Wenn wir in den nächsten fünf Jahren nicht die Weichen in unserer Energieversorgung grundlegend umstellen, sinken unsere Chancen gewaltig, dass wir den menschgemachten Klimawandel auf ein noch erträgliches Niveau begrenzen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA). Ich denke, dass dies stimmt!

Die Argumentation der IEA hat allerdings zwei kleinere Haken: zum einen die Gleichsetzung von Klima- und Energiepolitik, zum anderen die Festlegung auf das 2-Grad-Celsius-Schutzziel – also die Begrenzung des Anstiegs der global gemittelten Lufttemperatur bis 2100 auf 2 Grad Celsius bei gleichzeitiger Stabilisierung der neuen Mitteltemperatur. Ersteres bedeutet, dass sich die Anstrengungen fast ausschließlich auf Kohlendioxid beziehen sollen, während andere klimarelevante Emissionen durch Menschen wie etwa Methan vernachlässigt werden. Das 2-Grad-Ziel wiederum ist eine politisch griffige Formulierung, die sich einige Wissenschaftler erdacht haben, um den politische Prozess zu befördern.

Hans von Storch
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Ein Protagonist dieser Marke antwortete auf die Frage, warum eine solche "magische" Grenze in die Welt gesetzt wurde, an die sich alle Länder sklavisch halten sollten: "Die Politik hat gerne klare Vorgaben (…), seien wir doch ehrlich. Selbst wenn wir das 2-Grad-Ziel ansteuern, werden wir am Ende etwas oberhalb davon landen." 2,1 Grad Celsius reichen also offenbar auch – und 2,5 Grad Celsius vielleicht ebenfalls. Und deshalb dürften die fünf Jahren der IEA wohl je nach Ehrlichkeit eher bei 6 oder sogar 10 Jahren zu veranschlagen sein.

Unabhängig davon, ob es nun genau fünf oder vielleicht doch zehn Jahre sind: Sicher ist, dass die Investition in fossile Energieerzeugung deutlich abgebremst werden müssen, um den Klimawandel zu begrenzen. Wir haben also eine klare Argumentation, dessen ultimativ formulierter Fahrplan sich auf wissenschaftliche Autorität beruft. Aber es passiert wenig, die Weltgemeinschaft bockt trotz der alarmierenden Veröffentlichungen.

Warum verhält sie sich so? Für einige meiner US-amerikanischen Freunde ist die Lage eindeutig: Eine moralisch minderwertige, geldgierige Bande von Interessenvertretern sabotiert die Implementierung der offensichtlichen Lösung des Problems durch irreführende Propaganda. Man denke nur an die Arbeit der Tabaklobby. Wir als Wissenschaftler müssten daher noch wirksamer argumentieren – und für manche heißt das: noch mehr Zukunftsangst schüren.

Kohlekraftwerk
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Mit einer drastischen Warnung ging die Internationale Energieagentur vor Kurzem an die Öffentlichkeit: Die Erderwärmung sei kaum noch aufzuhalten. "Wir steuern auf ein Sechs-Grad-Szenario mit katastrophalen Folgen zu", sagte IEA-Chefökonom Fatih Birol bei der Vorstellung des World Energy Outlook 2011. Das Zeitfenster, um das Zwei-Grad-Ziel zur Stabilisierung des Weltklimas zu erreichen, schließe sich in den kommenden Jahren, so der Tenor den Berichts, denn bis 2035 werde der Energieverbrauch weltweit um ein Drittel steigen – fast ausschließlich in den Schwellenländern. Dabei spielen die erneuerbaren Energien eine immer größere Rolle: Ihr Anteil erhöht sich bis 2035 von heute 13 auf 18 Prozent. Doch auch für Kohle, Öl und Gas legen stark zu. Die Kohlendioxidemissionen im Jahr 2010 geben der Agentur recht: Sie erreichten mit weltweit 33 Milliarden Tonnen einen neuen Höchststand.
Meine Erklärung für das gesellschaftliche Abblocken ist jedoch gerade diese kurzsichtige Strategie von jenen, die sich berechtigt Sorgen um das Klima machen, die aber in wenig nachhaltiger Weise unser Kapital verbrennen: das der Interpretationsautorität der Wissenschaft in der Bevölkerung. Es verschwindet in kurzfristigen Feuerwerken dramatischer Meldungen.

Wenn ich Vorträge vor Laienpublikum gebe, mache ich seit einiger Zeit eine kleine informelle Umfrage. Diese ist natürlich nicht repräsentativ, aber erlaubt mir doch eine Einschätzung, was Menschen denken. Meist liegt die Anzahl jener, die sich selbst Klimaskeptiker nennen, in der Größenordnung von 30 Prozent der Zuhörer. Allerdings leugnet von diesen kaum jemand, dass es wirklich wärmer wird oder dass menschgemachten Faktoren eine Rolle spielen. Aber für diese Menschen sind diese Einflüsse eben wirklich nur einer der Faktoren, die das Klima bestimmen. Und "dumm" sind diese Menschen bestimmt nicht; vielmehr handelt es sich in der Regel um sehr gebildete Menschen, oft mit akademischen Abschlüssen, auch Professoren in Fächern wie Physik, Chemie, Ingenieurwissenschaften oder Geologie.

Unsere Rhetorik der Klimaforscher zündet also nicht beziehungsweise zündet nicht mehr. Ein Problem, das nicht wirklich neu ist, wie ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Eine Autorität erklärt etwas für verbindlich – und die Menschen blocken ab. Dieses Verhalten des Volks brachte schon im Mittelalter die christlichen Kirchen zur Verzweiflung. Sie verschärften dann ihre Predigten – also ihre Rhetorik –, um die Menschen vom vermeintlich falschen Weg abzuhalten. Heute zeichnen sich Parallelen in der Rhetorik zur so genannten Klimakatastrophe ab, die von einem tatsächlichen Konsensus zur Erwärmung und dem menschlichen Beitrag dazu ausgehend erklärt, dass wissenschaftlich alle geklärt sei. In diesen Konsens werden dann alle möglichen populären Aussagen zu Eisbären, Malaria, Hurrikanen und fast alle anderen gegenwärtigen meteorologischen Extremereignisse einverleibt. Bisweilen tauchen darin sogar Tsunamis auf.

Nicht, dass "die" Wissenschaft diese Aussagen in ihrer Breite trifft, aber doch die medial wahrgenommene "Wissenschaft". Ein Drittel der Menschen – die "Kritiker" – nimmt diese Übertreibungen jedoch nicht ab. Stattdessen schöpfen sie Verdacht, dass die restlichen Thesen zur Erwärmung und den dahinter stehenden Gründen nicht stimmen könnten oder ungenau sind. Das gilt vor allem dann, wenn man beispielsweise als Professor der Physik von einem Meteorologen mit oberflächlichen Argumenten zum Strahlungshaushalt der Erde abgespeist wird.

Die Autorität der Wissenschaft, mit der sie der Öffentlichkeit komplexe Vorgänge erklärt, hat deshalb gelitten. Das fing beim "Waldsterben" an – wo es in der Berichterstattung ebenfalls zu Übertreibungen kam –, und setzt sich heute in der Klimaforschung fort. In beiden Fällen liegt es daran, dass eine sehr wohl für die Gesellschaften der Welt wichtige Nachricht in nicht nachhaltiger Weise gemanagt wurde und wird: durch voreilige Feststellungen von "Fakten", den Gebrauch unzureichend geprüfter Daten und durch unzulängliche Verallgemeinerungen.

Zwei Beispiele: Nach den beiden jüngsten kalten Wintern hierzulande machten Meldungen aus Forscherhand rasch die Runde, dass dies wegen des menschgemachten Klimawandels ebenfalls so sein müsse – eine Feststellung, die durchaus richtig sein kann, die aber besser erst in der wissenschaftlichen Gemeinschaft diskutiert werden sollte, bevor sie auf dem öffentlichen Marktplatz als Faktum hinausposaunt wird. Die Überzeugten verstehen sie wohl als Bestätigung der eigenen Meinung, aber manche kritischen Menschen denken wohl eher, dass die Wissenschaft es wieder so hindrehe, wie es in ihre vorgefertigte Meinung passt. In diese Kategorie fällt auch das Schicksal der Eisbären: Sie haben Phasen mit geringer Sommereisbedeckung in der Arktis in den letzten 10 000 Jahren überlebt, nun droht ihnen ausgerechnet heute das Aussterben wegen Eismangels – ohne dass die Frage nach dem "Warum" geklärt ist. Das hinterlässt Zweifel bei kritischen Lesern und verbraucht das Kapital der Klimaforscher!

Hockeyschlägerkurve
© Michael Mann, Pennsylvania State University
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An dieser Grafik scheiden sich die Geister: Vielen Klimaforschern gilt sie als Beleg für die starke Erderwärmung der letzten Jahrzehnte. Das so genannte Hockeyschläger-Diagramm stammt aus einer 1999 veröffentlichten wissenschaftlichen Untersuchung von Michael Mann von der Pennsylvania State University. Die Grafik zeigt die rekonstruierte und seit dem 19. Jahrhundert gemessene Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur während der letzten 1000 Jahre: Unverkennbar ist die starke Erwärmung seit dem Zweiten Weltkrieg. Kritiker monieren, dass die Kurve auf Grund von statistischen und rechnerischen Fehlern ein Artefakt sei. Zahlreiche weitere Rekonstruktionen, die die vorherigen Kritikpunkte berücksichtigen, zeigen jedoch den gleichen Trend.
Umgekehrt können wir es wiedergewinnen: Es schafft Kapital, wenn wir eine falsche Karte im Times-Atlas zum Abschmelzen Grönlands umgehend als falsch bezeichnen, ohne Rücksicht darauf, dass diese Aussage vielleicht von Skeptikern "missbraucht" werden könnte. Den viel diskutierten Hockeystick zur Erwärmung der letzten Jahrzehnte als methodisch unbrauchbar zu bezeichnen, fällt nicht unter Nestbeschmutzung, sondern sehe ich als Nestreinigung.

Wir Wissenschaftler haben meiner Meinung nach leider selbst dafür gesorgt, dass die Gesellschaften dieser Welt unser Thema und unsere Sorgen nicht (mehr) so ernst nehmen, wie es wohl angemessen wäre. Aus Begeisterung über die Perspektive, die Welt vor Unheil zu bewahren, haben wir überverkauft – uns und unser Wissen über das Funktionieren des Klimas und seiner Wirkung auf Menschen, Gesellschaften und Ökosysteme. Das ist keine gute Nachricht.

Der im Kern einfache klimadeterministische Ansatz, wonach das Klima und sein Wandel bestimmen, wie wir leben, was wir tun müssen, ob wir vermehrt Nierensteine kriegen oder Eisbären aussterben, ist viel zu simpel. Vielmehr gibt es zahlreiche globale Probleme, die gleichzeitig und untereinander abgestimmt politisch angegangen werden müssen. Die Lösungen haben sehr viel zu tun mit Werten und kulturellen Vorstellungen, von denen Naturwissenschaftler nicht mehr verstehen als jeder andere Bürger auch. Was wir brauchen ist eine Neubestimmung dessen, was die Gesellschaft von der Wissenschaft erwartet – und welches nützliche und belastbare Wissen die Forschung der Gesellschaft anbieten kann. Hier sind gerade auch die Sozial- und Geisteswissenschaften gefordert.

Die IEA-Forderung des deutlichen Kurswechsels in den kommenden fünf Jahren ist daher gut gemeint, aber billig in der Rhetorik. Sie erreicht nur die Überzeugten. Von Zweiflern wird sie aber einmal mehr mit einem Schulterzucken abgetan: als "mehr von den Übertreibungen, die wir schon kennen".