Was wäre, wenn Homöopathie tatsächlich funktionieren würde? Vor etwa 200 Jahren behauptete der deutsche Arzt Samuel Hahnemann, man könne eine Krankheit durch das Mittel heilen, das bei einem gesunden Menschen ähnliche Symptome hervorrufe. Wenn ein Patient zum Beispiel unter starken Kopfschmerzen leidet, muss man etwas finden, was bei einem Gesunden genau dieselben Kopfschmerzen verursacht. Zum Beispiel einen wuchtigen Schlag mit einer Dachlatte gegen den Hinterkopf. Natürlich nur in homöopathischen Dosen.

Der alte Spruch "Von nix kommt nix" gilt nicht mehr. Homöopathen arbeiten nämlich mit dem Prinzip der Hochverdünnung. In dem Präparat Belladonna D30 wird die Ausgangssubstanz durch ein Lösungsmittel wie Alkohol oder Milchzucker 30-mal hintereinander verdünnt. Schon ab der 24. Verdünnungsstufe ist jedoch gar kein Belladonna-Molekül mehr in der Lösung, aber es soll trotzdem wirken. Das ist so ähnlich, wie wenn man in Würzburg einen Autoschlüssel in den Main wirft und dann in Frankfurt versucht, mit dem Mainwasser das Fahrzeug zu starten.

Homöopathen argumentieren in diesem Fall mit einem Trick: Die Information des Wirkstoffs werde durch das Schütteln mit Hilfe einer "geistartigen Kraft" auf das Lösungsmittel übertragen. Und weil das Lösungsmittel ein Gedächtnis habe, speichere es die Information und erinnere sich auch nach mehreren Monaten noch daran. Die geistartigen Kräfte der diversen Verunreinigungen, die durch das ständige Schütteln entstehen, werden auf wundersame Weise nicht potenziert. Das Mittel weiß offenbar ganz genau, welche Geister es verstärken soll und welche nicht. Faszinierend, oder? Es gibt Menschen, die sitzen in geschlossenen Psychiatrien für weit weniger.

"Du immer mit deiner arroganten Wissenschaft", schnauzte mich neulich meine Nachbarin an. "Die Globuli wirken eben nur dann, wenn man daran glaubt." Mag sein, aber der Witz an echten Wirkstoffen ist ja gerade, dass sie unabhängig davon, ob man daran glaubt oder nicht, eine Wirkung haben. Bestes Beispiel: fünf Milligramm Strychnin im Kaffee. Wenn Sie nicht daran glauben, probieren Sie's aus.

"Es gibt es eben wundersame Dinge, die sich mit Naturwissenschaft nicht erklären lassen!", sagt meine Nachbarin dann immer. Der Erkenntnistheoretiker David Hume schrieb über diese Art von Argumentation: "Die Annahme, etwas sei ein Wunder, ist nur dann gerechtfertigt, wenn alle alternativen Erklärungen noch unwahrscheinlicher sind." Dazu ein kleines Beispiel: Angenommen, Ihr Nachbar behauptet, er hätte eine Topfpflanze, die sämtliche Arien aus Aida singen kann. Was ist wahrscheinlicher? Es gibt diese Topfpflanze, oder Ihr Nachbar hat einen Sprung in der Schüssel? Jeder weiß doch: Topfpflanzen singen viel lieber Puccini.

Seriöse Wissenschaft macht weniger Aussagen darüber, was funktionieren könnte. Viel öfter zeigt sie auf, was keinesfalls funktionieren kann. Ein Physiker braucht sich nicht im Detail mit der Konstruktion eines Perpetuum mobiles zu befassen, weil es nach dem Energiesatz nicht möglich ist, ein solches zu konstruieren. Ebenso wenig wird ein Statistiker daran glauben, dass man mit einem Setzsystem in einer Spielbank reich werden kann, weil man nun mal die mathematischen Gesetze der Stochastik nicht überlisten kann, egal wie kreativ die Methode auch ist.

Zurück zur Homöopathie. Würde der homöopathische Wirkmechanismus funktionieren, so stünde dieser im Widerspruch zu einer Vielzahl von fundamentalen physikalischen und biochemischen Naturgesetzen. Allein die Existenz eines Wassergedächtnisses und einer "geistartigen Kraft" hätte eine fünfte – bisher vollkommen unbekannte – physikalische Grundkraft zur Folge. Gäbe es diese Grundkraft aber, so wären praktisch alle großen Theorien wie Quantenmechanik, Relativitätstheorie oder Elektrodynamik in sich falsch. Denn sie beruhen auf der Existenz von nur vier Grundkräften. Anders gesagt: Wenn es wirklich eine fünfte Grundkraft gäbe, sähe unsere Welt vollkommen anders aus. Sie würde nach komplett anderen Naturgesetzen funktionieren, die man dann auch in vielen anderen Bereichen beobachten würde. Und weil das eben nicht der Fall ist, existiert der postulierte Mechanismus der Homöopathie nicht.