Der Messengerdienst Snapchat hat vor ein paar Wochen seine neue Funktion "Snap Map" eingeführt, mit der man Freunden in Echtzeit seinen Standort mitteilen kann. Auf einer Karte sieht man, dass Freund X gerade während eines Metrostreiks in Paris ist oder auf einem Sommer-Festival in Kalifornien. Zwar ist die Nutzung der Funktion freiwillig. Doch wer nicht aufpasst, verrät unfreiwillig seinen Standort. Jedes Mal, wenn man die App öffnet, postet Snapchat den Aufenthaltsort – und nicht nur, wenn man Snaps, also Foto- und Videoschnipsel teilt. Der Journalistin Dani Deahl, Reporterin beim Tech-Blog "The Verge", gelang es mit ein paar Klicks, die genaue Adresse einer Freundin – deren Anschrift sie offenbar nicht kannte – herauszufinden.

Sie griff zum Telefon und fragte ihre Freundin: "Wohnst du an dieser Kreuzung? Ist das deine Adresse?" Die Freundin war perplex. Snapchat weiß zu jeder Zeit, wo man sich aufhält.

Reporterin Deahl entwarf gleich mehrere Horrorszenarien: Was wäre, wenn man nachts allein zu Hause ist und die App öffnet? Was würde passieren, wenn man spazieren geht und eine Snap-Nachricht liest? Das wäre eine Einladung an alle Kriminelle. Stalker könnten einem nachts nachstellen, Diebe ihren Opfern auflauern, während die sich noch auf dem Nachhauseweg befinden. Elternverbände in den USA waren alarmiert: Die neue Funktion sei ein Albtraum für die Privatsphäre und ein Traum für Stalker und Pädophile. Die Polizei im englischen Preston warnte auf ihrer Facebook-Seite, man solle vorsichtig mit der Funktion umgehen und zur Not den Geister-Modus aktivieren.

Die Aufregung um die neue Karte wirkt insofern etwas künstlich, als Snapchat schon vor dem Launch des Features wusste, wo sich seine Nutzer aufhalten. Wie sonst sollen Geofilter vom Brandenburger Tor oder dem Eiffelturm funktionieren, die einem automatisch bei Betreten des Geländes vorgeschlagen werden, ohne dass die App auf die GPS-Daten zugreift? Wer glaubt, Snapchat nutze keine Standortdaten, ist naiv. Dass Tech-Konzerne Nutzer auch offline, also im physischen Raum tracken und detaillierte Bewegungsprofile zeichnen können, ist hinlänglich bekannt und wurde in der Überwachungsdebatte oft genug problematisiert.

Smartphones sind ein perfektes Überwachungsinstrument. Apple weiß, wo sich seine 700 Millionen iPhone-Nutzer aufhalten, Telekommunikationsanbieter wissen, wer sich wo in welches Funknetz einwählt und mit wem kommuniziert. Bei Google heißt es: "Wenn von Google Maps Ihre Aktivitäten aufgezeichnet werden dürfen, merkt sich Maps automatisch, wo Sie Ihr Auto geparkt haben (auch wenn Sie weit entfernt von Ihrem Ziel parken)." Die Algorithmen von Googlemail scannen zum Teil eingehende Dokumente und verknüpfen die Daten mit dem Kartendienst. Wer seine Buchungsbestätigung an sein Googlemail-Postfach schickt, muss damit rechnen, dass beim Aufrufen von Google Maps der Urlaubstermin über dem Hotel steht. Das klingt an sich schon beunruhigend. Doch das Problem ist nicht, dass Technologiekonzerne wissen, wo wir sind, sondern zunehmend, wer wir sind.

Amazon destilliert aus den Kaufgesuchen seiner Kunden detaillierte Psychogramme. Der Suggestivsatz "Das könnte Sie auch interessieren" ist Ausfluss eines ausgeklügelten Weiterempfehlungsmechanismus. Tech-Konzerne können aus den Suchanfragen relativ genau die Stimmungslage ihrer Nutzer ermitteln und im richtigen Moment Reklame lancieren. Es ist ein Allgemeinplatz in der Konsumentenpsychologie: Glückliche Kunden sind kauffreudiger.

Wenn das Auto den Fahrer steuert

Der Datenwissenschaftler Seth Stephens-Davidowitz schreibt in seinem Buch "Everybody Lies: Big Data, New Data, and What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are", dass Google alles über seine Nutzer weiß: sexuelle Vorlieben, Konsumgewohnheiten, politische Präferenzen. Das ist an sich nicht überraschend. Verblüffend ist, dass man Google fast immer die Wahrheit sagt. Man belügt Freunde, Familienangehörige, Behörden und auch Meinungsforscher, aber gegenüber der Suchmaschine sind Nutzer erstaunlich ehrlich.

Vielleicht kennt die Industrie die Verbraucher schon besser als diese sich selbst. In Zusammenarbeit mit Tech-Konzernen tüfteln Autobauer mit Hochdruck an biometrischen Systemen wie Gesichtserkennung, um den Fahrzeughalter zu authentifizieren und das Fahrerlebnis zu personalisieren. Die intelligenten Systeme sollen den Fahrer erkennen und seine Präferenzen (etwa Musikwünsche) antizipieren. Das System speichert die Einstellungen des Fahrers, Sitz und Rückspiegel würden sich bei jedem Fahrerwechsel automatisch justieren.

"Es geht nicht nur um Personalisierung", sagte Zachary Bolton, Ingenieur bei Continental, gegenüber der "New York Times". "Wir können den Lichtblick, das Blitzen in den Augen nutzen, um präzise zu bestimmen, wohin jemand schaut." Ford und Intel wollen laut "New York Times" sogar herausfinden, in welchem Gefühlszustand sich der Fahrer befindet, und abhängig von den Emotionen Musik und Beleuchtung ändern. Es hat auch einen praktischen Sicherheitsnutzen: Schaut der Fahrer auf die Fahrbahn? Ist er abgelenkt? Dann greift der Fahrassistent ein.

Ein ruhiger Fahrer fährt sicherer als ein gereizter und angespannter Fahrer, der einen aggressiven Fahrstil an den Tag legt und andere Verkehrsteilnehmer gefährdet. Das dient der Sicherheit und dem Komfort. Doch der Verbraucher wird dadurch immer gläserner. An den Augen lassen sich Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes ablesen. Würden Autobauer diese sensiblen Daten an Krankenkassen weiterleiten? Mit dem schier unvermeidbaren Datenabfluss geben wir nicht nur Freiheit, sondern auch ein Stück Identität preis.