Die Vogelgrippe macht hier zu Lande derzeit zwar höchstens als Stressfaktor für die Geflügelzucht Schlagzeilen. Es gibt aber gute Gründe, dieser und anderen Seuchen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Einer davon ist das Virus H7N9, der andere US-Präsident Donald Trump.

Die Ebolaepidemie in Westafrika hat zwei Dinge gezeigt: erstens, dass es in der globalen Seuchenbekämpfung ohne die US-Regierung nicht geht. Und zweitens, dass die USA unter Präsident Trump diese Rolle wohl nicht mehr ausfüllen werden. Auf dem Höhepunkt der Seuche schickten die Vereinigten Staaten 3000 Soldaten und ebenso viele zivile Hilfskräfte nach Westafrika und stellten 5,4 Milliarden Dollar für die Bekämpfung der Seuche bereit. Der damalige Präsident Obama stieß im gleichen Jahr eine gemeinsame Initiative von 50 Staaten an, um neu auftauchende Infektionskrankheiten möglichst frühzeitig aufzuspüren.

"Größte Pandemiegefahr seit 100 Jahren"

Vom aktuellen US-Präsidenten wird man solches Engagement eher nicht erwarten dürfen. Im Gegenteil, nimmt man Trumps Aussagen während der Ebolakrise als Maßstab, muss man im Ernstfall schon dankbar sein, wenn er nicht alles noch viel schlimmer macht. Damals forderte er zum Beispiel, die – nicht existenten – Flugverbindungen in die betroffenen Länder einzustellen und erkrankten US-Bürgern die Einreise zu verwehren. Heute lässt er wenig Zweifel an seiner Geringschätzung für internationale Zusammenarbeit.

Wie gefährlich diese Situation ist, daran erinnert derzeit nachdrücklich das Vogelgrippevirus H7N9, das seit 2014 in China Geflügel infiziert und auch Menschen tötet: Während in den letzten drei Jahren jeweils nur 50 bis 150 Menschen an dem Erreger starben, sind diese Zahlen nun bereits nach anderthalb Monaten erreicht. Im Januar registrierte das chinesische Gesundheitssystem fast 200 Infizierte, 79 von ihnen starben – mehr als ein Drittel. Der Infektionsexperte Guan Yi von der Universität Hong Kong lässt sich dieser Tage mit der Aussage zitieren, H7N9 sei die "größte Pandemiegefahr seit 100 Jahren".

Bisher sehen Behörden und die WHO keine Indizien dafür, dass der Erreger dauerhaft unter Menschen zirkulieren kann – die meisten Infizierten steckten sich an Geflügel an, einige wenige durch engen Kontakt mit Infizierten. Allerdings verursacht der Erreger in Geflügel kaum Symptome und kann sich entsprechend unauffällig verbreiten, womöglich auch im Ausland. Die sehr hohe Sterblichkeit und die im Vergleich zu anderen Vogelgrippeerregern große Zahl von Infizierten in den letzten Jahren machen den Erreger gefährlich. Zusätzlich haben sich zwei Proben des Erregers als resistent gegen das Medikament Tamiflu erwiesen.

Ob H7N9 wirklich eine Epidemie unter Menschen auslöst oder in der Versenkung verschwindet wie H5N1, ist derzeit schwer einzuschätzen. Der Fall darf aber als Warnung dienen: Die Frage ist nicht, ob während der Amtszeit von Donald Trump eine global bedrohliche Infektionskrankheit auftaucht – sondern wann.

Die Lektionen von SARS

Im schlimmsten Fall könnte sich die US-Regierung bei einer aufkommenden Pandemie verhalten, wie es Trumps Tweets während der Ebolaepidemie nahelegen: Zusammenarbeit ablehnen, Grenzen schließen und Infizierte als inneres und äußeres Sicherheitsproblem betrachten. Der Bioethiker Art Caplan von der New York University malte ein solches Szenario bereits 2016 in einem Artikel aus. Und auch wenn Trump sehr wohl bereit ist, sich am globalen Seuchenschutz zu beteiligen – dafür gibt es Indizien, zum Beispiel nahm er von seinem Vorschlag eines staatlichen Einstellungsstopps diesen Sektor aus – ist bisher nicht klar, ob er dann tatsächlich die internationale Zusammenarbeit fördert oder einfach nur andere Regierungschefs anschreit.

Nach der SARS-Epidemie, die 2003 nach über 8000 Infizierten und 700 Toten in 37 Ländern nur mit Mühe gestoppt wurde, haben eine ganze Reihe Staaten ihre Lektionen gelernt: Isolationismus tötet. Dass die chinesische Regierung heute praktisch in Echtzeit über neue Infektionen mit dem tödlichen Vogelgrippevirus H7N9 informiert, ist ein Ergebnis des SARS-Schocks vor 14 Jahren – und die USA spielen darin eine entscheidende Rolle. Dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten die meisten bedrohlichen Epidemien glimpflich ausgingen oder zumindest heute global bekämpft werden, wie HIV, verdanken wir zu einem Gutteil dem globalen US-amerikanischen Engagement. Ein desinteressierter Präsident Trump oder gar ein handlungsunfähiges US-Gesundheitssystem löst bei H7N9 womöglich jene Katastrophe aus, die uns 2003 um Haaresbreite erspart blieb.