Tausende Apps, das Internet der Dinge, die totale Vernetzung – die Möglichkeiten der digitalen Revolution sind beeindruckend. Nur eines wird leicht vergessen: Innovative Technik braucht kompetente Menschen, die sie beherrschen, statt von ihr beherrscht zu werden.

Dazu drei Beispiele:

Einer meiner Doktoranden sitzt vor dem Computer und schreibt scheinbar konzentriert an seiner Dissertation. Sein E-Mail-Programm ist dabei jedoch geöffnet – immer. Er wartet nur darauf, unterbrochen zu werden. Liest man am Ende des Tages den Text, erkennt man im Textfluss unschwer, wie oft er unterbrochen wurde.

Eine amerikanische Schülerin sitzt am Steuer ihres Autos und sendet Textnachrichten: "Wenn ein Text reinkommt, muss ich nachsehen. Egal was ist. Zum Glück zeigt mir mein Handy den Text vorne in einem Pop-up-Fenster […] Daher brauche ich beim Fahren nicht zu lange wegzugucken." Wenn sie bei Tempo 80 auch nur zwei Sekunden lang auf das Handy schaut, legt sie 44 Meter im "Blindflug" zurück. Die junge Frau riskiert einen Autounfall – das Smartphone hat die Kontrolle über sie. Genauso wie über die 20 bis 30 Prozent der Deutschen, die am Steuer Textbotschaften lesen oder gar eintippen.

Bei der indischen Parlamentswahl im Jahr 2014, der weltweit größten demokratischen Wahl mit über 800 Millionen Wahlberechtigten, gab es drei Spitzenkandidaten: N. Modi, A. Kejriwal und R. Ghandi. In einer Studie konnten sich unentschiedene indische Wähler mittels einer Web-Suchmaschine über die Kandidaten informieren. Die Teilnehmer wussten allerdings nicht, dass die Webseiten manipuliert waren: Für eine Gruppe wurden mehr positive Einträge über Modi auf der ersten Seite platziert und die negativen Nachrichten nach hinten geschoben. Die anderen Gruppen bekamen auf ähnliche Art und Weise Informationen zu den anderen beiden Kandidaten präsentiert. Im Internet sind vergleichbare Eingriffe gang und gäbe. Man schätzt, dass derartige Manipulationen dem auf der ersten Seite platzierten Kandidaten 20 Prozentpunkte mehr Stimmen bei den unentschiedenen Wähler bringen.

Digitale Selbstkontrolle sollte Kindern bereits in der Schule vermittelt und auch von den Eltern vorgelebt werden

In jedem dieser drei Fälle wird das Verhalten der Menschen von digitaler Technologie kontrolliert. Kontrolle zu verlieren, ist an sich nichts Neues, aber die digitale Revolution schafft neue Möglichkeiten.

Was können wir tun? Dazu gibt es drei konkurrierende Visionen. Da ist zuerst einmal der Techno-Paternalismus, der (mangelnde) menschliche Urteilskraft durch Algorithmen ersetzen will: Der abgelenkte Studierende könnte ein KI-Programm einsetzen, das Masterarbeiten und Dissertationen verfasst, er selbst müsste nur noch Thema und Eckdaten eingeben. Eine solche Algorithmisierung würde auch das Problem mit den leidigen Plagiatsfällen lösen, da die dann ja der Normalfall wären.

Noch ist diese Lösung Fiktion, aber in vielen Bereichen wird menschliche Urteilskraft bereits weit gehend durch Programme ersetzt. Die App "BabyConnect" dokumentiert zum Beispiel den Alltag von Säuglingen – Größe, Gewicht, wie oft gestillt wurde, wie oft die Windeln nass waren und vieles mehr – und neuere Apps vergleichen das eigene Baby über eine Echtzeit-Datenbank mit den Kindern anderer Nutzer. Das Kind wird für die Eltern zu einem Datenvektor und ganz normale Abweichungen oft zur Quelle unnötiger Sorgen.

Die zweite Vision heißt "Nudging". Statt den Algorithmen gleich die ganze Arbeit zu überlassen, lenkt man Menschen in eine bestimmte Richtung, oft ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst sind. Das Experiment zu den Wahlen in Indien ist ein gutes Beispiel dafür. Wir wissen, dass die erste Seite der Google-Suche etwa 90 Prozent aller Klicks erhält und davon die Hälfte auf den ersten beiden Einträgen. Dieses Wissen über menschliches Verhalten macht man sich nun zu Nutze und manipuliert die Reihenfolge der Einträge so, dass die positiven Nachrichten über einen bestimmten Kandidaten oder ein bestimmtes kommerzielles Produkt auf die erste Seite erscheinen. In Ländern wie Deutschland, wo die Websuche durch eine einzige Suchmaschine (Google) dominiert ist, eröffnet dies ungeahnte Möglichkeiten für eine Fernsteuerung der Wähler. Genauso wie der Techno-Paternalismus nimmt Nudging dem Menschen das Steuer aus der Hand.

Aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit – meine Vision heißt Risikokompetenz: Menschen wird die Fähigkeit vermittelt, die Medien zu kontrollieren, statt von ihnen kontrolliert zu werden. Risikokompetenz im Allgemeinen betrifft den informierten Umgang mit Gesundheit, Geld und modernen Technologien. Digitale Risikokompetenz bedeutet, die Chancen digitaler Technologien nutzen zu können, ohne zugleich abhängig oder manipuliert zu werden. Und das ist gar nicht so schwierig. Mein Doktorand hat inzwischen gelernt, seinen E-Mail-Account nur dreimal am Tag einzuschalten – morgens, mittags und abends – und sich dazwischen ungestört auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Digitale Selbstkontrolle sollte Kindern bereits in der Schule vermittelt und auch von den Eltern vorgelebt werden. Zwar will uns so manch ein Paternalist glauben machen, wir Menschen seien nicht intelligent genug, um je risikokompetent zu werden. Aber ebenso hat man vor einigen Jahrhunderten behauptet, dass die meisten Menschen nie Lesen und Schreiben lernen würden – heute kann das so gut wie jeder. Genauso kann jeder lernen, vernünftiger mit Risiken umzugehen. Um dies zu erreichen, müssen wir radikal umdenken und in Menschen investieren, statt sie durch intelligente Technologie zu ersetzen oder manipulieren. Im 21. Jahrhundert brauchen wir nicht noch mehr Paternalismus und Nudging, sondern mehr informierte, kritische und mündige Bürger. Es wird Zeit, die Fernbedienung für das eigene Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.