Kaum etwas hat der Klimawandel so verändert wie die politische Großwetterlage. Das zeigt das Verhandlungsergebnis der Pariser Klimakonferenz. Nicht nur, dass die Vertragsparteien die vielleicht letzte Gelegenheit genutzt haben, ein völkerrechtlich bindendes Dokument als Nachfolger für das Kyoto-Protokoll zu schaffen – es ist auch alles andere als der kleinste gemeinsame Nenner. Anders als in Kopenhagen ist es dieses Mal der Koalition der Ambitionierten, geführt von der EU und den Regierungen der kleinen Inselstaaten, gelungen, die skeptischen Staaten mit ins Boot zu holen.

Politisch ist der Vertrag ein bemerkenswerter Erfolg, doch die neue Stimmung birgt auch Gefahren. Mit dem nun erstmals festgeschriebenen Ziel, den Anstieg des globalen Temperaturmittels auf unter 1,5 Grad zu begrenzen, werden auch die Diskussionen um Geoengineering und andere drastische Maßnahmen zum Klimaschutz Fahrt aufnehmen. Die Weltgemeinschaft setzt sich quasi selbst die Pistole auf die Brust – sie muss nun liefern.

Liefern um welchen Preis? Die ambitionierten Ziele des Pariser Abkommens legen Methoden nahe, von denen man bisher mit gutem Grund gerne abgesehen hat. Bei den nun folgenden Diskussionen über konkrete Klimaschutzmaßnahmen täte man gut daran, nicht aus den Augen zu verlieren, dass auch der Klimaschutz potenzielle Risiken birgt, nicht zuletzt, wenn man ambitionierte Ziele mit radikalen Maßnahmen zu erreichen sucht.

Klar ist bereits jetzt: Schon für das Zwei-Grad-Ziel brauchen wir wahrscheinlich negative Emissionen im großen Stil – das heißt Techniken, die der Atmosphäre große Mengen Kohlendioxid entziehen. Ein Beispiel eines solchen Verfahrens ist CCS, das so genannte Carbon Capture and Storage. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung der Rauchgasentschwefelung, nur dass man eben nicht den Schwefel abfängt, bevor er oben aus dem Schornstein kommt, sondern den Kohlenstoff. Dieses Verfahren ist sogar schon technisch erprobt.

Der Haken an CCS offenbart sich bei näherer Betrachtung. Die viel gelobte Pilotanlage am Kraftwerk Schwarze Pumpe ist seit 2014 außer Betrieb, die Technik kommt jetzt in Kanada zum Einsatz, wo das herausgefilterte Kohlendioxid dankbare Abnehmer findet: Die Ölindustrie verwendet es, um bisher unzugängliches Erdöl aus dem Wirtsgestein zu lösen.

Das ist nicht eben eine ermutigende Bestandsaufnahme. Viele Parteien, an vorderster Front die akut bedrohten Inselstaaten, werden deswegen mit Recht fordern, dass alle Möglichkeiten auf den Tisch kommen, die Erderwärmung zu begrenzen.

Ein zwischenzeitlich aus der Mode gekommenes Verfahren ist die Eisendüngung im Ozean. Damit sollte das Plankton zum Wachsen angeregt werden und so Kohlendioxid aus der Atmosphäre in den Sedimenten der Tiefsee dauerhaft verschwinden. Bis heute ist nicht klar, ob das funktioniert und welche Folgen es für den Ozean hat, wenn man das Verfahren im großen Stil einsetzt.

Für das so genannte Geoengineering gilt das umso mehr: Kühlende Schwefelaerosole in der Stratosphäre, Wolkentürme über dem Ozean, vielleicht darf es auch ein Sonnenschild im Weltall sein? Sie sind nicht erprobt, ihre Folgen sind weitgehend unbekannt – doch ohne sie wird man kaum eine realistische Perspektive haben, den Temperaturanstieg unter den jetzt in Paris vereinbarten 1,5 Grad zu halten.

Darauf werden sich nun jene berufen, die sich für solche Maßnahmen jenseits der bloßen Kohlendioxidreduktion aussprechen. Nicht zuletzt auch solche Parteien, die andere Verfahren nicht nur als Ergänzung zum völligen Verzicht auf fossile Brennstoffe sehen, sondern als Alternative. Dass dieser Verzicht am Ende der Pariser Konferenz noch aus dem Vertrag gestrichen wurde, sollte als deutliches Warnsignal dienen. Der Vertrag von Paris macht den Weg frei – aber er führt in ein Minenfeld.