Die Zahlen klingen eindrucksvoll: 40 neue Intelligenzgene und 336 Mutationen, die mit Intelligenz zusammenhängen, kamen bei einer aktuellen Studie an über 78 000 Individuen zum Vorschein. Doch was nach einem echten Durchbruch bei der Erklärung der menschlichen Geisteskräfte klingt, zerschlägt bis auf Weiteres alle Hoffnungen, mit genetischen Methoden Intelligenz zu verbessern oder auch nur vorherzusagen.

Bei näherer Betrachtung nämlich ist die Ausbeute der jetzt in "Nature Genetics" veröffentlichten Studie mäßig: Knapp ein Zwanzigstel des Intelligenzunterschiedes zwischen zwei Individuen, so das Autorenteam um Danielle Posthuma von der Freien Universität Amsterdam, lasse sich nun auf bekannte Gene zurückführen. Immerhin doppelt so viel wie zuvor, aber nach wie vor ein Resultat ohne klinische oder gesellschaftliche Relevanz.

Ein bunter Strauß Intelligenzgene

Seit Jahrzehnten ist aus Zwillingsstudien bekannt, dass der Intelligenzquotient (IQ) zu einem gewissen Anteil erblich ist – bei Kleinkindern sind es etwa 20 Prozent, mit zunehmendem Alter steigt der Anteil auf bis zu 80 Prozent. Natürlich wechseln die Zahlen je nachdem, wen man fragt. Die anfängliche Hoffnung, einige wenige dafür zuständige Gene zu identifizieren, hat sich jedoch schnell zerschlagen: Heute weiß man, dass womöglich hunderte, wenn nicht tausende Gene einen jeweils sehr kleinen Effekt beisteuern.

Die Chancen, mit solchen Informationen jemals Aussagen über die Intelligenz eines Individuums zu treffen, sind, vorsichtig ausgedrückt, moderat. "Es erscheint wenig wahrscheinlich, dass eines Tages genetische Tests für Intelligenz möglich werden", antwortete zum Beispiel André Reis, der Direktor des Humangenetischen Instituts der Universität Erlangen-Nürnberg auf eine Anfrage des Science Media Center Deutschland. Die Vorhersagekraft der einzelnen Gen-Orte für die Gesamtintelligenz sei einfach zu gering.

Entsprechend kann man auch alle Träume und Alpträume von genetisch manipulierter Superintelligenz erst einmal zu den Akten legen. Die von Posthuma und ihrem Team analysierten Gene beziehen sich auf zelluläre Prozesse im Gehirn – in welcher Weise diese feinen Unterschiede komplexe geistige Fähigkeiten beeinflussen, darüber ist eher noch weniger bekannt als über die beteiligten Gene selbst.

Mühsam nährt sich die Intelligenzforschung

Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass die zum Teil hohen Zahlen für die Erblichkeit der Intelligenz in die Irre führen: Überwiegend genetisch bedingt sind bloß die Unterschiede zwischen zwei Menschen unter vergleichbaren Bedingungen. In der harten Wirklichkeit hängt es erheblich von äußeren Faktoren ab, welche geistigen Höhen jemand tatsächlich erreicht.

Das zeigt die neue Genstudie in seltener Deutlichkeit: wie mühselig es ist, die biologische Basis geistiger und sonstiger Fähigkeiten zu entschlüsseln. Das Erbgut ist eben keine schematische Blaupause des Menschen, sondern ein Molekül, das über unzählige Interaktionen mit sich selbst und anderen Komponenten des Körpers verknüpft ist. Die noch vor nicht allzu langer Zeit gehegte Hoffnung, den Menschen dank spezifischer Gene für bestimmte Merkmale von Grund auf zu verstehen, erweist sich als voreilig.

An diesem grundsätzlichen Problem werde sich auch mit mehr Forschung womöglich nichts ändern, vermutet Elsbeth Stern, die Leiterin des Instituts für Verhaltensforschung an der ETH Zürich: "Ich bin mir nicht sicher, ob man hier weiterkommen wird." Sie verweist auf die Körpergröße, die zwar im Prinzip fast komplett erblich sei, deren genetische Basis man aber trotz aller Forschung nur zu einem Fünftel kenne. Das ist auch insofern ein instruktives Beispiel, weil sich die durchschnittliche Körpergröße in vielen Ländern über die letzten Jahrzehnte drastisch geändert hat – ganz ohne Genmanipulation.

Was lernen wir aus der neuen Untersuchung also nun wirklich über Intelligenz und ihre biologischen Grundlagen? Zum einen, dass die Forschung daran sehr schwierig ist und noch einen steinigen Weg vor sich hat. Und zum anderen, dass Intelligenz in Ermangelung einer perfekten Welt nach wie vor primär von Krankheiten, Ernährungszustand und sozialem Umfeld geprägt wird, Gene hin oder her.