sinken kann, wenn sich seine Repräsentanten politisch äußern oder sich ihre öffentlich geäußerten Diagnosen als falsch herausstellen. Doch hier bewegt man sich argumentativ in einem Feld, in dem Abwägungen möglich sind. Hier kann der Psychologe behaupten, ihm sei das politische Anliegen wichtiger als alle Bedenken, und er darf erwarten, dass man sein Argument nicht gleich abtut.

Wird hier Autorität missbraucht?

Noch deutlicher als McAdams wird eine Gruppe US-amerikanischer Psychiater, die sich vor einigen Wochen mit der Aufsatzsammlung "The Dangerous Case of Donald Trump" zu Wort gemeldet hat. Nach ihrem Eindruck bedenkt Trump nicht die Konsequenzen seiner Handlungen und verweigert regelmäßig den Blick auf die Realität. Die Autoren setzen sich über die Empfehlung ihrer Fachgesellschaft hinweg, weil sie vor einem gefährlichen Mann mit großer Macht warnen wollen – so, wie sie auch in ihrer klinischen Praxis warnen würden, wenn einer ihrer Klienten anderen Menschen etwas anzutun droht. "Wir glauben, dass ein solcher Notfall eingetreten ist", heißt es in der Einleitung des Buchs.

Mehrere Beiträge der Sammlung begründen den Schritt in die Öffentlichkeit. Eine wichtige Unterscheidung der Autoren ist die zwischen der Einschätzung eines Profis und einer professionellen Einschätzung: Professionell arbeiten Psychiater in ihrer Praxis oder in der Klinik, doch im Fall von Donald Trump geben sie nur einen – professionell fundierten – Kommentar ab. Das sei nicht dasselbe, heißt es. Der Kommentar solle als Beitrag zu einer evidenzbasierten Politik verstanden werden. (Die Wortschöpfung spielt auf die evidenzbasierte Medizin an, die ihre Empfehlungen auf solide wissenschaftliche Untersuchungen stützt.) Doch mit dieser Argumentation machen sich die Autoren angreifbar, denn sie verschweigen ihre politischen Positionen. Sie tun so, als gehe es nur um den Geisteszustand und die Persönlichkeit des US-Präsidenten, nicht aber um seine Politik.

Lässt sich das trennen? Kann man über den US-Präsidenten sprechen, ohne an seine Politik zu denken? Man sollte diese Frage zumindest thematisieren, doch das tun die Psychiater nicht. Der Politologe Roger Pielke jr. hat diese Form der Intransparenz (am Beispiel der Klimaforschung) untersucht. Er bezeichnet sie als "stealth advocacy", also als eine Art von Lobbyarbeit im Verborgenen, weil die wahren Beweggründe nicht offengelegt werden. Die Forscher wollen den Eindruck erwecken, als sei ihre politische Kritik wissenschaftlich begründet. Pielke fordert stattdessen, dass Forscher in der Öffentlichkeit ihre Rolle deutlich machen: Sie äußern sich üblicherweise als besorgte Bürger. Eine wissenschaftliche Stellungnahme müsste anders aussehen als das Buch, das in vielen Einzelbeiträgen vor Donald Trump warnt: Sie würde alternative Sichtweisen einbeziehen und die Schlussfolgerungen zunächst intern kritisch prüfen lassen. Und sie würde berücksichtigen, dass sie politische Entscheidungen nicht ersetzen kann, denn Politik ist nicht evidenzbasiert: Die Bürger haben das Recht darauf, einen harten Hund und unreflektierten Draufgänger an die Spitze des Staats zu wählen. In der Demokratie geht man davon aus, dass sie wissen, was sie tun.

Die Moral dieser Geschichte: Psychologen und Psychiater dürfen Politiker öffentlich kritisieren – als besorgte Bürger.