Kein Zweifel: Al Gores Film "Eine unbequeme Wahrheit" über den Klimawandel und seine katastrophalen Folgen hat das US-amerikanische Volk über diese Thematik verständlich aufgeklärt und politisch wie ökonomisch Bewegung in den Klimaschutz durch die Vereinigten Staaten gebracht. Dafür gebührt dem ehemaligen Vize-Präsidenten der Regierung Clinton höchster Respekt. Doch rechtfertigt dies die Vergabe des Friedensnobelpreises an ihn – als hervorgehobene Persönlichkeit – und den Klimarat der Vereinten Nationen, den so genannten Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)?

"Gore und der IPCC haben schon sehr früh die Gefahren der globalen Klimaänderung erkannt. Wir möchten mit unserer Entscheidung die Aufmerksamkeit für dieses Thema weiter erhöhen", so Ole Danbolt Mjøs, der Vorsitzende des Nobelkomitees, bei der Bekanntgabe der Preisträger. Und weiter: "Gore ist seit Jahren einer der weltweit führenden Umweltschützer." Das stimmt alles, und doch beschleicht einen ein eher ungutes Gefühl bei der diesjährigen Auswahl des ehrwürdigen Komitees.

Dies hängt jedoch weniger mit dem Thema an sich zusammen. Denn der Klimawandel mit seinen weitaus überwiegend negativen Folgen wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenleben auf unserem Planeten maßgeblich mitbestimmen – inklusive neuer Verteilungskämpfe und sozialer Verwerfungen. Das zeichnet sich bereits heute in Ansätzen ab: Der Krieg in Darfur zum Beispiel ist nicht nur ethnisch und politisch begründet, sondern auch ökologisch, da zunehmende Wasserknappheit den Konflikt zwischen Nomaden und Bauern mit angeheizt hat.

Die Bewohner des vom Untergang bedrohten flachen Inselstaats Tuvalu im Pazifik haben bereits um Umweltasyl in Australien und Neuseeland nachgesucht, sollten ihre Eilande einst vom steigenden Meeresspiegel überflutet werden. Weltweit schreitet die Wüstenbildung voran und vertreibt Millionen Menschen von und aus ihrem Land. Seuchen breiten sich neu oder wieder in Regionen aus, in denen sie zuvor unbekannt oder erfolgreich bekämpft worden waren und wo steigende Temperaturen nun ihre Auftreten begünstigen. Und nach einem Bericht des Ökonomen und ehemaligen führenden Weltbank-Beraters Nicholas Stern für die britische Regierung könnte die Wirtschaft weltweit um ein Fünftel schrumpfen, müssten alle Kosten und Risiken durch die klimatischen Veränderungen gedeckt werden – ein Verlust, den Stern mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre vergleicht.

Es ist also gut und sinnig, dieses Thema mit dem höchsten und wichtigsten Preis zu bedenken, der zur Verbesserung der Welt vergeben werden kann. Dennoch ist Al Gore – und mit Abstrichen auch der IPCC als von Wissenschaftlern beratenes politisches Komitee – der falsche Preisträger. Das liegt weniger an den Fehlern, die Gores Film aufweist und die längst von Kritikern sowie jetzt erst wieder von einem britischen Gericht angemahnt wurden. An den hehren Absichten des Politikers ist ebenfalls nicht zu zweifeln.

Zu den größten Versäumnissen der Regierungszeit unter Präsident Clinton zählt aber, dass die USA das Kyoto-Protokoll zwar unterschrieben, jedoch nicht ratifiziert haben – das einzige Abkommen bislang, dass die Reduzierung von Treibhausgasen international festlegt. Der Nachfolger im Weißen Haus, George W. Bush, nahm diese Einladung dankend an und erklärte bald nach Amtsantritt den Rückzug aus dem Vertragswerk. Weit gehende Pläne anderer Industriestaaten zur Reduzierung ihrer Emissionen bezeichnete die Clinton-Administration zudem als "zu ambitioniert".

Und auch in den sonstigen nationalen Anstrengungen der Clinton-Jahre – als deren grünes Gewissen Al Gore zählt – sieht man wenig Initiativen in Richtung eines sparsameren Ressourcenverbrauchs: So wurden die Pläne für eine wegweisende Kohlenstoff-Steuer zu den Akten gelegt, Mittel für den öffentlichen Nahverkehr gekürzt, die als Privatfahrzeuge immer beliebteren schweren Geländewagen von Verbrauchsstandards ausgenommen und so weiter. An den Hebeln der Macht hat Gore für das Klima deshalb wenig bewirkt, wobei ihm natürlich zugute gehalten werden muss, dass der Handlungsspielraum eines Vize-Präsidenten der USA relativ eingeschränkt ist. Aktuell kritisieren außerdem viele Umweltschützer und Menschenrechtsaktivisten aus der ganzen Welt seinen Einsatz für Kraftstoffe aus der Landwirtschaft, die häufig Naturlebensräume kosten und die Nahrungsmittelpreise nach oben treiben.

Sein Film immerhin hat die Diskussion in den USA über den Klimwandel weiter belebt und die Wissenschaft hinter der Thematik alltagstauglich gemacht. In die Kinos kam er allerdings auch erst 2006 – und damit ein Jahr, nachdem die Hurrikane "Katrina" und "Rita" sowie die Verwüstung New Orleans drastisch gezeigt hatten, welche dramatischen Folgen die Erderwärmung haben könnte: "Eine unbequeme Wahrhheit" traf also bereits auf ein sensibilisiertes Publikum.

Konsequenter wäre es daher gewesen, das Nobelkomitee hätte beispielsweise Klaus Töpfer (von 1998 bis 2006 Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen) oder gar eine Umweltschutzorganisation wie Greenpeace mit dem Preis ausgezeichnet. Sie warnten schließlich schon vor dem Klimawandel, als dies noch unbequem war und nicht dem Zeitgeist entsprach. So aber muss der Titelträger Al Gore wohl vor allem als eines gelten: als schallende Ohrfeige für George W. Bush und dessen beharrliche Weigerung, einen Teil zum Klimaschutz beizutragen.