Der Futurist und Google-Ingenieur Ray Kurzweil sagt einen Zeitpunkt in der Zukunft voraus, ab dem der Mensch sein Gehirn "auslagern" werde und künstliche Intelligenz menschliche Intelligenz übersteige. Nach derzeitigem Stand soll es mit dieser "Singularität" im Jahr 2045 so weit sein. Die Datenwissenschaftlerin Cathy O'Neil, Autorin des Buchs "Weapons of Math Destruction: How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy", datiert den Zeitpunkt schon viel früher. Die Singularität, schreibt sie in ihrer "Bloomberg"-Kolumne, sei längst eingetreten. Und zwar in Gestalt von Donald Trump.

Die Beobachter streiten darüber, wann der Selfmademan seinen Entschluss fasste, als Präsident der Vereinigten Staaten zu kandidieren. Die meisten sehen das 2011 White House Correspondents' Association Dinner als Initialzündung, als ihn der damalige Präsident Barack Obama vor der versammelten Hauptstadtpresse der Lächerlichkeit preisgab. O'Neil hat eine andere These: Sie tippt auf den 29. August 1997 – jenen Tag, an dem Skynet Bewusstsein erlangte.

Skynet ist das Computersystem aus dem Sciencefiction-Film "Terminator", das mittels einer Zeitmaschine einen Cyborg zurück ins Jahr 1984 teleportiert, der Aufständische bekämpfen und dabei die Menschheit auslöschen soll. Skynet sei das Exempel einer "dystopischen Singularität", eines Punkts, an dem sich das Geschöpf gegen seinen Schöpfer wendet und es kein Zurück mehr gibt. O'Neil denkt, dass Trump ein solches Roboternetzwerk repräsentiert. Die Autorin, ganz Wissenschaftlerin, wildert aber nicht im Reich der Sciencefiction, sondern erklärt nüchtern, warum Trump als eine künstliche Intelligenz interpretiert werden könne.

Trump, so beginnt die Datenwissenschaftlerin ihre Theorie, sei ein maschinell lernender Algorithmus. Der US-Präsident operiere wie eine Maschine nach der Trial-and-Error-Methode. Er experimentiere damit, den Diskurs in die eine oder andere Richtung zu lenken, und "lernt", wie die Masse reagiert. Gibt es keine Reaktion, spricht Trump das Thema nicht mehr an. Reagiert die Menge empört, registriert Trump den Impuls und lernt dazu.

Die Vorstellung, dass im Weißen Haus ein erratischer Algorithmus sitzt, ist ein Albtraum für die Demokratie

Und das, so O'Neil, sei genau so, wie ein Algorithmus trainiert würde. Der Algorithmus starte neutral, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier (das Trump bis vor seiner Kandidatur war), und lerne hinzu. Er schlägt den Pfad der Trainingsdaten ein. Trump twitterte am 6. Februar 2017: "Ich zähle meine eigenen Schüsse (shots), die größtenteils auf der Akkumulation von Daten basieren. Jeder weiß das." Offenbarte der Algorithmus hier seine Programmiervorschriften?

Trumps Trainingsdaten bestehen aus Twitter-Feeds und -Bots, dazu der Input seiner Berater und Fernsehen. Das Problem, so O'Neil, bestehe darin, dass Trump mit verzerrten Daten trainiert würde. Den Trainingsdaten fehlten wesentliche Elemente wie das Verständnis der Verfassung, rechtliche Hintergründe sowie ein moralischer Kompass. Trump sei wie ein Algorithmus agnostisch, er habe keine festen Überzeugungen. In diesem Sinn sei er "völlig objektiv, moralisch neutral", konstatiert O'Neil. Er folge nur den Zahlen.

Man könnte den Beitrag wie eine Glosse lesen, doch die Autorin meint es ernst. "Wir haben es mit dem Äquivalent eines dynamischen neuronalen Netzes zu tun, das unsere Regierung führt. Es ist ethikfrei und wird mit verzerrter Alt-Right-Ideologie gefüttert. Wie die meisten opaken KI-Systeme ist es nicht rechenschaftspflichtig, kreiert Rückkopplungsschleifen und horrende Externalitäten." Trump könnte durch einen Algorithmus ersetzt werden.

Gewiss, wer Trump als Maschine begreift oder modelliert, bagatellisiert Verletzungen der Verfassung und Menschenrechte als technischen Defekt, als Fehler im System. Doch O'Neils Analyse hat etwas Verstörendes und zugleich Triftiges, weil Trumps gestanzte Phrasen mit der Regelmäßigkeit und im Duktus eines Bots daherkommen. Trump ist eine Maschine, die Politik mit der Kompromisslosigkeit eines Roboters exekutiert.

Die Vorstellung, dass im Weißen Haus ein erratischer Algorithmus sitzt, der nichts weiter als eine in Programmiersprache geschriebene Handlungsanweisung für Maschinen ist und einer Input-Output-Logik folgt, ist ein Albtraum für die Demokratie. KI-Algorithmen sind eine Blackbox, ein Arkanum, das sich keiner allgemeinen Überprüfbarkeit unterziehen lässt. Eine automatisierte Politik ist eine deterministische und autoritäre, die keinen Widerspruch duldet.

Der einzige Weg zu intervenieren, resümiert O'Neil, wäre, die Trainingsdaten unbrauchbar zu machen, was eine unlösbare Aufgabe wäre. Vielleicht muss doch jemand eine Zeitmaschine bauen, um zu verhindern, dass Donald Trump die USA und womöglich die ganze Welt zurück ins 19. Jahrhundert der Nationalismen katapultiert.