Singapur gilt als eine der saubersten Großstädte der Welt. Wer Abfälle einfach auf die Straße wirft, muss mit drakonischen Bußgeldern rechnen. Autos sind in der Anschaffung und im Betrieb sehr teuer, die Luftreinhaltungsvorschriften sind ähnlich strikt oder sogar noch strenger als in Europa und den USA. Die Millionenmetropole an der Südspitze der malaysischen Halbinsel kann sich deshalb normalerweise einer Luft rühmen, die in Asien wahrscheinlich ihresgleichen sucht. Doch in diesen Tagen liegt ein Smog über der Stadt, wie er normalerweise die Umweltnachrichten aus Peking oder Shanghai bestimmt: Der Smog-Index des Stadtstaats (Pollutant Standards Index, PSI) überschritt am letzten Freitag den Wert 400, der für ältere und kranke Menschen als lebensbedrohlich gilt – absoluter Rekord, seit der PSI 1997 eingeführt wurde. Mehrfach lag der PSI über 300, was als stark gesundheitsgefährdend gilt.

Schuld an der extremen Luftverschmutzung, die auch Teile Malaysias und Brunei betrifft, sind Rodungsfeuer auf der indonesischen Insel Sumatra: Wie jedes Jahr auf dem Höhepunkt der Trockenzeit legen Kleinbauern wie Großgrundbesitzer ab Juni bis September Feuer in Plantagen oder den verbliebenen Regen- und Torfwäldern, um Platz zu schaffen für neue Ölpalmen – eine weit verbreitete Praxis, die seit Jahren die Luft in Teilen Südostasiens und die Beziehungen zwischen den Anrainerstaaten belastet. Manche dieser Brände sind mittlerweile außer Kontrolle geraten und wüten auf tausenden Hektar, so dass Feuerwehrleute tatenlos zusehen müssen und indonesische Offizielle auf Regengüsse hoffen. Gleichzeitig überlegen sie, ob sie Wolken impfen sollen, um künstliche Niederschläge auszulösen – eine Verzweiflungstat, die kaum etwas ausrichten dürfte, da die Luftverschmutzung die Wolkenbildung behindert: Die bei den Bränden entstehenden Aerosole wie Ruß oder Sulfatpartikel verringern somit auch die Niederschläge.

Rauchschwaden: Dichter Rauch zieht von den Wald- und Plantagenbränden auf Sumatra Richtung Malaysia und Singapur.
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Dichter Rauch zieht von den Wald- und Plantagenbränden auf Sumatra Richtung Malaysia und Singapur. Die Behörden der beiden Länder lösten Smogalarm aus, als die Belastung extreme Werte annahm.

Statt die Symptome zu bekämpfen, sollten die Behörden stattdessen die eigentlichen Auslöser angehen: die großen Palmöl- und Papierkonzerne, die alljährlich auf ihren Ländereien und Konzessionen zündeln, um ihre Plantagen auszuweiten. Dieses Vorgehen ist in Indonesien illegal; zudem läuft es einem Abholzungsmoratorium zuwider, dass die Regierung über 64 Millionen Hektar Wald bis 2015 verhängt hat. Besonders verheerend wirken sich dabei die Feuer auf Torfmoorböden aus, die große Flächen an der Ostküste des Landes bedecken: Sie speichern riesige Mengen an Kohlenstoff und können wochen- oder monatelang vor sich hinkokeln. Dabei setzen sie gewaltige Mengen an Ruß, Kohlendioxid, Kohlenmonoxid und Schwefelverbindungen frei, die Luft und Klima belasten. Ganz zu schweigen von den Folgen für die Artenvielfalt, bilden doch die verbliebenen Torfmoorwälder die letzten Zufluchtsstätten für bedrohte Spezies wie den Sumatratiger. Dennoch zeigen von Greenpeace veröffentlichte Bilder, wie mitten im dicksten Rauch Bagger weiterhin Drainagegräben im Sumpf ziehen, um das Land zu entwässern und damit für die Brandrodung vorzubereiten.

Dank moderner Satellitentechnik lassen sich Brandherde inzwischen sehr ortsgenau bestimmen – und diese Daten sind ein Schlag ins Gesicht all derer, die denken, dass große Firmen ein Interesse daran haben, Palmöl nachhaltig zu produzieren. Mindestens fünf Konzerne, auf deren Land Brandrodung nachgewiesen wurde, beteiligen sich am so genannten runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (Roundtable on Sustainable Palm Oil, RSPO): PT Jatim Jaya Perkasa, Tabung Haji Plantations, Sinar Mas, Kuala Lumpur Kepong und Sime Darby – Unternehmen, die in Indonesien, Malaysia und Singapur ihren Hauptsitz haben, ihren Rohstoff aber meist weltweit exportieren. Gleichzeitig nehmen auch deutsche und europäische Firmen – darunter große Lebensmittelkonzerne – sowie Umweltorganisationen wie der WWF International oder die US-amerikanische Conservation International am RSPO teil. Erklärtes Ziel: die Produktion des Pflanzenöls umweltfreundlicher und sozial gerechter zu gestalten.

Das hat seine guten Gründe, denn immer wieder geraten Abnehmer des Palmöls schwer in die Kritik – etwa Stadtwerke, die den Rohstoff als vermeintlich sauberen Energieträger verheizen möchten, oder Schokoladenproduzenten, die das billige Fett in ihren Riegeln verarbeiten. Naturschützer, aber auch sehr viele Wissenschaftler kritisieren dagegen Palmöl als denkbar schlechte Lösung für den Klimaschutz und einen der wichtigsten Faktoren für die Zerstörung von Regenwäldern weltweit.

Schon 2011 warfen deshalb 256 internationale Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsorganisationen dem RSPO in einer gemeinsamen Erklärung "Greenwashing" vor: Die Umweltziele und sozialen Standards im Regelwerk seien zu lax, um die Situation vor Ort zu verbessern. Und die Anwesenheit von Gruppen wie dem WWF, Conservation International oder der Borneo Orangutan Survival Foundation diene als grünes Feigenblatt, mit dem die großen Palmölproduzenten sich in der Öffentlichkeit schmücken, während sie in der Heimat weiter wertvolle Ökosysteme zerstören oder die Luft durch illegale Brandrodung verpesten. Von Sanktionen gegen Frevler wurde bislang nichts bekannt. Im Gegenteil: Der RSPO hat in einer Veröffentlichung ankündigt, man wolle sich kundig machen, sollte es "Beschwerden in dieser Sache" geben – eine angemessene Reaktion auf Verstöße gegen die eigenen Richtlinien sieht anders aus.

Unabhängig davon können aber auch Verbraucher und Gesetzgeber hier zu Lande mithelfen, die Luft in Südostasien zu verbessern: Immer noch dürfen Dutzende Blockheizkraftwerke mit Palmöl betrieben werden und erhalten dafür Vergütungen im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetz, wenn sie vor Januar 2012 in Betrieb genommen wurden. Angesichts der katastrophalen Umweltbilanz des Rohstoffs müsste hier dringend angesetzt werden. Auf der anderen Seite enthalten zahlreiche Lebensmittel oder Sanitär- wie Reinigungsartikel Palmöl, obwohl es dafür Alternativen gäbe. Kritische Nachfragen der Konsumenten bis hin zum Boykott einzelner Produkte könnten die Hersteller zum Umdenken zwingen und strengeren Regeln für die Palmölproduktion zum Durchbruch verhelfen. Die Börsen haben zumindest kurzfristig in Südostasien bereits reagiert: Die Kurse verschiedener Firmen, die unter dem Verdacht von Brandrodungen stehen, gingen stark zurück.