Wenn ich ausrechne, wie viele Treibhausgase auf mein Konto gehen, (beispielsweise mit dem Onlinerechner des Umweltbundesamts), muss ich meinen Kalender durchgehen und die vielen beruflichen und privaten Reisen zählen. Da kommen einige Tonnen Kohlendioxid im Jahr zusammen, und ich liege deutlich über dem Durchschnitt in Deutschland, obwohl ich kein Auto besitze. Dann suche ich mir mit meinem schlechten Gewissen einen Anbieter wie Myclimate, Atmosfair oder meine Fluggesellschaft und kompensiere die Emissionen, die ich zu verantworten habe. Mit meinem Geld werden Bäume gepflanzt, glaube ich – das klingt doch gut.

Solche Maßnahmen, der Luft das Kohlendioxid wieder zu entziehen und im Holz zu speichern, sind umstritten. Manche Kritiker fragen, ob die Projekte wirklich effektiv und nachhaltig sind. Weil es in dieser Kolumne um moralische Fragen geht, will ich aber davon ausgehen, dass die Projekte tatsächlich das Klima schützen. Stattdessen möchte ich mich dem moralischen Einwand widmen: Darf man sich von seinen Sünden freikaufen, wenn man doch eigentlich seinen Lebensstil ändern sollte? Der Papst bemüht laut dem Portal katholisch.de einen harten Vergleich: Das sei doch so, als würde ein Rüstungskonzern Krankenhäuser für die Menschen bauen lassen, die durch seine Waffen verletzt werden.

Bequemlichkeit, die man sich leisten kann

Beim Kohlendioxid ist es aber anders, denn hier wird niemandem geschadet: Das Treibhausgas wird der Atmosphäre wieder entzogen und kann dann nicht mehr zur Erwärmung beitragen. Das ist – wenn es funktioniert – eine saubere Lösung. Der US-amerikanische Philosoph und Autor Michael Sandel trifft es besser mit einer Geschichte, die er gerne erzählt: 1998 führten einige israelische Kindergärten eine Strafgebühr ein, wenn Eltern ihre Kinder zu spät abholen. Doch das hatte nicht den gewünschten Effekt: Vielmehr verdoppelten sich die Verspätungen, weil sich die Eltern nun von ihrem schlechten Gewissen freikaufen konnten. Analog dazu könnten auch die Kompensation von Emissionen dazu führen, dass klimaschädliches Verhalten zementiert und vielleicht sogar verstärkt wird.

Aber wenn man einen Schritt zurücktritt, dann sieht die Lage doch so aus: Jeder sollte Verantwortung für seinen Dreck übernehmen, und ich kann es mir leisten, andere fürs Saubermachen zu bezahlen. Warum sollte das im Klimaschutz verwerflich sein, wenn es in anderen Bereichen des Lebens erlaubt ist, sich Bequemlichkeit zu leisten. Der Unterschied zu anderen Bereichen des Lebens liegt darin, dass die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten ihre Emissionen praktisch auf null senken muss, wenn sie ihre Ziele im Klimaschutz einhalten will. Der Weltklimavertrag von Paris fordert, den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad Celsius, vielleicht sogar unter 1,5 Grad Celsius zu halten (Artikel 2.1a). Welches Ziel gilt, ist noch offen, aber klar ist, dass beide Zielmarken nur durch eine radikale Reduktion der Emissionen eingehalten werden können. Daher muss ich mir die Frage gefallen lassen, ob auch alle anderen Menschen ihre Emissionen kompensieren dürfen wie ich. Wenn man für einen Großteil der Menschheit Wälder aufforsten müsste, würde man dafür einen guten Teil der derzeitigen Ackerflächen benötigen. Das kann ja nicht die Lösung sein.

Der Preis ist zu niedrig

Keith Hyams von der University of Reading und Tina Fawcett von der Oxford University, aus deren Artikel "The Ethics of Carbon Offsetting" ich für diese Kolumne viel gelernt habe, weisen an dieser Stelle im Argument auf einen wichtigen Punkt hin: Ich komme mit meiner Klimakompensation billig weg – viel zu billig, weil sich nur wenige am modernen Ablasshandel beteiligen. Anna Segerstedt und Ulrike Grote von der Universität Hannover geben ein Beispiel: Sie haben 450 deutsche Touristen befragt, die in den letzten Jahren nach Afrika, Asien oder Lateinamerika geflogen sind. Nur etwa die Hälfte kannte die Kompensationsmöglichkeiten und nur acht Prozent hatten sie schon einmal genutzt. Eine Mehrheit lehnte die Angebote als Maßnahme zum Klimaschutz übrigens ab.

Aus diesem Grund kostet mich die Neutralisierung einer Tonne Kohlendioxid nur 20 bis 25 Euro. Wäre ich auch dabei, wenn es das Doppelte oder Dreifache wäre, weil die Nachfrage größer ist? Hyams und Fawcett sind skeptisch: "Das vielleicht größte Problem besteht darin, dass die Kompensationsangebote die Tatsache ausnutzen, dass die meisten Menschen und Organisationen nur wenig motiviert sind, ihre Emissionen zu senken", schreiben sie. Sollten die Preise steigen, würden viele zurückschrecken – und die Preise würden wieder sinken. Segerstedt und Grote haben in ihrer Umfrage herausgefunden, dass eine Mehrheit stattdessen eine Steuer auf Kohlendioxid vorziehen würde. Eine solche Steuer würde alle dazu anregen, sparsamer mit fossilen Brennstoffen umzugehen, und die Einnahmen könnten in den Klimaschutz fließen. Doch eine solche Steuer gibt es nicht. Daher werde ich meine Flüge und Bahnfahrten jetzt erst einmal kompensieren – und dann überlegen, wie ich mein Treibhausgaskonto weiter reduziere.

Die Moral von der Geschichte: Ich muss meinen Lebensstil ändern und weniger reisen. Sie auch?