Drogen und Pfeilgifte in der Indianermedizin

Bruno Wolters



Einführung

In den Jahren 1976 bis 1985 fand ein vom Anthropologen Tom Dillehay geleitetes Ausgrabungsteam am 12 500 Jahre alten späteiszeitlichen Fundplatz Monte Verde im südlichen Mittelchile Reste von 72 verschiedenen Pflanzenarten bzw. -gattungen, darunter 34 Heilpflanzen. Von 23 konnte die Artzugehörigkeit sicher bestimmt werden, und deren medizinische Hauptindikationen (Schmerzlinderung, Wundheilung und Fieber sowie Tonika und Stimulantien) zählen heute noch zu den Schwerpunkten der Medizin der Mapuche (Araukaner) in Chile. Besonders bemerkenswert war die Auffindung von zerkauten Boldoblättern (Peumus boldus), die bis heute auch bei uns als Leber-Galle-Mittel dienen. Auch der Canelo oder Wintersrindenbaum (Drimys winteri), das heutige "Allheilmittel" der Mapuche und frühere Antiskorbutikum (Cortex Winteranus) auf Segelschiffen, Massen von Bärlappsporen (Lycopodium), die in Chile bei Hautreizungen und Geschwüren als Reizlinderungs- bzw. Austrocknungsmittel verwendet werden, sowie einige Myrtaceen, Drogen mit Gerbstoffen und ätherischem Öl, sind unter diesen ältesten Zeugnissen der indianischen Medizin bereits vertreten.

Indianische Heilpflanzen und ihre Anwendung

Indianische Medizin ist - abgesehen von der Verwendung von Hausmitteln - eine Kombination von Erfahrungsheilkunde und religiösen Ritualen. Für schwere und unerklärliche Krankheitsfälle ist ein Schamane als "Medizinmann" zuständig. Dieser erkennt die magischen Ursachen (Tabuverletzung, Verlust der Seele bei einem Traum, Verhexung u.ä.) gegebenenfalls per Visionssuche mit einer halluzinogenen Droge und behandelt sie rituell. Häufig wird das Leiden durch Heraussaugen der Krankheit oder des hineingehexten Gegenstandes aus dem Körper behandelt, zugleich oder anschließend mit Heilpflanzen.

Besonders in den Hochkulturen Mexikos und Perus war die Medizin hochentwickelt. Die Menschen kannten und verwendeten: Bäder, Schwitzbäder, Inhalationen, Einreibungen, Klistiere, Schienung von Knochenbrüchen, Pasteurisierung von Wundreinigungsmitteln, Operationsinstrumente (Obsidianmesser), Haare für Wundnähte. Narkotisierung mittels Rauschdrogen (Stechapfel; Datura-Arten) vor schmerzhaften Operationen war bei Puebloindianern in den USA und bei Mapuche in Chile noch im 20. Jh. üblich.

Ethnobotaniker haben in Nordamerika über 2 000 indianische Arzneipflanzen registriert, in Mexiko über 3 000, unter 18 000 bzw. 23 000 Pflanzenarten insgesamt in diesen Regionen. Die älteste indianische Heilpflanze aus Nordamerika, die schon im 16. Jh. nach Europa verpflanzt wurde, war der Amerikanische Lebensbaum (Thuja occidentalis). Die Huronen am Sankt-Lorenz-Strom in Kanada retteten mit Abkochungen aus grünen Lebensbaumzweigen einem Teil der Schiffsmannschaft des bretonischen Entdeckers Jacques Cartier, die an schwerem Skorbut und Fieber erkrankt war, das Leben. Indianer verwenden die Zweige auch bei Erkältungen, Husten und anderen Infektionen wie auch bei Hautleiden. Diese Anwendungen sind durch die in den Zweigen enthaltenen immunstimulierenden Polysaccharide plausibel, deren Wirkung auch wir bei entsprechenden Infektionen nutzen. Überhaupt sind bei nordamerikanischen Indianern seit altersher immunstimulierend wirkende Pflanzen in Gebrauch bei Atemwegserkrankungen, Mandelentzündung und Fieber: die Sonnenhut-Arten (Echinacea-Arten), der Falsche Indigo (Baptisia tinctoria), der Durchwachsenblättrige Wasserhanf (Eupatorium perfoliatum; Eupatorium-Arten) und die Amerikanische Kermesbeere (Phytolacca americana).

Ein wichtiges Gebiet der Indianermedizin ist die Frauenheilkunde mit insgesamt 462 Pflanzenarten allein bei den Völkern Nordamerikas. Wir haben einige davon übernommen, so die Trauben-Silberkerze (Cimicifuga racemosa), die von Indianern bei Menstruationsstörungen und in der Geburtshilfe genutzt wird, die Frauenwurz (Caulophyllum thalictroides) und die Schneeball-Art Viburnum prunifolium (Viburnum-Arten).

An weiteren Pflanzen, deren Heilwirkung von nordamerikanischen Indianern zuerst entdeckt wurde, seien genannt: der Kalifornische Goldmohn oder Schlafmützchen (Eschscholzia californica) als Einschlafhilfe, die Blätter des Amerikanischen Berglorbeers (Kalmia latifolia) als Rheumamittel, die Senegawurzel von Polygala senega (Polygala-Arten) als Sekretolytikum bei Bronchitis und Husten, die Virginische Zaubernuß (Hamamelis virginiana) bei Venenerkrankungen, Haut- und Schleimhautentzündungen, zur Wundbehandlung und Blutstillung sowie bei Hämorrhoiden.

Die Maya nutzten bereits die Herzwirksamkeit der Königin der Nacht (Selenicereus grandiflorus) und die sedative Wirkung der in Yucatan wachsenden Passionsblumen-Arten (wir verwenden die nordamerikanische Passiflora incarnata zum gleichen Zweck). Von peruanischen Indianern wurden die Wirkungen der Ratanhiawurzel (von Krameria triandra) bei Mundschleimhautentzündungen entdeckt, die bei ihnen auch zur Zahnpflege dient, ebenso die antibiotische Aktivität der Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus), die bei Hautkrankheiten, Bronchitis und anderen Infektionen genutzt wurde, und die Wirksamkeit von Anguraté (Mentzelia cordifolia) bei verschiedenen Magenleiden, die bei funktionellen Oberbauchbeschwerden der des synthetischen Metoclopramid® gleichkommt.

Brasilianische Indianer kannten bei der Ipecacuanha-Wurzel (Cephaelis ipecacuanha; Cephaelis-Arten) nicht nur deren Brechwirkung - der indianische Name "Ipecaáguéme" bedeutet "kleines Kraut am Wege, das Erbrechen erregt" -, sondern auch ihre antibiotische Aktivität bei Amöbenruhr und ihre Brauchbarkeit in geringer Dosierung als Sekretolytikum bei Bronchitis. Indianer Kolumbiens benutzen Luffaschwämmchen (Luffa-Arten; das faserige Gerüst der kleinen Früchte dieses Kürbisgewächses) zur Erzeugung eines "Heilschnupfens", bei der durch kurzfristige Einführung des Schwämmchens in die Nasenlöcher eine Reinigung der Nasenhöhlen von verhärtetem Sekret, Eiter etc. erzielt wird. Diese Therapie ist auch bei uns eingeführt.

Ein besonderes Kapitel sind die indianischen Schmerz- und Rauschmittel. Medizinmänner und Curanderos verwenden außer relativ harmlosen Schmerzmitteln auch stark wirksame Drogen wie Tabak, Peyote, Stechapfel und Cocablätter. Die bei uns übliche begriffliche Trennung von Arznei- und Rauschmitteln existiert bei Indianern nicht; der Begriff "Medizin" umfaßt bei ihnen weit mehr (vgl. oben).

Ein sehr verbreitetes Schmerzmittel ist der Tabak (Nicotiana tabacum und N. rustica), bei dem die schmerzlindernde Wirkung des Nicotins vorsichtigerweise nur äußerlich eingesetzt wird; Nicotin dringt allerdings durch die Haut. In Peru werden Tabakblätter bei Ohrenschmerzen in den Gehörgang eingebracht, bei Kopf- und Zahnschmerzen als Umschlag aufgelegt, bei den Maya desgleichen bei Rücken-, Herz- und Unterleibsschmerzen. Kallawaya-Wanderheiler in Bolivien und Peru empfehlen Schnupftabak gegen Migräne. Bei anderen Erkrankungen gibt man Tabak aber auch innerlich, als Tee oder Klistier.

Das Mescalin im Peyote-Kaktus (Lophophora williamsii) wirkt halluzinogen, weshalb die oberen Teile dieses Kaktus seit 8 000 Jahren in Mexiko als Visionsdroge dienen. Peyote ist bei mexikanischen und nordamerikanischen Indianern zugleich Heilpflanze und Schmerzmittel bei Rheuma-, Muskel- und Zahnschmerzen. Die Schmerzlinderung ist belegt.

Der Stechapfel (Datura stramonium und andere als "Toloache" bezeichnete Datura-Arten) gebrauchen mexikanische Indianer äußerlich bei Kopf-, Ohren-, Muskel- und Rückenschmerzen wie rheumatischen Schmerzen und Neuralgien, innerlich bei Geburtsschmerzen. Die Verwendung als Narkosemittel wurde schon genannt.

Das berühmteste Schmerzmittel südamerikanischer Indianer sind die Cocablätter von Erythroxylum coca und Erythroxylum novogranatense. Bei Indianern der Kordillerenländer sind die cocainhaltigen Blätter nicht nur ein mehrmals täglich genossenes Dopingmittel, sondern als Schmerzmittel so populär wie bei uns das Aspirin, und auch sonst ist diese Droge bei ihnen ein vielfältig genutztes Arzneimittel. Kallawaya-Heiler verordnen Cocablätter heutzutage vorsichtigerweise meist nur äußerlich: Bei Erkältungen, Schüttelfrost, Muskelsteife (Inhalation bzw. Einreibung); bei Verbrennungen Cocablätter als Umschlag; bei geschwollenen und müden Füßen Waschung mit einer Coca-Abkochung; bei Magen-Darm-Störungen einen Coca-Umschlag mit Salz auf dem Unterleib: bei Kopfschmerz Auflegen von leicht zerkauten Cocablättern. Nur bei Koliken, Gastritis sowie anderen Verdauungsproblemen erfolgt eine innerliche Anwendung.

Rauschpilze (vor allem Psilocybe-Arten) dienten nach dem Bericht von Bernardino de Sahagún (1569) bei den Azteken nicht nur als Visionsdroge. Auch bei Fieber und Gicht wurden sie benutzt. Psilocybe barrerae ist bei mexikanischen Indianern Schmerzmittel für Zahn- und Magenschmerzen.

Die als Zierpflanzen bekannten Engelstrompeten (Brugmansia-Arten, früher bei Datura eingeordnet) werden in Tälern der Anden-Ostseite und im kolumbianischen Teil Amazoniens wie der Stechapfel aufgrund der gleichen Tropanalkaloide als Halluzinogene benutzt. Zugleich sind ihre Blattdekokte dort Fieber-, Rheuma- und Schmerzmittel sowie Sedativa.

Entsprechendes gilt auch für die Yakée oder Paricá (Virola-Arten). Der rote getrocknete Saft der inneren Rindenschicht dieser Bäume wird als Visionsdroge geschnupft oder verschluckt. Er wird aber äußerlich bei Hautentzündungen, Erysipel, Krätze, zur Blutstillung und Wundheilung verwendet. Der Saft von Virola calophylla und V. theiodora wird bei Hautpilzinfektionen während zwei Wochen mit Erfolg auf die infizierte Region aufgetragen.

Pfeilgifte

Die Zahl der indianischen Pfeilgifte ist vor allem im tropischen Südamerika recht groß, wo sie unter den Namen "curare", "urari" oder "wurali" bekannt sind. An einschlägigen Giftpflanzen werden Arten von 27 Pflanzengattungen aus 12 Pflanzenfamilien genannt. Die allermeisten enthalten Alkaloide als Wirkstoffe. Die Tikuna im amazonischen Teil Kolumbiens gebrauchen 25 verschiedene Pflanzenarten für ihre Pfeilgifte. Auch die Kofán an den Quellflüssen des Rio Putumayo im Grenzgebiet von Kolumbien und Ekuador sind Meister der Curare-Herstellung. Sie verwenden außer den im Amazonasgebiet meistbenutzten Lianen-Gattungen Strychnos (Strychnos-Arten, Fam. Loganiaceae) und Chondodendron (Fam. Menispermaceae) auch Arten der Gattungen Abuta, Curarea und Orthomene (ebenfalls Menispermaceae), Ocotea venenosa (Fam. Lauraceae) und Unonopsis veneficiorum (Fam. Annonaceae). Bei Indianern Brasiliens sind außerdem der Ritterstern (Hippeastrum puniceum, eine der "Amaryllis"-Arten unter unseren Zierpflanzen) und Hülsenfrüchtler (Leguminosen) in Gebrauch; letztere mit Rotenoiden als Wirkstoffen, die zugleich Fischgifte sind. In Nordamerika ist der Gebrauch von Giftpfeilen sehr selten. Die Thompson in Westkanada verwenden giftige Hahnenfußarten (Ranunculus sceleratus und andere) mit dem giftigen Protoanemonin, einem Lacton.

Bei der Präparation der Gifte kochen Schamanen wäßrige Auszüge aus zerkleinerten Pflanzenorganen (bei Strychnos-Arten der Rinde, bei Chondodendron Holz mit Rinde) in 25 Liter fassenden Tongefäßen. Rituelle Gebräuche und begleitende Gesänge gelten als wichtig, wenn die Zubereitung gelingen soll. Das sirupartig konzentrierte Gift wird in Südamerika in kleine Gefäße umgefüllt, für Strychnos-Gifte vorwiegend in Kalebassen ("Kalebassen-Curare"), für Chondodendron-Gift oft in Bambusrohre ("Tubo-Curare") oder in kleine Tontöpfe ("Topf-Curare"). Viele Curare-Sorten enthalten zusätzlich Gifte von weiteren Pflanzen oder nur andere, was die Curare-Forschung erschwert hat. Der giftige Sirup wird auf Pfeil- oder Speerspitzen gestrichen und getrocknet. Mit dem Blasrohr verschossene Giftpfeile dienen dazu, Vögel und kleinere Baumtiere zu erlegen. Durch Curare gelähmt, fallen die Tiere auf den Boden und können so leicht erbeutet werden.

Das lähmend wirkende Tubocurarin aus Chondodendron tomentosum wird bei uns als Muskelrelaxans in der Narkosetechnik genutzt; C-Toxiferin 1 aus Strychnos toxifera fand zeitweilig gleichartige Verwendung. Zur Zeit wird ein tierisches Pfeilgift aus dem südamerikanischen Frosch Epipedobates tricolor, das Alkaloid Epibatidin, als chemische Leitstruktur zur Synthese neuartiger Schmerzmittel erprobt.

Curare-Gifte sind nur in der Blutbahn hochtoxisch; peroral sind sie wenig giftig. Infolgedessen kann das Fleisch der erbeuteten Tiere unbedenklich verzehrt werden. Und deshalb können manche Pfeilgiftpflanzen von Indianern auch als Arzneipflanzen genutzt werden.

Der Knorpelbaum (Chondodendron tomentosum) ist im peruanischen Teil Amazoniens nicht nur Quelle für Curare. Seine Wurzel gilt als harntreibendes Mittel bei Nierensteinen, Ödemen und Hodenentzündung, auch als Fiebermittel. Indianer im kolumbianischen Amazonien verwenden sie bei Wassersucht, Geisteskrankheit und äußerlich bei Quetschungen. Unter der Bezeichnung "Radix Pareirae bravae" wurde die Wurzel in Europa 250 Jahre lang bei Nierensteinen verwendet. Erst 1935 erkannte man, daß man die Wurzel einer Pfeilgiftpflanze benutzt hatte.

Die Blätter von Unonopsis veneficiorum sind bei den Puinave in Kolumbien, die die Pfeilgiftwirkung dieser Pflanze nicht kennen, ein Geriatrikum bei Altersdemenz. Sie geben die Blätter in das Essen für alte Menschen, die "vergessen, wie man spricht". Leider sind bei allen Curare-Pflanzen - wie übrigens auch bei einigen Halluzinogenen - nur die Alkaloide erforscht, so daß wir über die indianischen Verwendungen als Heilpflanzen bislang kein Urteil abgeben können.

Obwohl wir eine Anzahl indianischer Arzneipflanzen in unseren Arzneischatz übernommen haben und mancher Wirkstoff als Leitstruktur für die Herstellung halb- und vollsynthetischer Arzneistoffe gedient hat, steckt in der Medizin der Indianer auch heute noch ein Potential für neue Heilpflanzen und Wirkstoffe. Leider ist dieses Potential durch die wachsende Waldzerstörung gefährdet.

Literatur

Argueta Villamar, A., et al.: Atlas de las plantas de la medicine tradicional mexicana, Tom. I-III. Mexico 1994.

Dillehay, T. (Ed.): Monte Verde. A late Pleistocene settlement in Chile, 2 Bde., Washington u. London, 1989 und 1997.

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Wolters, B.: Drogen, Pfeilgift und Indianermedizin - Arzneipflanzen aus Südamerika, Greifenberg 1994. -

Wolters, B.: Agave bis Zaubernuß - Heilpflanzen der Indianer Nord- und Mittelamerikas, Greifenberg 1996.