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Hirschhausens Hirnschmalz

Kennen wir uns?

Eckart von Hirschhausen

Nach Jahren treffen sich zwei alte Schul­freunde wieder. "Erinnerst du dich noch an die Paula? Sie ist jetzt meine Frau." "Mein Gott – die hatte doch krumme Beine, einen Buckel und eine Glatze!" "Macht nichts, ist gut fürs Geschäft." "Ja, was für ein Geschäft hast du denn?" "Eine Geisterbahn!"

Kein schöner Witz, ein hässlicher. Und des­ halb fiel er mir gleich ein, als ich eine Studie las, in der es um die Wirkung von Attraktivität auf das Erinnerungsvermögen geht. Denn blöde Wit­ze merkt man sich besser als gute – und offenbar gilt das Gleiche für Gesichter.

Unser Hirn fragt sich bei jedem, dem wir be­gegnen: "Kennste den?" Dabei irren wir uns in alle Richtungen. Wir erinnern uns nicht daran, jemanden schon einmal getroffen zu haben. Wir glauben jemanden zu kennen, täuschen uns aber. Wir erinnern uns an ein Gesicht, aber nicht an den zugehörigen Namen. Oder noch schlim­mer: Man weiß, man kennt sich von irgendwo­ her, weiß aber nicht mehr, warum man sich ge­heiratet hat.

Wer bleibt also am besten in den Hirnwindun­gen hängen? Herr Löffler mit den Segelohren oder der hübsche, na, du weißt schon, der Dings? Holger Wiese von der Universität in Jena würde sagen: Original schlägt Allerweltsgesicht! Laut einer jüngst veröffentlichten Studie des Psycho­logen und seines Forschungsteams behindert At­traktivität das Wiedererkennen von Gesichtern. Die Forscher zeigten ihren Testpersonen Porträts von Menschen, die unabhängige Beobachter zu­ vor entweder als attraktiv oder unattraktiv be­urteilt hatten. Jedes Antlitz blitzte für wenige Sekunden am Computerbildschirm auf, die Pro­banden sollten sich möglichst alle einprägen. Anschließend wurden ihnen manche Fotos wie­ der gezeigt – vermischt mit neuen Bildern. Tatsächlich waren die Versuchsteilnehmer weitaus besser darin, die unattraktiven Gesichter wieder­ zuerkennen.

Psychotest

Für wie attraktiv halten Sie sich?

  1. A) mittel
  2. B) normal
  3. C) Durchschnitt
  4. D) okay

In unserem Wortschatz steckt schon lange die Erkenntnis: Wir merken uns, was "merk­würdig" ist. Hervorstechende Nasen sind offenbar "her­vorragend" geeignet, in unserem Gedächtnis Eindruck zu hinterlassen. Das gibt mir Hoffnung, denn ich habe zwar nur manchmal den richtigen Riecher, aber immer einen richtigen Zinken.

Die Studie brachte noch ein weiteres überra­schendes Ergebnis: Die Probanden erinner­ten sich häufiger falsch an hübsche Gesichter. Sie meinten also eher, jemanden schon mal gesehen zu haben, der gar nicht unter dem Lernmaterial war. Ein möglicher Grund: Attraktive Gesichter sind häufig eher durchschnittlich. So kann man "Schönheit" zum Beispiel am Computer erzeu­gen, indem man viele Porträts übereinanderlegt.

Aber was heißt das alles für die nächste Party? Nur gut aussehende Leute einzuladen, ist lang­weilig. Und statt sich aufzuhübschen, könnten Sie sich ja zu Versuchszwecken einmal bewusst "runterbrezeln". Sie werden besser in Erinne­rung bleiben! Blöd nur, dass seit dieser Studie der beste Gesprächseinstieg ein eher zweifelhaftes Kompliment geworden ist: "Ich kenn Sie doch von irgendwoher …"

5/2014

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 5/2014

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