Um die Menschen wachzurütteln, sucht Michal Kosinski nach griffigen Beispielen. Der gläserne Verbraucher ist in Sachen Datenschutz schließlich schon einiges gewöhnt. In einer neuen Studie hat Kosinski daher untersucht, ob man die sexuelle Orientierung eines Menschen aus seinem Profilfoto herauslesen kann. Das Ergebnis: Menschen sind schlecht darin, aber Computer können es einigermaßen. Wenn man dem Computer 1000 Fotos von Männern gibt und ihn die 100 heraussuchen lässt, die am wahrscheinlichsten schwul sind, dann liegt er in 47 Fällen richtig. Unter den wahrscheinlichsten zehn sind neun tatsächlich homosexuell. Bei Frauen ist die Trefferquote ein wenig niedriger; stehen mehr Fotos zur Verfügung, lässt sich die Präzision etwas erhöhen. Die Studie wird demnächst im "Journal of Personality and Social Psychology" erscheinen und ist als Vorabdruck auf Kosinskis Homepage einzusehen.

In den USA hat die Studie Wellen geschlagen, in Deutschland blieb die Reaktion bisher verhalten. Auf einem Vortrag in Berlin hatte Kosinski das Ergebnis bereits im Juli angekündigt. Damals zeigte er eine Weltkarte, auf der Länder markiert waren, in denen homosexuelle Praktiken mit Gefängnis oder gar mit dem Tod bestraft werden können. Seine Botschaft: In diesen Ländern können Menschen ihre sexuelle Orientierung nicht mehr geheim halten. Und als Zusammenfassung seines Vortrags zeigte Kosinski einen Tornado und sagte: "Keine Regelung wird ihn aufhalten." Je früher die Gesellschaft das Ende der Privatsphäre akzeptiere und sich darauf einstelle, desto besser.

Unschuldige könnten unter Verdacht geraten

Kosinski tritt nicht zum ersten Mal als warnender Prophet auf. Vor knapp drei Jahren machte er mit einer Studie im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" auf sich aufmerksam, in der er die Persönlichkeit von Facebooknutzern aus ihren Likes ableitete. Mit einem Fragebogen hatte er zuvor fünf zentrale Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion ermittelt. Anschließend genügten ihm 60 bis 70 beliebige Likes eines Nutzers, um diese Eigenschaften so gut abzuschätzen wie dessen Freunde. Im deutschsprachigen Raum ist Kosinski vor allem durch einen Medienbericht bekannt geworden: "Das Magazin" aus der Schweiz schrieb im Dezember 2016, dass die US-Firma Cambridge Analytica seine Methoden genutzt habe, um auf Facebook gezielt und erfolgreich Wahlwerbung für Donald Trump zu machen.

Die Firma hat nach eigenen Angaben die Nutzer in 32 Persönlichkeitskategorien unterteilt und jeder Gruppe passgenaue Botschaften in die Timeline gespielt. Heute sieht es so aus, als übertreibe Cambridge Analytica ihre Fähigkeiten. Doch das Onlineportal "The Daily Beast" berichtete kürzlich, dass die Firma nun Fragen von der Kommission erhalten habe, die eventuelle Eingriffe Russlands in den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf untersucht.

Das größte Risiko ist die Resignation

Michal Kosinski wirkt wie ein Gegenstück zur Figur des Johann Wilhelm Möbius aus Dürrenmatts "Physikern". Möbius führt in dem Stück seine Forschung in der geschlossenen Psychiatrie fort, um sich nicht um ihre gesellschaftlichen Auswirkungen kümmern zu müssen – wird aber von der Institutsleiterin ausspioniert. "Was alle angeht, können nur alle lösen", kommentierte Dürrenmatt später. Kosinski trägt seine Forschung hingegen in die Öffentlichkeit, damit über die Auswirkungen debattiert werden kann – und bringt womöglich die falschen Leute auf dumme Ideen. Wenn seine Methoden funktionieren, könnte man damit Meinungen manipulieren und intime Präferenzen aufdecken. Hat er falsch abgewogen zwischen Aufklärungsauftrag und Missbrauchsrisiko?

In Berlin verteidigte sich Kosinski: Er nutze nur bekannte Analysemethoden und öffentliche Daten – was er könne, könnten andere mit größeren Datenbanken und leistungsfähigeren Computern sicher noch viel besser. In seiner Studie behauptet er zudem, dass erste Firmen und Regierungen schon ausprobieren würden, welche Persönlichkeitsmerkmale ein Gesicht preisgibt. Kurzum: Er mache nur öffentlich, was sonst im Verborgenen betrieben würde. Er präsentiert sich als eine Art Whistleblower; er berichtet zwar nicht als Insider aus einer ominösen Branche, aber er schätzt ab, wozu diese Branche fähig ist.

Wenn das stimmt – Kosinski also nicht die Gefahr befeuert, vor der er warnt –, erfüllt er eine wichtige Aufgabe. Aber es bleibt ein Zweifel: Was soll der Verbraucher mit der Warnung anfangen? Auf Profilfotos zu verzichten, bloß weil man zu viel aus ihnen herauslesen kann, ist nicht praktikabel. Und welche Schlüsse soll die Politik ziehen? Eine Zustimmungspflicht zur Analyse von Profilfotos ließe sich vermutlich nicht weltweit durchsetzen. Verantwortungsvolle Forschung sollte sich diesen Fragen widmen. Aber Kosinski verbreitet Resignation – und das ist gefährlich. In seiner Studie schreibt er, man müsse zwar weiter am Schutz der Privatsphäre arbeiten, doch langfristig lasse dieser sich nicht halten. "Daher hängt die Sicherheit der Schwulen und anderer Minderheiten von der Toleranz der Gesellschaft und der Regierungen ab", lautet sein Fazit. Vielleicht wäre es sinnvoller, den Blick auf die nähere Zukunft zu richten: Sollten Kosinskis noch recht unpräzise Methoden tatsächlich angewendet werden, würden sie in vielen Fällen zu ungerechtfertigten Verdächtigungen führen. Wie will die Politik damit umgehen?

Die Moral dieser Geschichte: Wer vor dem Ende der Privatsphäre warnt, sollte sich auch dafür interessieren, was danach kommt.