Die Menschheit hat sehr lange gebraucht, um die wissenschaftliche Methodik zu entwickeln. Genauer gesagt, existiert sie erst seit wenigen hundert Jahren. Viele stutzen jetzt und verweisen auf Aristoteles oder Archimedes. Aber die alten Griechen waren keine Wissenschaftler. Archimedes hat eine Entdeckung gemacht, aber er hat die Hintergründe dieser Entdeckung nie überprüft. Auch Aristoteles war der Meinung, dass man die Geheimnisse der Natur durch reines Nachdenken erforschen könne. In der griechischen Philosophie gab es keine Doppelblindstudien. Weder Demokrit noch Sokrates kümmerten sich um Evidenzen, Verifizierbarkeiten und Kontrollgruppen. So ist es zum Beispiel zu erklären, dass Aristoteles der festen Überzeugung war, Männer hätten mehr Zähne im Mund als Frauen. Einfach nachzuschauen, war ihm viel zu unphilosophisch.

Banal gesagt ist wissenschaftliches Denken eine Methode zur Überprüfung von Vermutungen. Wenn ich vermute: "Im Kühlschrank könnte noch Bier sein …", und ich schaue nach, dann betreibe ich im Prinzip schon eine Vorform von Wissenschaft. In der Theologie dagegen werden Vermutungen in der Regel nicht überprüft. Wenn ich also nur behaupte: "Im Kühlschrank ist Bier", bin ich Theologe. Wenn ich nachsehe, nichts finde, aber trotzdem behaupte: "Es ist Bier drin!", dann bin ich Esoteriker.

An dieser Stelle fragen sich vielleicht einige: "Aber was mache ich, wenn der Kühlschrank abgeschlossen ist?" Dann muss ich anderweitig versuchen, die Wahrheit herauszufinden. Ich kann ihn schütteln. Ich kann ihn wiegen. Ich kann ihn mit Röntgenstrahlen durchleuchten. Ich kann das Ding sogar abfackeln und danach die Verbrennungsprodukte auf Bierrückstände untersuchen. Das macht die Sache natürlich extrem aufwändig und langwierig. Deswegen kann ein Esoteriker in fünf Minuten auch mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann.

Der Beginn der Wissenschaft: Im Grunde eine Revolution der Unwissenheit

Doch selbst wenn ich alle möglichen Experimente durchgeführt habe, habe ich nie die volle Gewissheit, ob in diesem blöden Kühlschrank tatsächlich Bier ist. Ein Restzweifel bleibt immer. Weil ich mit jedem Experiment nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit sehen kann. Das ist der Grund, weshalb es in der Wissenschaft kein absolut gesichertes Wissen gibt.

Das ist im normalen Leben genauso: Ein Bauer kommt jeden Morgen zum Füttern in den Gänsestall. Die Gänse denken sich: "Mensch, der Bauer … ein super Typ!" Kurz vor Weihnachten allerdings wird ihnen schlagartig klar: "Irgendwas an unserer Theorie ist faul …"

Im Fachjargon nennt man so etwas "Falsifizierbarkeit". Jede Theorie gilt nur so lange als richtig, bis sie durch eine bessere ersetzt wird. Und dadurch irren wir uns quasi nach oben.

Es ist erstaunlich, dass sich diese Idee erst so richtig im 17. Jahrhundert durchsetzte. Dank Personen wie Francis Bacon, Johannes Kepler, Galileo Galilei und René Descartes. Im Grunde war es eine Revolution der Unwissenheit. Ihre große Entdeckung war die Erkenntnis, dass wir Menschen nicht im Besitz der Wahrheit sind und wir auf die wichtigen Fragen (noch) keine Antworten haben.

Vor einigen Jahren schrieb der inzwischen verstorbene Literaturprofessor Dietrich Schwanitz in seinem Besteller "Bildung": "Die naturwissenschaftlichen Kenntnisse werden zwar in der Schule gelehrt; sie tragen auch einiges zum Verständnis der Natur, aber wenig zum Verständnis der Kultur bei. Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht."

Eine – wie ich finde – sehr arrogante Haltung. Denn wer Naturwissenschaft betreibt, lernt nicht nur etwas über Formeln und Zahlen, sondern er lernt vor allem, was Wissenschaft im Kern bedeutet: skeptisch zu sein, kritische Fragen zu stellen, Autoritäten nicht blind zu vertrauen.

Das größte Geschenk der Wissenschaft besteht darin, dass sie uns etwas über den Gebrauch geistiger Freiheit lehrt. Lernen, die richtigen Fragen zu stellen; überprüfen, welche Gründe verlässlich sind; und sich bewusst sein, dass man vieles nur sehr unzulänglich weiß.

Oder wie es der Nobelpreisträger Richard Feynman treffend formulierte: "Naturwissenschaft ist eine lange Geschichte, wie wir gelernt haben, uns nichts mehr vorzumachen." Noch vor 400 Jahren wurde jedes Unwetter und jede Krankheit, alles, was irgendwie außerhalb der Normalität war, als Hexenwerk bezeichnet. Heute liefern Molekularbiologie und Meteorologie eine Erklärung für das, was noch vor wenigen Jahrhunderten ausgereicht hat, um Frauen zu verbrennen.

Im Gegensatz zu Ideologien, Religionen oder Weltanschauungen bringen die Wissenschaften den Menschen also nicht bei, was sie denken sollen, sondern wie sie denken sollen.

Mehr über die Vorteile des wissenschaftlichen Denkens gibt es in Vince Eberts Programm "Zukunft is the Future" und unter www.vince-ebert.de