In diesem Herbst ist Bundestagswahl. Ich habe mir deshalb einmal die Grundsatzprogramme all derjenigen Parteien angesehen, die gute Chancen haben, im nächsten Bundestag vertreten zu sein. Mich hat dabei interessiert, was sie zum Thema Sprache zu sagen haben. Das Bild der Linguistik von der Sprache befindet sich in einem tief greifenden Wandel. In einem Beitrag in der Februar-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft" haben Paul Ibbotson und Michael Tomasello gezeigt, wie die vorrangig auf festen Regelsystemen beruhende frühere Deutung sprachlicher Strukturen durch eine gebrauchsbasierte ersetzt werden kann.

Ein solches neues Bild der Sprache hat nicht nur vielfältige Konsequenzen für alle Bereiche der Linguistik, sondern wirkt sich auch auf die gesellschaftliche Sicht auf Sprache aus, die sich in sprachpolitischen Programmen niederschlägt. Die CDU mit ihrem Grundsatzprogramm von 2007 und die Grünen (2002) markieren in dieser Hinsicht bei den etablierten Parteien die deutlichsten Positionen: Beide betonen die Bedeutung der Sprache für das öffentliche Leben in Deutschland und die Bildung, und beide Parteien bekennen sich zu ihrer Verantwortung für das Deutsche, ohne dies näher auszuführen. Die CDU erwähnt darüber hinaus auch die Notwendigkeit islamischer Religionslehre in deutscher Sprache, die Deutsch-Vermittlung im Ausland durch die Goethe-Institute und ganz generell die Bedeutung der deutschen Sprache für die Identität des Landes.

CSU (2016), SPD (2007) und FDP (2012) beschränken sich auf allgemeine Feststellungen zur Rolle des Deutschen für das öffentliche Leben oder die Teilhabe daran durch Migranten, die FDP und die Grünen weisen explizit auf die Wichtigkeit von Mehrsprachigkeit hin. Auch andere Sprachen kommen in einigen Parteiprogrammen vor: So sprechen sich Die Linke (2011) in ihrer einzigen sprachbezogenen Position und auch die Grünen für den Schutz von Minderheitensprachen aus, während dies in ähnlicher Form die CSU für die deutschsprachigen Minderheiten in den ehemaligen deutschen Ostgebieten tut.

Die deutsche Sprache im Grundsatzprogramm der AfD

Die siebte Partei, die in den nächsten Bundestag einziehen könnte, ist die AfD. Ihr Grundsatzprogramm aus dem Jahr 2016 bietet ein ganz anderes Bild als das der etablierten Parteien gleich welcher Couleur. Zwar ist darin, bis auf die Förderung von Mehrsprachigkeit, das gesamte Spektrum von Positionen enthalten, wie sie auch in den Programmen der anderen Parteien zu finden sind. Darüber hinaus entwickelt die AfD in ihrem Programm jedoch eine Agenda für eine eigenständige Sprachpolitik, die in sechs Punkten zusammengefasst werden kann: Das Deutsche soll als Staatssprache ins Grundgesetz aufgenommen werden, Deutsch soll auch in der täglichen Verwaltungspraxis EU-Sprache werden, die "Ersetzung" des Deutschen auf Grund einer "falsch verstandenen 'Internationalisierung' durch das Englische" (S. 47) und die "Verunstaltung der deutschen Sprache" (S. 55) durch "behördlich verordnete geschlechterneutrale Worterfindungen" (ebd.) sei zu stoppen und das Deutsche als Lehrsprache an Hochschulen zu erhalten. Schließlich wird gefordert: "Die Digitalisierung der deutschen Literatur ist eine von Deutschland zu leistende, hoheitliche Aufgabe", die professionell "durch Experten für deutsche Sprache und Literatur" (S. 70) zu leisten sei. Eine Kurzversion dieser sprachpolitischen Agenda findet sich auch im Wahlprogramm der AfD, das gestern veröffentlicht wurde.

Was hat das zu bedeuten? Das Hauptziel der AfD dürfte die Aufnahme des Deutschen als Staatssprache ins Grundgesetz sein. Daraus ließen sich konkrete Gesetzgebungsinitiativen ableiten, die die anderen Programmpunkte umzusetzen erlaubten. Es fällt auf, dass insbesondere diese Partei, die sich als eine neue, sich den Interessen der Deutschen besonders verpflichtet sehende politische Kraft begreift, diese so weitgehenden sprachpolitischen Positionen vertritt. Die Betonung des Deutschen scheint dabei die positive Entsprechung zu den Programmpunkten zu sein, die eher den Charakter einer Abwehr von äußeren Bedrohungen besitzen: gegen Einwanderung, den Islam, den Euro und das Gender-Mainstreaming. Dieser von außen über Deutschland gekommenen Unbill soll mit der deutschen Sprache offenbar das unstrittig Ureigene entgegengesetzt werden.

Die eigene Sprache als das Nationale light

Claus Leggewie hat kürzlich den Erfolg der europäischen Populisten mit einem ins Kulturelle verschobenen Klassenkampf erklärt. Dieser Kampf wird nicht wie früher zwischen den Arbeitern und ihren bürgerlichen Ausbeutern ausgetragen, und er kann daher auch nicht auf die alten Kampfbegriffe zurückgreifen. Stattdessen tobt er zwischen den Gewinnern von Globalisierung und Modernisierung auf der einen Seite und denjenigen, die sich davon irgendwie ausgeschlossen fühlen, auf der anderen. In der postmodernen Identitätspolitik der Ersteren haben Begriffe wie "Nation" und "sprachliche Identität" keinen Platz mehr, weshalb sie so bereitwillig von rechtspopulistischen Bewegungen aufgegriffen werden.

Politische Anliegen über Forderungen zur deutschen Sprache zu vermarkten, ist für die AfD auch deshalb zweckmäßig, weil Sprache ein so unbelasteter, durch und durch positiv konnotierter Begriff ist, der auch bei Wählergruppen verfängt, die weniger empfänglich sind für offen nationalistische Forderungen. Ja, die deutsche Sprache wird hier für die Renationalisierung der deutschen Politik eingespannt und fungiert dabei gewissermaßen als das Nationale light.

Eine halbrunde Grünfläche mit akkurat geschnittener Mini-Hecke, kargem Blumenbeet, Rasen, zwei Lampen und einer Art Vase.
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(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDie Sprache als Garten
Nach strengen Regeln eingehegt – so wünschen sich Puristen die Sprache. Doch Sprache lebt vom Wildwuchs.

Dies funktioniert allerdings nur dann so richtig gut, wenn die sprachpolitischen Forderungen auf einem Bild von Sprache beruhen, das zu dieser allgemeinen politischen Agenda tatsächlich passt. Es ist das Bild von der Sprache als ein Park, der zu pflegen ist, damit er nicht verwildert. Dieser Park ist ein uns von unseren Vorfahren übergebenes Kulturgut, und er bietet den heimischen Wort-Pflanzen eine geschützte Heimstatt. Bedroht ist er, wenn Pflanzen eingeschleppt werden, die nicht zu diesem Sprach-Biotop passen und womöglich die heimischen Pflanzen verdrängen. Der Park ist vor allem für die Bürger in der Umgebung gedacht, und wenn jemand von außerhalb kommt, darf er zwar hinein, muss sich aber an die Parkordnung halten. Campieren, Grammatik-Bäume fällen oder Wort-Setzlinge pflanzen ist nicht erlaubt. Das Sprach-Gartenamt kontrolliert den Park in regelmäßigen Abständen und schreitet ein, wenn es geboten erscheint.

Das neue Bild der Sprache

Dies ist nicht das Bild der Sprache, das die Linguistik heute zeichnet. Das gebrauchsbasierte Bild der Sprache, wie es Ibbotson und Tomasello in dem erwähnten Beitrag beschreiben und das sich immer mehr durchsetzt, lässt sich eher mit einem Gewässer vergleichen, das uns alle mit seinem Wort-Wasser umgibt. In ihrer Gesamtheit verändern die Lebewesen in diesem Gewässer nach und nach seine Zusammensetzung durch ihren sprachlich-kulturellen Stoffwechsel, aber einzelne oder auch ganze Gruppen von Lebewesen schaffen es nicht, selbst wenn sie es sich vornehmen, die Zusammensetzung des Sprach-Wassers in ihrem Sinne zu steuern. Dazu gibt es viel zu viel Wasser, und umrühren können es die Lebewesen auch nicht. Glücklicherweise gibt es sprachbiochemische Prozesse, die das Gewässer immer wieder ins kommunikative Gleichgewicht bringen. Verschiedene Gewässer sind miteinander verbunden, und so kommt es zu Strömungen und zu Wanderungen der Lebewesen in den Sprach-Gewässern. Diese wirken sich nach und nach auch auf die Zusammensetzung des Wort-Wassers aus. Alles zusammen, das Wasser, die Lebewesen und das Gewässer selbst mit seinen Eigenschaften, bilden ein Ökosystem, das sich immer wieder auspendelt und dann optimal auf das kommunikative Lebensumfeld eingestellt ist.

Sprachwissenschaftlich formuliert nimmt das gebrauchsbasierte Bild der Sprache die reale Sprachverwendung ernst und untersucht sie in großen Textkorpora. Dabei findet die Linguistik Varianz auf allen Ebenen der Sprache. Strukturen werden nicht durch starre Regelwerke beschrieben, sondern durch Konstruktionen, die sich im Gebrauch verfestigen oder abschwächen. Die gebrauchsbasierte Linguistik zeichnet also ein Bild der Sprache, das erstaunlich gut zu unserem Bild einer pluralistischen Gesellschaft passt, in der auf der Grundlage einer freiheitlich-demokratischen Ordnung Entwicklungen stattfinden, ohne dass diese zentralistisch gesteuert wären.

Die Bürgerinnen und Bürger des Landes bestimmen seine Geschicke, und die Politik formt und artikuliert die damit einhergehenden Interessen. Die deutsche Sprache lässt sich nicht in den Dienst von nationalistischen Programmen stellen, denn ein solches Bild der Sprache entspricht nicht ihrem pluralistischen und demokratischen Charakter.