Facebook ist mit zwei Milliarden Mitgliedern so etwas wie die größte Fabrik der Welt. Zwar glauben die Nutzer, in ihrer Freizeit ihre Chronik zu dokumentieren und zum Ich-Erzähler zu werden, doch tragen sie mit ihrer "Statusarbeit" (Steffen Mau) zur gigantischen Marktkapitalisierung des Netzwerkkonzerns bei. Egal, ob Uber-Fahrer durch Manhattan fahren oder Facebook-Nutzer durch den Newsfeed klicken – überall werden Daten produziert, die von Unternehmen monetarisiert werden, ohne dass der Nutzer davon profitierte. Eigentlich sollte man meinen, dass man mit der Generierung von Daten deren Eigentümer oder zumindest deren Anteilseigner wird. Doch mit dem Unterschreiben der allgemeinen Geschäftsbedingungen entäußern wir uns jedweder Beteiligung. Es ist ein Total-Buy-out.

John Thornhill forderte kürzlich in der "Financial Times", Facebook solle seinen Nutzern ein bedingungsloses Grundeinkommen ausbezahlen. Gründer Mark Zuckerberg müsse seiner Verantwortung als sozialer Unternehmer und Philanthrop gerecht werden und einen Fonds ("Facebook Permanent Fund") auflegen. Es wäre nur fair, den Datenreichtum, den Facebook aus der Aggregierung von Nutzerdaten schöpfe, zu verteilen, argumentiert Thornhill. Zwar würde die Idee bei Aktionären auf wenig Gegenliebe stoßen. Doch eine solche philanthropische Geste wäre der "Marketing-Coup des Jahrhunderts": "Facebook-Nutzer könnten weiterhin Katzenbilder austauschen, wissend, dass jeder Klick zu einem größeren sozialen Gut beiträgt." Das Modell würde auch dem "solutionistischen Mindset" des Silicon Valley entsprechen, das dem Staat misstraut und eher auf private Lösungen setze.

Die Idee ist nicht neu. Die Bewegung "Wages for Facebook" forderte bereits 2014, dass das soziale Netzwerk seinen Nutzern einen Lohn für die Überlassung ihrer Daten auszahlen solle. Auch der Rechtswissenschaftler Tim Wu plädierte dafür, dass Facebook seine Nutzer entlohnen solle. Das soziale Netzwerk sei in Wirklichkeit ein Arbitragesystem; der Wert, der sich aus den Daten extrahieren ließe, stehe in keinem Verhältnis zum Nutzen des sozialen Austauschs. Auch der Internetpionier Jaron Lanier erwog in seinem Buch "Who Owns the Future?" ein Kompensationsmodell für die Nutzung von Internetdiensten.

Die Techniksoziologin Zeynep Tufekci tritt für ein umgekehrtes Modell ein: Sie schlug eine Cash-Option für Facebook vor, bei welcher der Nutzer für mehr Privatsphäre bezahlt. Dass der Vorschlag eines Facebook-Gehalts seinen Weg in die liberal-konservative "Financial Times" schafft, ist dann doch bemerkenswert. Das Blatt ist des Interventionismus gänzlich unverdächtig.

Utopie versus schnöder Profitorientierung

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens findet unterdessen im Silicon Valley immer mehr Anhänger. Neben den Wagniskapitalgebern Marc Andreessen, der im Aufsichtsrat von Facebook sitzt, und Tim Draper hat sich auch der Entrepreneur Sam Altman für das Modell ausgesprochen. Altmans Start-up Y Combinator finanziert einige Pilotprojekte zum bedingungslosen Grundeinkommen. Dass die libertären Entrepreneure, die für so wenig Staat wie möglich eintreten, Partei für ein Umverteilungsprogramm ergreifen, liegt weniger an der Staatsgläubigkeit als an ihrer opportunen Haltung zum Staatswesen. Wenn durch die Automatisierung Jobs vernichtet werden und das auf Konsum gründende Geschäftsmodell zu erodieren droht, soll lieber der Staat und nicht die Tech-Lobby die Schatulle öffnen.

Zuckerberg, der sich offen für das Modell eines Grundeinkommens zeigt, plädierte angesichts der disruptiven Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt für einen neuen "Sozialvertrag". Allein, die Gemeinschaftsstandards, die wie eine Art Grundrechtekatalog ausgestaltet sind und darüber entscheiden, wo die Grenzen der Freiheit liegen, hat sich Facebook in einem Akt der Selbstermächtigung gegeben und der Community aufoktroyiert. Zwar beschwört Zuckerberg den Wert der globalen Community, die er als Erinnerungsgemeinschaft verstanden wissen will; aber sie ist ganz profan auf Datengewinnung und Profit angelegt.

Die Frage ist, wie ein "Facebook-Gehalt" zu rechtfertigen und überhaupt umsetzbar wäre. Der börsennotierte Konzern würde sich hüten, ohne Zwang auch nur einen Cent an seine Nutzer auszuschütten. Warum sollte Facebook einen Teil vom Kuchen abgeben? Die Nutzer liefern ihre Daten frei Haus. Bei einer Schenkung kann man hinterher auch nicht sagen, man hätte den Gegenstand gerne wieder zurück. Der liberale Kolumnist und Blogger James Pethokoukis vom American Enterprise Institute hat noch einen Punkt, wenn er die Forderung als "Get paid to surf the web" (Bezahlt werden fürs Surfen im Netz) abtut: Sie ist seltsam unpolitisch. Dass ein Konzern, dessen Geschäftsmodell im Austausch von Daten gegen Kommunikation gründet, das Amüsement auch noch finanziert, erscheint nicht nur aus marktwirtschaftlicher Sicht fragwürdig. Vielleicht wäre es ein alternatives Modell, einfach weniger Daten zu generieren und seine Zeitkonten in der Aufmerksamkeitsökonomie effektiver zu verwalten.